Einschätzungen von Biologin Kaja Heising
So viel Abstand sollten Menschen zu den Wisenten halten

Die Abstandsregel ist klar: Verschwindet ein Wisent beim Anpeilen hinter dem Daumen, reicht der menschliche Abstand zu den Tieren aus.
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  • Die Abstandsregel ist klar: Verschwindet ein Wisent beim Anpeilen hinter dem Daumen, reicht der menschliche Abstand zu den Tieren aus.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

howe Bad Berleburg. Die Wiederansiedlung von Wisenten im Rothaargebirge ist längst zum Politikum geworden. Seit ein paar Sauerländer Waldbauern den Wisent-Trägerverein wegen der Schälschäden in deren Privatwald verklagt haben, hat es die Thematik inzwischen bis an den Bundesgerichtshof geschafft. Eine Entscheidung, das Projekt zu beenden und die frei lebenden Wisente wieder einzufangen, will offenbar niemand treffen. So hat sich zuletzt NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser eingeschaltet und einen Kompromiss vorgeschlagen: die Tiere für fünf Jahre in ein über 500 Hektar großes Gatter zu bringen, um in der Zeit eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen mit dem Ziel, die Wisente schließlich wieder auszuwildern.
Den Sauerländer Waldbauern behagt das gar nicht. Sie befürchten trotzdem weitere Schäden an ihren Bäumen. Fakt ist: Die Wisente unterliegen gemäß Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie europaweit strengem Schutz, weil die Wildrindart stark gefährdet ist.

Wisente nur noch "potenziell gefährdet"

Auch nach dem deutschen Bundesnaturschutzgesetz handelt es sich beim Wisent um eine streng geschützte Art. So einfach sind also Eingriffe gar nicht möglich.

Wisente spielen eine wichtige Rolle für das Ökosystem

Die seltenen Wisente zu schützen und die Art zu erhalten, hat natürlich einen Grund. „Im Ökosystem spielt der Wisent eine Rolle“, sagt Kaja Heising als wissenschaftliche Koordinatorin, „die während seiner Abwesenheit durch keinen anderen großen Pflanzenfresser ersetzt werden konnte. Mit ihrem Fress-, Sozial- und Wanderverhalten tragen Wisente zu einer reicheren Biodiversität bei. Je höher die Artenvielfalt, umso widerstandsfähiger das Ökosystem.“ Wisente bereichern ihren Lebensraum in unterschiedlicher Weise: Durch das Wälzen an den gleichen Stellen kreieren sie beispielsweise Mikro-Lebensräume für Pionierpflanzen, Laufkäfer, Brutplätze für verschiedene Wespenarten und Wärmequellen für Libellen, Schmetterlinge und Reptilien.

25 Wisente leben zurzeit als Herde in freier Natur

„So entsteht ein gedeckter Tisch für kleine Raubtiere, Vögel oder Fledermäuse, die sich wiederum von diesen kleineren Tieren ernähren“, erklärt Kaja Heising. Über sein Fell trägt der Wisent Pflanzensamen mit sich, wodurch sich Pflanzen vermehren und ausbreiten können. Selbst der Dung des Wisents ist eine Bereicherung, da ein großer nasser Fladen besonders attraktiv für Mistkäfer ist, die sich von diesem ernähren und ihre Eier in die Haufen legen, um sich dort als Larven zu entwickeln. Diese bieten ebenfalls eine Nahrungsquelle für Insektenfresser wie Vögel, Dachse, Fledermäuse. Von Pilzen, die bevorzugt auf Dung wachsen, ganz zu schweigen. 25 Wisente leben zurzeit als Herde in freier Natur im Rothaargebirge, inzwischen sind davon 22 in der Freiheit geboren.
Die Herde wird von einer Leitkuh geführt, sie und einer zweite dominante Kuh sind besendert. Mit den Daten der Sendehalsbänder kann – zu wissenschaftlichen und zu Zwecken des Managements – ermittelt werden, wo sich die Tiere wann aufhalten. Begegnen Menschen den Wisenten, sollten sie mindestens 50 Meter Abstand halten.

Die Abstandsregel ist klar: Verschwindet ein Wisent beim Anpeilen hinter dem Daumen, reicht der menschliche Abstand zu den Tieren aus.
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„Dafür gibt es die Abstands-Daumen-Regel“, sagt Kaja Heising. Sobald die Tiere entdeckt werden, streckt man den Arm aus, peilt die Wisente mit dem Daumen an. Können die Tiere mit dem Daumen verdeckt werden, passt der Abstand.

Wisente begegnen dem Menschen in der Regel gelassen

„Wisente weisen ein anderes Fluchtverhalten auf, als man es zum Beispiel von Reh oder Hirsch kennt. Ein Wisent entscheidet erst, ob es überhaupt nötig ist, wegzulaufen.“ Da vom Menschen in der Regel keine Gefahr ausgeht, bleiben Wisente bei einer Begegnung meistens gelassen. Trotzdem sollte man den Tieren mit entsprechendem Respekt begegnen. Kaja Heising: „Wir beobachten bei den in Freiheit geborenen Tieren, dass sich die Distanz, welche sie zum Menschen halten, im Vergleich zu den damals ausgewilderten Wisenten vergrößert.“ Wobei eines auch klar ist: Wie jedes Tier verteidigt auch der Wisent seine Nachkommen. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Wolf und Hund. „Darum werden Hunde in der Regel vertrieben“, erläutert Kaja Heising. Die Wisent-Forschung ist freilich nicht abgeschlossen.
„Wir forschen kontinuierlich in verschiedensten Fachbereichen und teilweise auch auf interdisziplinärer Ebene. Es besteht bereits großes Interesse an den Forschungsthemen, die bei uns stattfinden“, weiß die Biologin. Vision sei, dieses starke Netzwerk zu erhalten und noch weiter auszubauen, „sodass die uns nacheifernden Auswilderungsprojekte in Westeuropa von unseren Erkenntnissen profitieren können.“ Das Wisentprojekt setze sich intensiv für Wissensvermittlung ein, um eine höhere Akzeptanz für Wiederansiedlungsprojekte in der Gesellschaft zu schaffen. So würden potenzielle Konflikte nachhaltig minimiert werden können. „Schließlich gehen im Rothaargebirge schon Kinder zur Schule, die ein Leben ohne Wisente in ihrer Heimat nicht kennen.“

Die Abstandsregel ist klar: Verschwindet ein Wisent beim Anpeilen hinter dem Daumen, reicht der menschliche Abstand zu den Tieren aus.
Der Wisent ist es dem Ökosystem nicht mehr wegzudenken, weil er es mit seiner Anwesenheit bereichert. Untersuchungen haben ergeben, dass andere Tiere von ihm profitieren.
Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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