Stärkung für Kranke

sz Bad Berleburg. Direkt im Anschluss an die Jahreshauptversammlung der Wittgensteiner Atempause zahlte es sich schon aus, dass der Verein Rüdiger Saßmannshausen in seinen Beirat gewählt hatte. In einem vollbesetzten Gemeindesaal referierte der niedergelassene Berleburger Psychiater vor rund 70 Zuhörern über das Thema „Menschenwürdiger Umgang mit Demenzkranken“. Dabei grenzte er die Krankheit genau ab. Das wesentliche Merkmal einer Demenz-Erkrankung sei, dass durch die Erkrankung die Verrichtungen des alltäglichen Lebens beeinträchtigt sein müsse, und nicht nur eine rein altersgemäße Vergesslichkeit vorliege. Im weiteren Krankheitsverlauf kämen Orientierungsmängel, Schwierigkeiten, sich sprachlich auszudrücken, Probleme mit der angemessenen Beurteilung von Gegebenheiten und beim abstrakten Denken, Stimmungs-Schwankungen und Verhaltens-Auffälligkeiten sowie Veränderungen der Persönlichkeit hinzu. Es sei gerade das gestörte Zusammenspiel von Wahrnehmung, Alltagskompetenz und Verhalten charakteristisch, wobei die Verhaltens-Änderungen besonders belastend für die pflegenden Angehörigen seien.

Zu Beginn der Erkrankung spüre der Erkrankte zwar, dass sich mit ihm und in seinen Lebensbezügen irgendetwas besonders verändere, und er leide auch darunter, ohne dies aber für andere verstehbar äußern, geschweige, in offener Weise dieses Problem angehen zu können. Mit zunehmender Erkrankung verliere sich das Bewusstsein des eigenen Leidens bis hin zur Gnade, das Leiden selbst zu vergessen. Für die pflegenden Angehörigen nehme jedoch im Verlauf der Erkrankung die Belastung deutlich zu.

Bevor die Diagnose „Demenz“ überhaupt gestellt werde, ziehe sich der Betroffene oft schon sozial zurück, nicht selten entwickelten sich Depressionen. Meist komme es erst zur Vorstellung beim Arzt, wenn bereits der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört sei, mit nächtlichem Herumgeistern oder das Verhalten schon von Erregtheit, Angst, Feindseligkeit oder ungerechtfertigten Beschuldigungen geprägt sei. Deutlich werde dann der Teufelskreis, in den der Erkrankte hineingeraten sei. Das Erleben des Kompetenzverlustes im Alltag führe zu irrigen Erklärungen und unguten Gefühlen, die der Betreffende aber vermeiden wolle. Er traue sich nichts mehr zu, so komme es zu weiterem, unnötigem Kompetenzverlust. An Beispielen wurde erläutert, wie durch einfache Veränderung der Kommunikation mit direkter Ansprache, kurzen Anweisungen und unaufdringlichem Körperkontakt Überforderung vermieden und von Frustration und Gereiztheit entlastet werden kann.

In der konkreten Strategie, „in den Schuhen des Demenzkranken gehen“ zu lernen, zeige sich deutlich der Gewinn für die betreuenden Angehörigen, wenn es ihnen gelinge, über eine gelassene, wohlwollende und gelegentlich humorvolle Haltung Nähe, Vertrauen und Sicherheit zu schaffen. „Ein Demenzkranker mit einem gestärkten Selbstwertgefühl ist weniger verwirrt.“ An zahlreichen plastischen Beispielen aus seiner psychiatrischen Praxis, aber auch aus seinem eigenen Erleben als selbst betroffener Angehöriger schilderte Rüdiger Saßmannshausen die Irrwege und ebenso die Möglichkeiten in der Betreuung Demenzkranker. Er vermittelte in seinen Schilderungen das Ziel, eine offenere und würdigere persönliche wie letztlich auch gesellschaftliche Haltung zu Demenzkranken wie natürlich auch ihren Angehörigen gegenüber zu entwickeln.

Insofern konnte der Vortrag als gelungene Werbung für die Atempause verstanden werden, die es den Angehörigen ermöglichen will, stundenweise Luft in ihrer schweren Aufgabe zu bekommen, um nicht selbst in einen Teufelskreis aus Überforderung und Schuldgefühl zu geraten. Es soll eine Hilfe sein, sich in der Pflege nicht selbst zu vergessen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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