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Trotz Lockdown (mit Kommentar)
Tagestouristen überrollen Winterberg

Dafür, dass an den offiziellen Winterberger Skipisten das Rodeln „eigentlich nicht erlaubt ist“, herrscht dort ordentlich Betrieb. Die Stadt will am Dienstag eine Pressemitteilung nachlegen.
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  • Dafür, dass an den offiziellen Winterberger Skipisten das Rodeln „eigentlich nicht erlaubt ist“, herrscht dort ordentlich Betrieb. Die Stadt will am Dienstag eine Pressemitteilung nachlegen.
  • Foto: Martin Völkel
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

juka/vö Winterberg. Es gehört schon eine gehörige Portion Fantasie dazu, um fest daran zu glauben, dass es sich hier ausschließlich um Tagestouristen handeln soll: Nach bereits sehr „lebendigen“ Tagen vor Weihnachten wird die Wintersporthochburg Winterberg im Hochsauerland seit Sonntag von Menschen regelrecht überrollt – und das mitten im Lockdown.
Niederländer bleiben zu HauseEs bilden sich lange Staus, Parkplätze sind überfüllt, der Verkehr im Bereich der – geschlossenen – Skilifte kommt zum Erliegen. Auto reiht sich an Auto, die meisten Kennzeichen sind der Region Rhein/Ruhr zuzuordnen. Allerdings gehören auch viele Menschen aus „SI“, „BLB“, „OE“ und „AK“ zu den Nutzern der knapp gewordenen Parkplätze.

juka/vö Winterberg. Es gehört schon eine gehörige Portion Fantasie dazu, um fest daran zu glauben, dass es sich hier ausschließlich um Tagestouristen handeln soll: Nach bereits sehr „lebendigen“ Tagen vor Weihnachten wird die Wintersporthochburg Winterberg im Hochsauerland seit Sonntag von Menschen regelrecht überrollt – und das mitten im Lockdown.

Niederländer bleiben zu Hause

Es bilden sich lange Staus, Parkplätze sind überfüllt, der Verkehr im Bereich der – geschlossenen – Skilifte kommt zum Erliegen. Auto reiht sich an Auto, die meisten Kennzeichen sind der Region Rhein/Ruhr zuzuordnen. Allerdings gehören auch viele Menschen aus „SI“, „BLB“, „OE“ und „AK“ zu den Nutzern der knapp gewordenen Parkplätze. Eines fällt aber auf: Die Niederländer, für die Winterberg normalerweise Pflichtprogramm ist, sind zu Hause geblieben. Die gelben Nummernschilder sucht man vergeblich. Stadt und Polizei richten flammende Appelle an die Menschen, doch der Drang, das Weihnachtsfest auf Sparflamme zumindest mit einem Ausflug in den tiefen Winter zu kompensieren, ist offensichtlich deutlich stärker.

Wandern ist erlaubt

Fest steht, dass viele Menschen nicht mehr unternehmen als eine Winterwanderung im rund 25 Zentimeter tiefen Schnee – und zwar in den Wäldern rund um Winterberg. Auf der anderen Seite herrscht an den geschlossenen Skiliften im Winterberger Skiliftkarussell aber Hochbetrieb. Hier wird gerodelt, was das Zeug hält. Der ein oder andere Skifahrer trägt seine Bretter nach oben, um anschließend die Abfahrt nach unten zu genießen – und an den Imbissbuden steht man gerne Schlange für Pommes rot-weiß oder heißen Kakao. Bleibt die Frage offen, wohin der Weg im Laufe des Tages führt, wenn doch alle Toiletten und Gaststätten ebenfalls geschlossen sind?

Dutzende Ferienwohnungen zu kontrollieren

Und eine weitere Frage macht in Winterberg zumindest zwischen den Zeilen die Runde: Nehmen es alle Gäste mit dem Übernachtungsverbot so ganz genau? Hotels und Pensionen sind zu, aber ist es möglich, Dutzende Ferienwohnungen zu kontrollieren, die sich über das gesamte Stadtgebiet erstrecken? Schwer zumindest. Es ist eine merkwürdige Situation in diesen Tagen in Winterberg. Einerseits übt der Touristenort eine Anziehungskraft aus wie selten zuvor, andererseits darf das Angebot nicht stattfinden, für das die Stadt eigentlich steht. Corona lässt das nicht zu.

Ohne Ausgangssperre geht es nicht

„Wir führen das hohe Aufkommen von Tagesausflüglern auf den Schnee, der nur in den Hochlagen des Hochsauerlands liegt, die Ferien, den Lockdown und die Pandemie-bedingte Reiseuntersagung zurück“, erklärte Bürgermeister Michael Beckmann am Montag gegenüber der SZ. Ein solcher Andrang könne zukünftig nur mit einer Ausgangssperre des Landes NRW verhindert werden, ist sich Beckmann, bis zu seiner Wahl im zurückliegenden September noch Tourismusdirektor der Stadt, sicher. Von Corona-Chaos oder ähnlichem möchte der Bürgermeister aber nichts wissen. „Das ist es nicht. Das, was auf unseren Straßen passiert, ist ein Park- und Verkehrschaos“, stellte Beckmann am Sonntagabend in einem Statement klar, räumte aber auch ein, solch eine Situation noch nie erlebt zu haben. „Polizei und Ordnungsamt waren 24 Stunden im Einsatz, können aber auch nicht überall sein.“ Insgesamt habe man am Sonntag etliche Verwarnungen wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung aussprechen müssen, auch die Einhaltung des Verbots von privaten Übernachtungsmöglichkeiten werde kontrolliert. Bei der Polizei waren derweil am Wochenende zwölf Verkehrsunfälle, bei denen keine Personen verletzt wurden, bekannt, davon die Hälfte witterungsbedingt.

Kein Chaos im Skigebiet

Auch bei der Wintersport-Arena Sauerland hat man das Problem größtenteils auf den Straßen ausgemacht. „Im Skigebiet war gar kein Chaos. Es gab ein Verkehrschaos. Das aber hat nur sehr wenig mit dem Skigebiet zu tun.“ Der Großteil der Menschen sei zum Spazierengehen gekommen und halte sich auf den Wegen in den Wäldern auf. „Ein kleiner Teil der Menschen bringt einen Rodel mit, und einige davon nutzen zum Rodeln auch die Skipisten. Dies ist eigentlich nicht erlaubt“, so Sprecherin Susanne Schulten. Vonseiten der Wintersport-Arena habe man im Vorfeld über alle Kanäle kommuniziert, dass die Lifte geschlossen blieben. „Aber generell muss man sagen, dass ein starkes Verkehrsaufkommen nicht gleich erhöhtes Infektionsrisiko bedeutet. Die meisten Menschen halten sich an die Regeln“, findet Schulten.
Wehrlos in die Besucherströme ergeben möchte man sich bei der Stadt allerdings nicht und kündigte im Laufe des Dienstages eine Mitteilung über das weitere Vorgehen und mögliche Maßnahmen für die kommenden Wochen an.

Loipe wird nicht beworben

In einem „normalen“ Jahr könnte die Situation nicht besser sein: Ausreichend Schnee, kaltes Wetter und gespurte Loipen – diese Kombination sorgt normalerweise für Hochbetrieb in den Wittgensteiner Hochburgen des nordischen Skisports, Wunderthausen und Girkhausen. „Die Absprache aller Anbieter in der Wintersport-Arena Sauerland ist eindeutig. Wir werden unsere Loipen nicht aktiv bewerben, wie wir das normalerweise tun, um nicht noch mehr Menschen anzulocken“, betont Jonas Knoche, 1. Vorsitzender des Ski-Klubs (SK) Wunderthausen, im SZ-Gespräch. Laut Corona-Verordnung sei sowohl Ski-Langlauf als auch Wandern im Wald erlaubt. Der SK biete auf der „Pastorenwiese“ eine präparierte Loipe und einen gespurten Winterwanderweg – mehr nicht. Deshalb sei klar, dass der Verein auf eine Öffnung der Skihütte und seinen Skiverleih verzichte: „Unsere Skihütte lebt von der Atmosphäre und der Geselligkeit, das ist bei Kakao oder Kaffee im Pappbecher zum Mitnehmen für den Parkplatz nicht der Fall.“ Der Skihütten-Betrieb gehe an den Start, wenn es die Situation zulasse, so Knoche. Ähnlich die Situation in Girkhausen, wo auf der „Steinert“ Langlauf und Winterwandern möglich sind.

Kommentar: Bitte einfach mal verzichten Was in Winterberg gerade passiert, ist menschlich absolut nachvollziehbar: Das Weihnachtsfest fällt schmaler aus als gewohnt, Urlaub darf nicht stattfinden und „zwischen den Jahren“ hat man etwas mehr Zeit als sonst mit der ganzen Familie. Dann wird doch zumindest mal ein Ausflug in den Schnee möglich sein. Die Skilifte sind wegen Corona geschlossen? Macht nichts, dann rodeln wir eben. Und der ein oder andere Imbiss wird schon offen sein. Diese Idee bewegen offenbar Tausende Familien, die sich ins Auto setzen und auf den Weg ins Hochsauerland machen. Dass dies einige sogar noch mit Sommerreifen tun, ist höchst ärgerlich, aber in Zeiten von Corona fast nur eine Randgeschichte. Was bleibt, ist die Feststellung, dass die Situation am Kahlen Asten kaum zu begreifen ist. Die Darstellung von offizieller Seite, dass die meisten Menschen in den Wäldern rund um Winterberg unterwegs sind und als Wanderer nur die Natur genießen wollen, kann nicht überzeugen. Im Stadtgebiet und an den Skiliften halten sich viel zu viele Leute auf, an den Imbissbuden existieren die Abstände nur noch auf den Warnschildern davor. Das kann und darf es nicht sein. Die Frage, ob die Winterberger die Situation hätten unterbinden können, muss man verneinen. Dann hätte sich die Stadt schon verriegeln müssen. Leider fallen die Appelle, einfach zu Hause zu bleiben oder wieder umzudrehen, nicht auf fruchtbaren Boden. Selbst die „Drohung“, dass sich niemand aufwärmen oder zur Toilette gehen kann, verhallen ungehört. Bitter. Gänzlich aus der Verantwortung wollen wir die Kommune an dieser Stelle aber nicht entlassen. Wenn das Rodeln an den geschlossenen Skiliften schon verboten ist, warum wird das dann vom Ordnungsamt nicht kontrolliert und unterbunden? Ansonsten funktioniert die Kontrolle der Parktickets in Winterberg doch ganz gut. Abschließend aber noch der Versuch eines Appells: Bitte verzichten Sie einfach in diesen Tagen auf eine Fahrt nach Winterberg. Es macht keinen Sinn, es gibt in jeder Hinsicht nur Stress. Skisport wird es nach Corona auch noch geben – dann wieder mit laufenden Liften, Skiverleih und Glühwein am Sahnehang. Versprochen. m.voelkel@siegener-zeitung.de
Autor:

SZ Redaktion aus Siegen

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