»Unsägliche Qual« für die Kinder

Kriminalhauptkommissarin Judith Menn referierte in Arfeld über sexuellen Missbrauch

GR Arfeld. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen – ein Thema, über das in der Öffentlichkeit am liebsten geschwiegen oder in unseriöser Weise hetzerisch aufgemacht berichtet wird. Auf jeden Fall immer noch ein heißes Eisen, das es sensibel anzupacken gilt. Der AWo-Kindergarten Arfeld lud jetzt Kriminalhauptkommissarin Judith Menn vom Dezernat Vorbeugung der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein zu einem Vortrag in den Kindergarten ein, der genau diese Problematik zum Thema hatte. Zwar war die kleine Turnhalle nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, dennoch fanden sich zahlreiche Eltern – hauptsächlich aber Lehrer und Erzieher – ein, um sich von der Referentin Wege aufzeigen zu lassen, wie die Ohnmacht diesem schwierigen Thema gegenüber überwunden werden kann.

Einsamkeit, Starre und Ekel

Tatsächlich hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Judith Menn in eindringlicher Art und Weise den Anwesenden die seelische Not der missbrauchten Kinder und die Beweggründe der Täter nahe brachte. Die Hauptkommissarin ist seit 22 Jahren Polizeibeamtin, seit zwölf Jahren im Kreis Siegen-Wittgenstein tätig und seit zwei Jahren im Dezernat Vorbeugung in Siegen anzutreffen. Sie stellte zu Beginn die Frage: »Wie fühlt sich ein Kind, das missbraucht worden ist?« Anhand ihrer selbst beantworteten Frage wurde deutlich, über welche Erfahrung sie mit diesen Kindern verfügt. Einsamkeit, Starre, Hilflosigkeit, Ekel und Sprachlosigkeit prägten das Seelenleben der Jungen und Mädchen, eine Qual, die »unsäglich« sei.

Netter Nachbars-Onkel wird übersehen

Anhand von Fallbeispielen veranschaulichte Judith Menn, dass sexueller Missbrauch nicht immer ausschließlich Vergewaltigung bedeute, sondern natürlich auch Exhibitionismus oder ganz andere »perfide Formen« der Unterdrückung durch Worte und Drohungen mit einschließe. Diese Gewalttätigkeit ist in der Bundesrepublik durchaus nicht selten. Rund ein Viertel aller Mädchen und ein Zwölftel aller Jungen werden in ihrem Leben zu Opfern. Doch wie sieht es mit den Tätern aus? Hier berichtete die Hauptkommissarin Erstaunliches: ein Viertel der Täter sind jugendlich, etwa 15 Prozent weiblich und das Gros der Täter ist im sozialen Umfeld des Kindes zu suchen. »Wir gucken auf den Mann mit dem schwarzen Auto auf der Straße und übersehen den netten Onkel aus der Nachbarschaft«, argumentierte Judith Menn. Beunruhigt durch Presseberichte über Kinder, die von Fremden verschleppt, missbraucht und getötet wurden, neigten Eltern dazu, nur in diesem Bereich vorsichtig zu reagieren und den Kindern einzuschärfen, sich ja nicht von Fremden ansprechen zu lassen oder in deren Auto zu steigen.

»Und Täter sind verantwortlich«

Tatsächlich sei der Prozentsatz der Missbraucher im direkten Umfeld des Kindes wesentlich höher. Nur da seien Väter und Mütter manchmal zu unaufmerksam und wiegten sich in Sicherheit. Doch was ist nun mit den Tätern? Welche Beweggründe gibt es für sie, Jungen und Mädchen derart Schlimmes anzutun? Ganz kategorisch räumte Judith Menn mit dem Argument auf, dass viele Täter nicht für ihre Straftat verantwortlich seien, weil sie aufgrund eines psychischen Defektes ihre Triebhaftigkeit nicht steuern könnten. Dies sei nur in Einzelfällen so und »die ganz, ganz große Ausnahme«, betonte die Polizistin. »Es geht um Verantwortung und Täter sind verantwortlich«, manifestierte sie ihre Theorie. Natürlich litten viele Täter unter Verletzungen, die sie im Elternhaus, in der Jugend und ihrem Leben selbst hätten erdulden müssen.

»Sehr geringes Selbstwertgefühl«

»Diese Verletzungen sind durchaus eine Erklärung, aber niemals eine Entschuldigung«, so Judith Menn. Zudem komme noch hinzu, dass ein sexueller Missbrauch nie zufällig geschehe, sondern von langer Hand geplant werde. Die Täter bauten ein Vertrauensverhältnis zu dem »ausgesuchten« Kind oder vielleicht sogar zu seinen Eltern auf. Meist seien sie im Umfeld des Kindes als fürsorglicher Kamerad oder »netter Onkel, der sich um alles kümmert« zu finden und absolut unauffällig. Doch eines sei im Täterprofil immer markant: Es handele sich um Menschen, die über ein »sehr geringes Selbstwertgefühl« verfügten und die dieses Manko ausgleichen wollten, indem sie Gewalt und Macht über andere ausüben. Wie kann man sein Kind davor schützen, zum Opfer zu werden?

Bequeme Kinder als bequeme Opfer

Natürlich gibt es dafür kein Patentrezept, aber eines machte die Hauptkommissarin deutlich: »Bequeme Kinder sind bequeme Opfer«, sagte sie und meinte damit, dass selbstbewusste und selbstbestimmte Kinder viel seltener missbraucht würden als der Nachwuchs, der zu absolutem Gehorsam erzogen wurde. Sie müssten auch lernen, ihrem Instinkt zu vertrauen und Dinge kritisch zu hinterfragen, anstatt blind jeder Autorität zu gehorchen und eventuell einem Missbraucher in die Falle zu tappen. Dazu gehöre es unbedingt, Kinder stark zu machen, indem man die drei »Z« beachten solle: Zeit, Zärtlichkeit, Zuneigung und Grenzsetzung. Kinder müssten das Gefühl haben, sich unbedingt auf ihre Eltern verlassen zu können. Eltern sollten ein offenes Ohr für die Belange der Kinder zeigen. Eine rechtzeitige sexuelle Aufklärung (mit Schuleintritt sollten die Grundlagen bekannt sein) stelle ebenfalls einen wichtigen Aspekt dar.

Eine Garantie gibt es leider nicht

Judith Menn musste allerdings zugeben, dass es leider keine Garantie gebe, dass alles dies vor einem Missbrauch schütze. »Aber wenn Sie das befolgen, haben Sie alles getan, was Sie als Eltern tun können«, beruhigte die Polizistin die Anwesenden. Doch warnte sie die Eltern davor, im Verdachtsfall zu stark auf die Kinder einzuwirken. Lieber solle man dann Beratungsstellen kontaktieren, die aufgrund ihrer praktischen Erfahrung das »sehr viel besser« könnten und im schonenden Gespräch mit den Mädchen und Jungen geübt seien.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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