SZ

Holzbibliothek in Bad Berleburg
Uralte Bäume und Sträucher in Buchform

Forstdirektor Johannes Röhl, Chef der fürstlichen Rentkammer, hütet die Bände der Xylothek in seinem Büro im Seitenflügel des Berleburger Schlosses.
6Bilder
  • Forstdirektor Johannes Röhl, Chef der fürstlichen Rentkammer, hütet die Bände der Xylothek in seinem Büro im Seitenflügel des Berleburger Schlosses.
  • Foto: rt
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ihm Bad Berleburg. Ganz vorsichtig klappt Johannes Röhl den hölzernen Buchdeckel auf, die kleinen Holzzapfen gleiten aus den Löchern. Die Lederbändchen, die Vorder- und Rückseite mit dem Buchrücken verbinden, haben nun einen Zentimeter Spiel. Das Holzbuch – auf dem Buchrücken steht „Band 9: Die Fichte (Pinus picea du Roi)“ – liegt jetzt offen auf dem Tisch in Röhls Büro in der Rentkammer des Bad Berleburger Schlosses. Und es offenbart ein faszinierendes Innenleben.
Neben dem großen Fichtenzapfen auf der linken Seite liegt ein Zweig mit trockenen Nadeln. Das etwas undefinierbare Häufchen darüber ist ein Klümpchen Harz. Rechts sind zwei wunderschöne Holzscheiben ins Moos eingebettet – ein Querschnitt und ein Diagonalschnitt, der die Maserung noch plastischer hervortreten lässt.

ihm Bad Berleburg. Ganz vorsichtig klappt Johannes Röhl den hölzernen Buchdeckel auf, die kleinen Holzzapfen gleiten aus den Löchern. Die Lederbändchen, die Vorder- und Rückseite mit dem Buchrücken verbinden, haben nun einen Zentimeter Spiel. Das Holzbuch – auf dem Buchrücken steht „Band 9: Die Fichte (Pinus picea du Roi)“ – liegt jetzt offen auf dem Tisch in Röhls Büro in der Rentkammer des Bad Berleburger Schlosses. Und es offenbart ein faszinierendes Innenleben.
Neben dem großen Fichtenzapfen auf der linken Seite liegt ein Zweig mit trockenen Nadeln. Das etwas undefinierbare Häufchen darüber ist ein Klümpchen Harz. Rechts sind zwei wunderschöne Holzscheiben ins Moos eingebettet – ein Querschnitt und ein Diagonalschnitt, der die Maserung noch plastischer hervortreten lässt.

Vor 200 Jahre gefällte Fichte anschauen und anfassen

Und dann, fein säuberlich nummeriert, verrät die vor mehr als 200 Jahren gefällte Fichte alle ihre Geheimnisse. Man kann das Stillleben nicht nur betrachten, sondern – ganz vorsichtig und eigentlich nur mit weißen Handschuhen – auch anfassen.
In den winzigen runden Holzdöschen befinden sich Blütenstaub der Fichte und Asche aus verbranntem Fichtenholz. Der Samen ist in einer Vertiefung des Buchrückens versteckt. Unter dem länglichen Brettchen befindet sich ein fein säuberlich mit Feder und Tinte beschriebenes Blatt, das die Botanik des Baums beschreibt und die Exponate erläutert.
Johannes Röhl greift sich das eng zusammengefaltete Papier und entfaltet es vorsichtig. Es hinterher wieder in die enge Schatulle zu bugsieren, erfordert eine ruhige Hand und Konzentration. „Wenn das die Konservatoren sehen würden ...“, sagt der Forstdirektor. Aber er findet: „Man muss so etwas doch auch ansehen können.“

Holz für Köhlerei wichtig

Ein geflochtenes Wurzelkränzchen und ein getrocknetes junges Pflänzchen sind im Moos befestigt. Der Kleber leistet Erstaunliches: Alles hält bombenfest in dem wohl 220 Jahre alten Buch. Auch die beiden Würfel unten links auf der rechten Seite. Der untere, helle misst genau „einen ½ Cubiczoll aus dem Herzholze zur Prüfung des spezefischen Gewichts“. Der andere, schwarze Würfel ist Holzkohle aus diesem Baum. Denn Ende des 18. und im 19. Jahrhundert war Holz vor allem für die Köhlerei von Bedeutung. Holzkohle guter Qualität war begehrt.
Das 19,4 mal 12,8 Zentimeter große Fichtenkunstwerk steht nicht allein im Bücherschrank der Rentkammer. 84 weitere Bände – alle in einheitlicher Größe und Gestaltung – machen die wertvolle Sammlung aus. Zwischen den Holzdeckeln verbergen ich nicht nur einheimische Baumarten, sondern auch Exoten wie der morgenländische Lebensbaum oder der virginische Traubenkirschenbaum. Auch Sträucher sind dabei, z. B. Preußelbeere, Färbeginster und wohlriechender Pfeifenstrauch.

Erforschung der Natur

Wann genau die Bücher hergestellt wurden und wer sie gemacht hat, weiß man nicht. Manufakturen für solche Xylotheken gab es zum Beispiel in Nürnberg. Bekannt sind als Hersteller Carl von Hinterlang, Friedrich Alexander von Schlümbach, Johann Göller und Forstkontrolleur Rhyss. Einer oder mehrere von ihnen werden wohl die Berleburgsche Holzbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts geschaffen haben – zu Lehrzwecken und weil die Erforschung der Natur zu dieser Zeit regelrecht in Mode kam.
Die Berleburger wissen noch gar so lang von ihrem besonderen Besitz. Johannes Röhl berichtet: „Als wir im Roten Turm vor einigen Jahren den Hausschwamm hatten, haben wir die Xylothek erst entdeckt.“ Der Name stammt übrigens aus dem Griechischen: xylo = Holz, theke = Aufbewahrungsort.

Holzbibliothek für Ausstellungen ausgeliehen

Inzwischen haben Forst- und Kulturwissenschaftler die Berleburger Holzbibliothek als Kleinod erkannt und gewürdigt. Mehrfach wurde sie schon mit hohem konservatorischen Aufwand für Ausstellungen ausgeliehen.
Was sind die jahrhundertealten Bücher, an denen die Zeit anscheinend spurlos vorübergegangen ist, wohl wert? Johannes Röhl hat schon mal einen Blick in einschlägige Kataloge geworfen, denn solche seltenen Gegenstände werden tatsächlich gehandelt. „Da war die Rede von 1500 Euro pro Band. Und für eine Ausstellung versichert haben wir die Xylothek für 500.000 Euro.“ Ein echter Schatz, der da im Schloss schlummert.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

10 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen