Schöffengericht Bad Berleburg
Urteil schlägt eine goldene Brücke

Das Schöffengericht verurteilte eine 45-Jährige zu einem Jahr Haft ohne Bewährung. Foto: Archiv
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  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

tika Bad Berleburg. Nüchtern war diese Frau kaum wiederzuerkennen. Mit jener Täterin in den Anklageschriften schien sie de facto nichts gemein zu haben. Der entscheidende Unterschied allerdings war der: Vor dem Schöffengericht in Bad Berleburg war die 45-jährige Rietbergerin völlig nüchtern erschienen, während ihrer Taten stand sie stets unter erheblichem Alkoholeinfluss – und machte daraus am Freitag auch überhaupt keinen Hehl. Im Gegenteil, trotz glaubhafter Erinnerungslücken räumte sie alle Vorwürfe ein – und entschuldigte sich bei ihren Opfern. Freiwillig und mit der notwendigen Erklärung dafür.

Dabei wäre der Prozess gegen die im vergangenen Jahr noch in Bad Berleburg lebende Frau beinahe geplatzt. Nicht etwa, weil sie nicht vor Gericht erschienen wäre oder ihr Betreuer, sondern ihr Pflichtverteidiger Thomas Musiol fehlte. Kurzfristig sprang Norbert Hartmann aus Bad Berleburg ein – die Verhandlung begann eine Stunde später als avisiert. Dies alles geschah übrigens mit Zustimmung der Angeklagten, die vor allem eines wollte: reinen Tisch machen und die Angelegenheit hinter sich bringen. Dass sie das Urteil später direkt annehmen und auf das Einlegen von Rechtsmitteln verzichten sollte, sprach Bände – ebenso wie die Tatsache, dass sie die Strafe quasi schon vor Urteilsverkündung annahm. Dabei spielte sie auf die Plädoyers ihres Verteidigers sowie von Staatsanwalt Stefan Fölling an.

Für insgesamt fünf Taten musste sich die Angeklagte verantworten – die am schwerwiegendste war der Vorwurf des räuberischen Diebstahls sowie des anschließenden tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte. In einem Supermarkt in der Bahnhofstraße klaute sie am 13. Juni Alkoholika, Zigaretten – und Katzenfutter, obwohl sie keine Katze besitzt. Ein Kunde an der Kasse machte die Kassiererin darauf aufmerksam. Als die Angeklagte nur einen Teil der Waren zahlen wollte, sprach die Kassiererin sie darauf an. Die Angeklagte beschwerte sich und ergriff dann die Flucht. Die Kassiererin nahm zunächst die Verfolgung auf. Als die Angeklagte zur Abwehr nach ihr schlug, übernahm eine Kollegin. Übrigens sollte das Gericht den Vorwurf des räuberischen Diebstahls in einen einfachen Diebstahl umwandeln, denn anders als in der Anklageschrift ausgeführt, war von körperlicher Gewalt nicht mehr die Rede – jedenfalls nicht gegen die Mitarbeiterinnen.

Auf dem Parkplatz eines angrenzenden Supermarktes stieß die inzwischen alarmierte Polizei hinzu. Die Angeklagte warf mit einer Glasflasche auf die Beamten und verfehlte sie knapp. Dabei beleidigte sie die Beamten auf das Übelste und drohte ihnen massiv: „Ich töte Euch alle“, soll sie den Beamten gedroht haben. Eine zweite Streife war notwendig, um die Gefahr zu bannen. Quasi im Akkord entschuldigte sich die Angeklagte bei ihren Opfern – immer mit ähnlichem Wortlaut, allerdings stets getragen von Ehrlichkeit und echter Reue: „Es tut mir total leid, wenn ich Ihnen Angst gemacht habe. Das Ganze ist mir total unangenehm und peinlich. Wenn ich betrunken bin, dann verliere ich die Kontrolle und gerate in Panik“, erklärte die Angeklagte.

Richter Torsten Hoffmann sollte es später auf den Punkt bringen: „Wenn Sie betrunken sind, dann sind Sie außer Rand und Band.“ Tatsächlich verliert die Angeklagte dann die Kontrolle, neigt zu Gewalt, legt aber teilweise auch ein Handeln bar jeder Logik an den Tag. Warum sie etwa das Katzenfutter gestohlen hatte, konnte sie am Freitag selbst nicht mehr erklären: „Ich habe doch gar keine Katze“, erklärte die Frau, die während ihrer Taten nicht selten mit gut zwei Promille Alkohol im Blut unterwegs war – der Alkohol machte einen anderen Menschen aus ihr.

Dies galt auch bei einem Diebstahl in einem Drogeriemarkt in der Poststraße, wo sie im August Waren im Wert von 75,04 Euro stahl. Oder beim Hausfriedensbruch im Juli in den Räumlichkeiten des Sozialwerks St. Georg im Gunsetal in Bad Berleburg, wo sie eigentlich Hausverbot hatte. Oder bei einem völlig sinnlosen Diebstahl von Verkaufsartikeln und Gegenständen im September aus der katholischen Kirche in Bad Berleburg im Wert von 200 Euro – später sollte sie diese irgendwo entsorgen. Ein Verfahren wegen Sachbeschädigung im Dezember stellte das Gericht indes ein. Die Frau sollte mutwillig gegen ein Schild einer Parfümerie in der Poststraße in Bad Berleburg getreten haben – tatsächlich war sie aber wohl „nur“ betrunken über selbiges gefallen. All diese Taten kamen am Freitag auf den Tisch.

Die vielfach vorbestrafte Frau hatte Anfang des Jahres einen Entzug begonnen, den sie allerdings abbrach. In dieser Zeit nahm sich der Sachverständige Dr. Thomas Schlömer ihrer an. Der Psychiater aus Schmallenberg prüfte ihren Zustand, konnte – anders als einige Ärzte zuvor – zwar keine Borderline-Persönlichkeitsstörung bei der Angeklagten ausmachen, hatte allerdings dennoch eine eindeutige Prognose: Ohne eine angeordnete Unterbringung im Entzug würde die Angeklagte wieder straffällig. Daran würde auch die Tatsache nichts ändern, dass sie in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben zumindest weitgehend abstinent war. Seit nunmehr 20 Jahren nämlich ist sie alkoholabhängig. „Derartige Phasen sind bei Suchtkranken normal. Ich halte eine Unterbringungsdauer von zwei Jahren für notwendig. Bei Erfolg wäre eine solche Therapie nicht aussichtslos.“

Stefan Fölling forderte eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr ohne Bewährung wegen dreifachen Diebstahls, einem Hausfriedensbruch sowie einem tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte. „Die Taten haben ihren Ursprung in der Alkoholabhängigkeit“, konstatierte der Staatsanwalt, der daher ebenfalls eine Unterbringung der Angeklagten in einer Entzugsklinik forderte. Dies wiederum war im Sinne der Angeklagten, wie auch ihr Pflichtverteidiger Norbert Hartmann zu Protokoll gab: „Eine Unterbringung ist im Sinne meiner Mandantin, dies hat sie mir gesagt“, erklärte der Rechtsanwalt.

Richter Torsten Hoffmann sowie die Schöffen wiederum kamen der Forderung der Staatsanwaltschaft nach – und bauten der Angeklagten eine goldene Brücke: Sollte die Unterbringung erfolgreich verlaufen, könnte die Angeklagte dem neuerlichen Strafvollzug entrinnen. Und: Nach zwei Dritteln der Strafe würde der Rest zur Bewährung ausgesetzt. „Sehen Sie die Entziehungsanstalt als Chance“, appellierte Torsten Hoffmann an die Angeklagte. Und die sah dies als genau solche Chance an – und erkundigte sich sogar danach, wie schnell sie einen Platz zugewiesen bekäme. Ein deutliches Signal.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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