Vier Monate alten Sohn krankenhausreif geschlagen

Wittgensteiner erhielt gestern 18 Monate Jugendhaftstrafe

JG Bad Berleburg. Für ein paar Minuten sollte im vergangenen November ein junger Mann auf seinen knapp vier Monate alten Sohn aufpassen – das reichte, um den Säugling krankenhausreif zu prügeln. Gestern musste sich der Wittgensteiner deshalb vorm Berleburger Richter Torsten Hoffmann und seinen beiden Schöffen verantworten. Die grobe Misshandlung eines Schutzbefohlenen wurde dem 19-Jährigen vorgeworfen. Das Gericht verhängte eine Haftstrafe von anderthalb Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem soll der Verurteilte 300 Arbeitsstunden ableisten.

Zeugen mussten gestern im Gericht keine gehört werden, da der Angeklagte die Tat einräumte, auch Fotos und Attest des misshandelten Kleinen sprachen eine deutliche Sprache. Er sei an jenem Tag zunächst losgefahren und habe sich zwei Flaschen Haarspray gekauft, das er damals noch geschnüffelt habe, erinnerte sich der Wittgensteiner. Nach dem Inhalieren der beiden Dosen habe seine Schwiegermutter ihm den Kleinen gebracht. Er habe ihn füttern sollen, doch der Kleine habe geschrien und geschrien. Und auch beim Wickeln habe er einfach mit dem Gebrüll nicht aufgehört.

Mit dem Krankenwagen nach Marburg

Da habe er dann zugeschlagen. »Mit der flachen Hand« – da war sich der Angeklagte ganz sicher. »Zweimal, dreimal« – hier blieb er eher vage. Danach sei er mit seinem Sohn zum Arzt gefahren, von hier aus ging es mit dem Krankenwagen direkt weiter in die Kinderklinik nach Marburg. Die Ärzte stellten am ersten Tag von anschließend drei Wochen im Krankenhaus neben einem insgesamt schlechten Pflegezustand unterschiedlichste Blutergüsse im ganzen Gesicht fest. Davon bekamen die Prozessbeteiligten einen optischen Eindruck durch die Fotos, die in Marburg gemacht worden waren. »Die gucken sie sich bitte auch mal mit an«, nahm Pflichtverteidiger Norbert Hartmann seinen Mandanten mit zum Richtertisch.

Da der Angeklagte selbst bei der Tat nicht mal 19 war, hatte sich die Jugendgerichtshilfe im Vorfeld der Verhandlung mit ihm unterhalten. Und deren Vertreterin Christine Schmitt förderte gestern eine Geschichte hinter der Tat zutage. Die Eltern des Angeklagten kamen mit ihrem Sohn nicht zurecht, schoben den gerade mal Zehnjährigen Mitte der 90er Jahre in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ab, danach in zwei unterschiedliche Jugendhilfe-Einrichtungen. Und als er dann doch mal beim Vater wohnte, begann die Drogenkarriere zwischen Haschisch und Haarspray des schwierigen Sohnes. Für Christine Schmitt war klar, dass sich die »Eltern nicht in optimaler Weise zusammen eingesetzt« hatten für ihren Sohn, der auch gestern ohne Eltern vor den Schranken des Gerichts stand.

Mutter bekam das Kind mit 15

Und wenn ihm Christine Schmitt trotzdem eine günstige Sozialprognose stellte, dann lag es auch daran, dass sich der Mann inzwischen nach eigenen Aussagen bemüht, Fuß zu fasen im wirklichen Leben: ohne Drogen, mit neuer Beziehung. Nach der Tat verlor er seine Freundin – die 15-jährige Mutter seines Sohns – und den Sohn selbst, und damit auch die Wohnung. Deshalb lebte er dann im Winter auf der Straße oder vielmehr im Auto. Als das seinen Geist aufgab, verlor der Wittgensteiner auch noch seine Lehrstelle, an der es bis dahin noch keine Schwierigkeiten gegeben hatte.

Dass bei dem 19-Jährigen Jugendstrafrecht anzuwenden sei, da waren sich alle Beteiligten einig. Und auch in der Einschätzung des Vorfalls. Staatsanwalt Wolfgang Nau sah eine »ausgesprochen rohe und verabscheuungswürdige Tat«. Und selbst Verteidiger Norbert Hartmann sah kaum entlastende Momente für die Angriffe auf einen »wehrlosen und arglosen Säugling«. Richter Torsten Hoffmann sagte: »Zur Begründung des Urteils fehlen einem fast die Worte.« Doch »eindrückliche Fotos« zeigten die »vielfachen Verletzungen, die auf erhebliche Gewaltanwendungen schließen lassen«. Das Motiv für die Tat sei allerdings im Dunkeln geblieben.

Sorgerecht liegt nun beim Jugendamt

Die »recht unerfreuliche Kindheit« des Angeklagten reiche als Erklärung genauso wenig aus, wie die Enthemmung durch das geschnüffelte Haarspray. Allerdings unterstrich Torsten Hoffmann, dass er dem Angeklagten die gezeigte Reue abnehme. Und der Angeklagte glaubte sich, als er sagte: »Ich liebe mein Kind. Ich würde meinem Kind so etwas niemals antun.« Der Kleine lebt jetzt übrigens mit seiner jungen Mutter in einem Mutter-Kind-Heim, das Sorgerecht hat das Jugendamt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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