Vom Zuhörer zum Zeugen – und zum Angeklagten?

Wittgensteiner Tanz in den Mai endete für Golf mit Scherben

JG Bad Berleburg. »Betatschen hab' ich nicht nötig. Das ist nicht mein Niveau.« Empört wies es ein 26-jähriger Berleburger gestern von sich, dass er beim Tanz in den Mai in einem Ortsteil einer jungen Frau an die Brust gegrapscht haben sollte. Doch das stand gestern auch gar nicht zur Debatte, denn im Wittgensteiner Amtsgericht sollte sich der Mann für Körperverletzung und Sachbeschädigung verantworten. Dabei war die Grapscherei wohl der Anfang des Übels. Danach war es laut Anklageschrift nämlich zu einer winzigen Handgreiflichkeit gekommen.

Das Ganze sei dann so sehr eskaliert, dass die junge Frau mit ihrem Freund und vier Bekannten daran gehindert wurde, den Parkplatz bei der Festhalle zu verlassen. Zu sechst wollten sie in dem Golf los, doch permanentes Aufreißen der Türen, das Reinschlagen und Spucken ins Auto, Treten und Boxen gegen das Auto habe eine Abfahrt unmöglich gemacht. Zum Abschluss habe dann der Angeklagte noch die hintere Fensterscheibe im Auto eingeschlagen, das splitternde Glas habe eine der Insassen verletzt.

Als der Angeklagte sah, dass acht Leute auf der Zeugenbank saßen, die aussagen wollten, wurde ihm wohl etwas mulmig, denn hier war weit und breit keiner aus seinem Dunstkreis zu sehen. Er hatte keine Zeugen benannt, denn er sei zwar an diesem Abend »mit ein paar Kollegen« unterwegs gewesen. Aber: »Die wollten keine Namen verraten.«

Und er erinnerte sich folgendermaßen: Er habe vor dem Tanz in den Mai zuhause eine ganze Flasche Schnaps getrunken, sei dann mit dem Taxi zum Tanz in den Mai gefahren. Hier sei er zwei, drei, vier Stunden gewesen, am Ausgang habe er dann einem Mädchen »Hübsch, hübsch« hinterher gerufen, die habe ihm sofort eine dafür geknallt. Daraufhin hab er reflexartig hinter ihr hergetreten, sei dann aber von einem anderen zurückgehalten worden. Man habe ihn in ein Auto verfrachtet und sei nach Berleburg gefahren. So könne er sich erinnern, schließlich sei die Geschichte schon so lange her und außerdem sei er betrunken gewesen.

Direkt einer der ersten Zeugen sorgte dann dafür, dass der Angeklagte nicht mehr ganz allein da stand mit seiner Geschichte. Er drehte sich im Gericht um, zeigte auf einen Zuhörer im Saal und sagte, dass sei wohl der gewesen, dem er das Veilchen bei dem Tanz in den Mai zu verdanken habe. Staatsanwalt Wolfgang Nau notierte sich sofort den Namen des Zuhörers. Dieser wurde ohne viel Aufhebens sofort zum Zeugen ernannt und wird vielleicht demnächst auch noch Angeklagter.

Wie bei einem Puzzlespiel setzte sich aus den Zeugenaussagen – der sechs verhinderten Golf-Fahrer und eines Taxi-Fahrers – ein eindeutiges Bild zusammen. In dem schillerte vor allem die auffällig gelbe Jacke des Beschuldigten hell – die offenbar sein Niveau markierte. Dem konnte sich sogar der Angeklagte nicht entziehen, als ihm der Fahrer des demolierten Golfs die Rechnung entgegenhielt, sagte der angeblich Unschuldige: »Ich zahl' das schon.« Besonders glaubwürdig waren die Aussagen, weil es keine eindeutigen Belastungstendenzen auf Teufel komm raus gab – außerdem hatte die Begrapschte wegen der Handgreiflichkeit nicht mal Anzeige erstattet. Lediglich der Kumpan des Angeklagten versuchte als Zeuge ohne Einladung die Geschichte des Angeklagten zu stützen, die er zuvor im Saal gehört hatte – allerdings war er dabei wenig glaubwürdig.

Im Sündenregister des Angeklagten stand zudem schon eine Vorbelastung, eine Geldstrafe wegen Körperverletzung. Und so forderte der Staatsanwalt Wolfgang Nau diesmal eine Freiheitsstrafe: drei Monate, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnten. Darüber hinaus eine Geldbuße in Höhe von 400 e sowie die Wiedergutmachung des Schadens am Golf. In seinem Urteil wegen vorsätzlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung schloss sich Richter Torsten Hoffmann dem Strafantrag an.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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