»Von Indien nur im Plural sprechen«

Monika Klaffki präsentierte in Berleburg Arundhati Roy und ihren Gott der kleinen Dinge

JG Bad Berleburg. Auch wenn erst gerade der Booker Prize als renommierteste und aussagekräftigste Auszeichnung des englisch-sprachigen Literaturbetriebs an die indische Schriftstellerin Kiran Desai und ihr Buch »Erbin des verloren Landes« ging, so ist es doch eher selten, dass der Preis in der ehemaligen Kolonie auf dem Subkontinent landet. Dennoch sprach die Banferin Monika Klaffki am Mittwochabend auf dem Berleburger Literaturpflaster über ein anderes indisches Buch, das mit eben jenem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Es ging um Arundhati Roys Roman »Der Gott der kleinen Dinge« aus dem Jahr 1997.

»Niemals wieder wird eine einzelne Geschichte so erzählt werden, als wäre sie die einzige« hat die 1961 in Südindien geborene Arundhati Roy dem Buch selbstbewusst und vieldeutig vorangestellt, wobei dieses Zitat eigentlich vor jedem der bisher auf dem indischen Literaturpflaster vorgestellten wunderbaren Bücher hätte stehen können. Möglicherweise ist die darin angedeutete Vielfältigkeit der Sichten und Geschichten das Typische für das riesige Land und seine Literatur. Das passt sehr schön zu einem Satz, den der indische Schriftsteller Shashi Tharoor – der sich erst kürzlich um die Amts-Nachfolge von UN-Generalsekretär Kofi Annan bewarb – sagte: »Von Indien kann man nur im Plural sprechen.«

Erzählt wird in »Der Gott der kleinen Dinge« natürlich eine Familiengeschichte, auch das ist typisch für Indien. Mit ihren Ausführungen brachte Monika Klaffki von der Laaspher Bücherinsel in dieser VHS-Veranstaltung den über 30 Zuhörern eine Frau näher, deren literarisches Werk überschaubar ist. Denn die studierte Architektin stieg zunächst einmal mit Drehbüchern ins Film-Geschäft ein. »Der Gott der kleinen Dinge« war ihr erster Roman und brachte ihr gleich welt- weiten Ruhm. Ruhm, den sie für ihre gesellschaftlichen Ziele nutzen wollte. Und so wird sie heute vor allem als politische Aktivistin wahrgenommen: Im Kampf für Frauen und für die Umwelt sowie gegen die Globalisierung und gegen den Irak-Krieg hat sie derzeit ihr literarisches Schaffen hintangestellt und schreibt vor allem journalistisch für Zeitungen. Und das ist schade, wenn man den Ausführungen von Monika Klaffki Glauben schenken darf. Nicht weil die Artikel – die etwa in der Frankfurter Allgemeinen abgedruckt werden ––so schlecht wären, sondern weil ihre Literatur so außergewöhnlich schön ist. In einer sehr bildreichen und poetischen Sprache erzähle sie ihre Geschichte, wobei sie auch die Klaviatur der derberen Sprache beherrsche, wenn die Handlung danach verlange.

Diese deutlichen Worte und die Geschichte, die unter anderem von einer Liebesbeziehung zwischen einer höherkastigen Frau und einem Unberührbaren erzählt, sorgten in Indien für Empörung. Bis heute wisse man dort nicht, wie man mit Arundhati Roy umgehen solle. Zum einen sei ihr verlassenes Geburtshaus schon zum Museum umgebaut worden, zum anderen gab es für den »Gott der kleinen Dinge« eine gerichtliche Klage gegen die Autorin. Und wenn diese auch niedergeschlagen wurde, so saß sie dennoch auch schon mal einen Tag im Gefängnis wegen Missachtung des Gerichts.

Diese Sperrigkeit kommt allerdings nicht vor, wenn man sie etikettiert. Das »moralische Gewissen der indischen Nation« oder die »Miss World des indischen Literaturbetriebs« sind die gängigen Schubladen, in die die schöne Schriftstellerin trotz aller Sperrigkeit hineingequetscht wird. Ein verlässliches Bild bekommt man aber nur, wenn man ihr Buch selbst liest.

Dazu ermunterte Monika Klaffki auch mit Beispielen aus dem von Barbara Auer hervorragend gelesenen Hörbuch »Der Gott der kleinen Dinge«. Auf alle Fragen hatte Monika Klaffki eine Antwort, nur die schwer verständliche Geschichte mit dem Kastenwesen konnte nicht ganz genau geklärt werden. Kein Grund zum Verzweifeln. Solche Fragen werden heute, 20. Oktober, ab 20 Uhr bei Mause Tisch und Trend geklärt: Dr. Caren Dreyer hält auf dem Literaturpflaster den Vortrag »Indien heute – zwischen Tradition und Moderne«. Würzen Sie den deutschen Herbst.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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