Wie die Wittgensteiner Schweiz ihren Namen bekam

Eine kleine Spurensuche auf den Pfaden von Pfarrer Hinsberg: Kanonisten-Höfe zwischen Christianseck und Schwarzenau

awe Bad Berleburg. »Sayn-Wittgenstein-Berleburg« steht auf den Buchrücken. Wer die Bände aufschlägt, gerät mitten hinein in die Vergangenheit eines »Zwergstaates«. Dessen Entstehung und Geschichte – »unter besonderer Berücksichtigung der Herrlichkeit der Stadt Berleburg in heimatlichem Bildschmuck« trug Pfarrer Johann Georg Hinsberg zusammen. Er wurde vor 110 Jahren als zweiter Pfarrer nach Berleburg gewählt, sieben Jahre später war er erster Pfarrer und Superintendent. Vor 70 Jahren trat er seinen Ruhestand an und nur ein Jahr später ist er verstorben.

»Raritäten«, sagt der Bad Berleburger Klaus Kühn, auf dessen Tisch drei der Sayn-Wittgenstein-Bände liegen. Nicht jeder hat die Gelegenheit, in Pfarrer Hinsbergs Schriften zu stöbern. Klaus Kühn versteht sich daher auch als Multiplikator. Er ist Naturschutzwart im SGV Bad Berleburg und stellvertretender Naturschutzwart für den SGV-Bezirk Wittgenstein. Als solcher begleitete er im vergangenen Mai zwei Wanderungen, die von der Biologischen Station Rothaargebirge angeboten wurden. Naturschützer, Biologen und Wanderer trafen sich dabei, um auf heimatgeschichtliche Spurensuche zu gehen.

An dieser Stelle kommt Pfarrer Hinsberg wieder ins Spiel. Ein kleines Büchlein nimmt Klaus Kühn zur Hand. »Berleburger Bilderbuch« steht darauf und unter Punkt 33 steht dort im Inhaltsverzeichnis »In die Wittgensteiner Schweiz«.

Hinsberg war der Vorläufer der lokalhistorischen Exkursion, die dieser Tage seiner Wegbeschreibung folgte, darauf legt Klaus Kühn Wert. Hinsberg machte sich damals durch die »Gasse«, über die Lenne und den Galgen auf den Weg zu den Kanonisten-Höfen der Wittgensteiner Schweiz. Die Mai-Wanderung nahm ihren Ursprung nun am Wanderparkplatz Struthbach, dem ersten der Kanonisten-Höfe. Glaubensflüchtlinge waren es in erster Linie, die hier am Ende des 18. Jahrhunderts siedelten. Sie brachten nicht nur ihre religiöse Überzeugung mit und ihre robuste Lebenserfahrung aus der Gegend der Cevennen. Aus Frankreich und der Schweiz importierten sie auch die Worte ihrer Sprache. Zumindest können so die Wittgensteiner Höhen und Täler in den Ruf Schweizer Höhen gekommen sein.

Der Mennerbach wurde jedenfalls im Zungenschlag der Hugenotten getauft, ebenso wie das Mennerte-Tal bei Berleburg und auch die Möhne und der Main. Der Ursprung ist bei diesen Namen das Wort »mener«, das »fließen, leiten« bedeutet, erklärt Klaus Kühn.

Er leitete seine Mitwanderer vom Hof Struthbach zum Hof Teiche und dem heutigen Gasthof »Wittgensteiner Schweiz«. Zu Martini 1714 erlaubte Heinrich Albrecht, Graf zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, dem Elsoffer Johannes Marburger ein »Wohnhaus, Scheuer und Schoppen auf den Teichen aufzurichten«, wozu ihm auch noch Wiesen und Äcker zur Nutzung überlassen wurden. Dafür berappte Johannes Marburger 13 Reichstaler, zahlte Zehnten, übernahm Marschdienste und stand zur Verfügung für Einquartierungen.

Kein leichtes Leben, das man aus diesem Kanon-Brief heraus lesen kann. Aber die Marburgers, deren Familie seit 1595 in Elsoff bekannt ist, blieben. Ihre Nachbarn in mehr oder weniger Entfernung lebten zum Beispiel auf dem Lilienberg, auf dem Hof Hackenbracht, auf den Kanonhöfen Rübengrund und Brücher.

Die Herdstelle, die vom Gehannhermes-Hof übrig blieb, ist ein besonderer Platz für Klaus Kühn: Hier hat seine Familie ihre Wittgensteiner Wurzeln. Die ersten Bewohner, die Familie von Johann Buchner, kamen im Jahr 1707 hierher und sie kamen von weit: aus Bern. Nicht nur die Kanonhöfe und was von ihnen übrig ist, gibt es hier zu entdecken. Pfarrer Hinsberg beschrieb die Wüstung »Ingefäller«, Klaus Kühn nennt sie heute »Eckenfeld.« Zwischen dem Kohl und dem Teichenkopf gelegen, fand man Mauerreste: Ein Dorf gab es hier wohl um 1200. Vom »Kerchestomp« kamen vor Jahren beim Straßenbau einige Steine zum Vorschein. Pfarrer Hinsberg beschrieb, dass man hier die Struktur des Kirchhofes erkennen konnte. Klaus Kühn kennt das heute nur noch aus Berichten alter Wittgensteiner. Der Mühlgraben von Hackebrachts Meelche zeugt vom ehemaligen Klappern und Rauschen. Einen gebohlten Weg hat es hier gegeben: Bohlen als Pflasterung über sumpfigem Gebiet. In Christianseck gab es einmal die kleinste Schule in Nordrhein-Westfalen, das ist die Neue Schule. Der Unterricht endete 1967. Daneben gibt es die Alte Schule und deren lange Geschichte bekommt gerade ein aktuelles Kapitel. Sie wechselte den Besitzer und wird nun renoviert. Das Gebäude ist wohl das älteste in Christianseck, älter als 300 Jahre. Es war der Ruhesitz der Gräfin Hedwig-Sophie. Sie und ihr Sohn Casimir stehen für die Wittgensteiner Toleranz: Sie gewährten den Glaubensflüchtlingen Asyl. Wo die Kanonisten neue Existenzen aufbauten, sollten ein Jahrhundert später Hausgeschichten enden. Ob es denn zufällig sein könne, dass in den Jahren 1914 und 1925 das Schlafs Häuschen und dann auch noch das ehemalige Forsthaus Hainhof abbrannten, fragt Klaus Kühn. Die sind zum Teil wieder aufgebaut worden.

Und vom Nachbarhaus, Schladechrist oder Claudys Berg genannt, ist eine Hausinschrift überliefert, in der sich vielleicht auch ein Werte-Kanon verbirgt: »Von einem kleinen Funken Feuer gibts oft ein Ungeheuer. Wir wissen aber, dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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