Wie in einer längst vergessenen Zeit

Die Bewohner von Hof Brücher berichten vom Leben in Ruhe und Abgeschiedenheit

vg Christianseck. Die Zimmer sind urig wie vor hundert Jahren. Das Licht fällt bleiern durch die hübschen Vorhänge vor den Fenstern, und Federbett und Kleiderschrank sind aus schnörkeligem Holz gefertigt. Wenn man über den Flur geht, knarren die alten Bohlen unter den Füßen, und über allem liegt der Hauch einer längst vergessenen Zeit: ein Ausflug zum Hof Brücher auf der westlichen Seite von Christianseck bei Bad Berleburg hat es durchaus in sich – der zweite Teil unserer Serie »Weit vom Schuss«.

»Unser Hof wurde erstmals im Jahr 1713 urkundlich erwähnt«, betont der 75-jährige Ludwig Henk. »Ein fürstlicher Kanonbrief spricht von den Rechten und Pflichten der Bauern, als Besonderheit aber hebt er den Charakter der Umgebung hervor und beschreibt sie sinngemäß als einen bösen wüsten Orth«.

Mittlerweile sind einige Jahrhunderte ins Land gegangen, die Landwirte müssen sich nicht mehr der Willkür der Fürsten beugen und die Bauernhöfe sind mit moderner Technik ausgestattet. Dazwischen lagen Jahre der Veränderung. Als Ludwig Henk die erste Zeit seiner Kindheit auf Hof Brücher verbrachte, gab es für Christianseck beispielsweise noch keinen Strom. »Wir mussten uns damals mit Petroleum-Licht behelfen. Elektrisches Licht gab es erst ab 1936.« Der Hof liegt darüber hinaus weit ab von den nächsten Ortschaften. »Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir zu den Nachbarhöfen eine besonders gute Beziehung pflegen«, so der Landwirt.–Insgesamt zwölf Kanonhöfe liegen in überschaubarer Nähe zueinander und haben in der Vergangenheit des öfteren gute Zusammenarbeit bewiesen: »So haben wir im Laufe der Zeit gemeinsam einen eigenen Friedhof zustande gebracht, auf dem nur die Bewohner der Gehöfte von Christianseck bestattet werden«. Ludwig Henk, der vor allem auch durch die Stadtführungen in Bad Berleburg bekannt ist, hat sich intensiv mit seiner Heimat auseinandergesetzt: »Nach intensiver Recherche-Arbeit habe ich die verloren gegangenen Kanonbriefe der einzelnen Gehöfte von Christianseck wieder ausfindig gemacht und möchte bald ein Buch dazu veröffentlichen. Mit diesem Buch will ich den Höfen ihre Briefe endlich wieder zurückgeben.«

Die Bewohner des Hofes lieben die Abgeschiedenheit, in der sie leben: »Hier oben ist wirklich absolute Ruhe«, weiß Detlev Henk, der als Landwirt den Hof mit Gattin Petra führt. Petra Henk zog vom Niederrhein hierher und kann sich ein Leben ohne Tiere und Natur nun nicht mehr vorstellen: »Ich habe hier alles gefunden, was ich brauche«, gibt sie zu. »Denn man kann sich die Welt hier gestalten, wie man sie haben möchte«. Diesem Reiz erliegen nicht nur die Bewohner des Hofes; neben Ludwig und Helma Henk sind dies die beiden Söhne Martin und Detlev, Enkelkind Kevin, Schwiegertochter Petra und die erst wenige Tage alte Enkeltochter Lisa. »Die Gäste, die sich bei uns aufhalten, wissen die Stille hier zu schätzen«, betont Petra Henk. »Hier finden sie ein bisschen die heile Welt vor, die es anderswo nicht mehr gibt.«

Neben dem Pensionsbetrieb mit vier Doppelzimmern lebt der Hof Brücher vor allem auch von der Landwirtschaft: »Wir haben zahlreiche Milchkühe und Rinder, aber auch Hühner und Gänse«, fügt Petra Henk hinzu. »Auch 14 Katzen und drei Hunde gehören zu unserem Hof.«

Die Ruhe der Umgebung soll die kleine Pension schließlich auffangen: »Wir haben beispielsweise keine Fernseher auf den Gästezimmern. Wer dennoch fernsehen möchte, kann dies im Gesellschaftsraum tun, der auch von der Familie genutzt wird«, weiß Petra Henk. »Darüber hinaus können sich Gäste auf eine hausgemachte Spezialitäten freuen. Denn bei uns wird alles selbst gemacht: Fleisch und Wurstwaren, Gemüse aus dem Garten, Obst – im Grunde alles, was das Herz begehrt. Vor allem backen wir unser Brot auch im eigenen Steinofen selbst.«

In Zukunft soll den Gästen von Hof Brücher natürlich auch etwas Neues geboten werden. »Wir haben zwar schon sehr viele Tiere, aber wir spielen mit dem Gedanken, vielleicht einmal eine Ziege anzuschaffen, was gerade für die Kinder interessant sein wird«, hält Petra Henk fest.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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