SZ

Facharzt für Psychiatrie über Isolation
„Wir müssen aufeinander achten“

Räumliche Quarantäne oder Isolation stellt viele Menschen in Zeiten der Corona-Krise vor eine große Herausforderung. Vor allem diejenigen, die sich in einer schwierigen psychischen Verfassung befinden, haben mit der Situation besonders zu kämpfen.
  • Räumliche Quarantäne oder Isolation stellt viele Menschen in Zeiten der Corona-Krise vor eine große Herausforderung. Vor allem diejenigen, die sich in einer schwierigen psychischen Verfassung befinden, haben mit der Situation besonders zu kämpfen.
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  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

ako Bad Berleburg. Wegen der Corona-Krise sind derzeit alle Menschen in Deutschland dazu angehalten, zu Hause zu bleiben. In Nordrhein-Westfalen gilt ein Kontaktverbot. Das öffentliche Leben ist von einem auf den anderen Tag zum Erliegen gekommen. Viele verbringen täglich die meiste Zeit zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Wie Menschen auf die angeordnete Isolation reagieren und welche Folgen auftreten können, erklärt Rüdiger Saßmannshausen, Facharzt für Psychiatrie in Bad Berleburg, im SZ-Gespräch:

Siegener Zeitung: Herr Saßmannshausen, wegen des Corona-Virus stehen einige Menschen bereits unter Quarantäne, andere sollen während des Kontaktverbots weitestgehend in ihren Wohnungen oder Häusern bleiben. Wie reagieren die Menschen auf die Situation der Isolation?

ako Bad Berleburg. Wegen der Corona-Krise sind derzeit alle Menschen in Deutschland dazu angehalten, zu Hause zu bleiben. In Nordrhein-Westfalen gilt ein Kontaktverbot. Das öffentliche Leben ist von einem auf den anderen Tag zum Erliegen gekommen. Viele verbringen täglich die meiste Zeit zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Wie Menschen auf die angeordnete Isolation reagieren und welche Folgen auftreten können, erklärt Rüdiger Saßmannshausen, Facharzt für Psychiatrie in Bad Berleburg, im SZ-Gespräch:

Siegener Zeitung: Herr Saßmannshausen, wegen des Corona-Virus stehen einige Menschen bereits unter Quarantäne, andere sollen während des Kontaktverbots weitestgehend in ihren Wohnungen oder Häusern bleiben. Wie reagieren die Menschen auf die Situation der Isolation?
Rüdiger Saßmannshausen: „Wir unterscheiden generell zwischen Angst und Sorge. Hier geht es bei vielen um die Sorge vor einem Virus, den man nicht sehen und packen kann. Menschen sind soziale Wesen und befinden sich derzeit in einer völlig ungewohnten Situation – und dadurch werden sie auch gefordert. Wenn beispielsweise Familien mit ihren Kindern 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche aufeinanderhocken müssen, geschieht das sicherlich nicht konfliktfrei. Im Vergleich zu den Sommerferien, wenn die Kinder zwar auch zu Hause sind, aber jederzeit die Freiheit haben rauszugehen, ist das in dieser Krisen-Zeit nicht gegeben. Das führt bei vielen Familien durchaus zu Stress.“

SZ: Wie sieht es bei Einzelpersonen bzw. Single-Haushalten aus?
Rüdiger Saßmannshausen: „Die Menschen sind da sehr unterschiedlich und reagieren individuell verschieden. Während der eine froh über die Ruhe ist, fehlt dem anderen der Input von außen oder auch die körperliche Nähe in Form von einer Umarmung oder einem Handschlag. Einige bekommen jetzt natürlich auch ,viereckige Augen’, weil sie den ganzen Tag vor dem Fernseher, dem PC oder Tablet sitzen. Anderen fällt sogar sprichwörtlich die Decke auf den Kopf. Bei Einzelpersonen kommt es deshalb nun besonders aufs Selbstmanagement an. Wer zum Beispiel ein Hobby wie das Malen oder die Gartenarbeit hat, der kann dem auch in dieser Zeit weiter uneingeschränkt nachgehen. Zudem leben wir hier in einer Region, wo andere Urlaub machen. Wer sich also körperlich betätigen will, kann im Wald genug Sport machen – und ich rate auch, das zu tun. Wir haben gegenüber der Großstadt was die Natur angeht viele Vorteile, die wir schamlos ausnutzen sollten.“

SZ: Inwieweit spielt der soziale Status dabei eine Rolle?
Rüdiger Saßmannshausen: „Jeder braucht zum Selbstmanagement eine Ausstattung – und hierbei spielt auch der soziale und räumliche Aspekt eine entscheidende Rolle. Jemand mit einem großen Haus und Garten hat da sicherlich andere Möglichkeiten als jemand, der in einer kleinen Wohnung ohne Balkon lebt. Genau da gibt es generell ein soziales Problem.“

SZ: Viele sprechen derzeit auch von einem Lagerkoller. Warum?
Rüdiger Saßmannshausen: „Ja, man kann es Lagerkoller oder auch Inselkoller nennen. Denn die Menschen sind in ihrer eigenen Freiheit beschränkt. Sie dürfen derzeit als soziale Wesen nicht ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen.“

SZ: Können soziale Medien in dieser schwierigen Zeit helfen?
Rüdiger Saßmannshausen: „Wir haben durch die sozialen Medien heute tolle Möglichkeiten, auch in dieser Krisen-Zeit mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Vorausgesetzt: Man ist medienaffin. Wir Ärzte haben zum Beispiel die Möglichkeit, eine Video-Sprechstunde anzubieten, als Alternative zur normalen Sprechstunde. Viele Patienten – vor allem ältere – nehmen diese jedoch gar nicht wahr, denn sie haben oft nicht die technischen Mittel, oder ihnen fehlt das Verständnis darüber. Außerdem haben soziale Medien auch einen Haken – besonders für Menschen, die nicht über viele Kontakte verfügen bzw. nicht einem Netzwerk angehören. Deshalb müssen wir aufeinander achten, solidarisch miteinander umgehen und genau diese Mitmenschen besonders unterstützen.“

SZ: Viele Eltern und vor allem Großeltern gehören aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe. Sie verlassen selten bis gar nicht ihr zu Hause und bekommen derzeit auch wenig Besuch von ihren Kindern oder Enkeln. Sie leiden deshalb besonders unter Vereinsamung. Gibt es etwas, was man dagegen tun kann?
Rüdiger Saßmannshausen: „Diese Krisen-Zeit birgt auch für ältere Menschen die Chance, sich selbst eine Aufgabe zu geben und den Tag zu strukturieren. Interessant ist dabei nicht die Frage ,Wie können die Enkel zu den Großeltern kommen?’, sondern umgekehrt: ,Wie können Großeltern trotz der Situation den Kontakt zu ihren Enkeln aufsuchen?’ Denn zum sozialen Austausch gehört, dass jeder seine Aufgabe hat. Auch hier sind soziale Medien – zum Beispiel Skype – oder auch das Telefon ein guter Ansatz. Wenn die Kinder etwa zu Hause Aufgaben für die Schule erledigen, können die Großeltern dabei aus der Ferne per Telefon helfen und unterstützen.“

SZ: Viele Menschen leiden derzeit sehr unter der Corona-Krise. Wann ist professionelle Hilfe nötig?
Rüdiger Saßmannshausen: „Ich habe zurzeit schon ziemlich viel zu tun. Viele Menschen leiden unter dieser außergewöhnlichen Situation, vor allem die, die sich in einer schwierigen psychischen Verfassung befinden, oder die, die mit Ängsten zu kämpfen haben und ein hohes Erregungspotenzial aufweisen. Viele wenden sich deshalb vermehrt an professionelle Hilfe. Denn jemand, der im normalen Alltag schon mit Ängsten zu kämpfen hat, dessen Ängste werden durch das Corona-Virus nochmal weiter befeuert. Man macht das Radio an – Corona. Man macht den Fernseher an – Corona. Man schlägt die Zeitung auf – Corona. Wir müssen auch in den Medien auf unsere Wortwahl achten. Begriffe wie ,Kriegszustand’ im Zusammenhang mit dem Corona-Virus zu nennen, kann ebenfalls bei vielen zusätzlich Ängste schüren.“

Autor:

Alexander Kollek

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