»Wir sehen uns alle wieder«

2800-E-Strafe für Trunkenheitsfahrt und neue Arbeit fürs Gericht

JG Bad Berleburg. Ein Navigationssystem im Fahrzeug soll eigentlich seinen Benutzer schneller und sicherer ans Ziel bringen. In Wittgenstein führte es allerdings im Oktober dazu, dass ein Autofahrer zwischen Leimstruth und Schameder zweimal komplett auf die Gegenfahrbahn geriet – obwohl dort bereits andere Autos unterwegs waren und es nur durch Zufall zu keinem Unfall kam. Das Herumspielen am Navigationssystem war jedenfalls eine Erklärung fürs automobile Fehlverhalten, eine andere war übermäßiger Alkoholgenuss. Und wegen Trunkenheit im Straßenverkehr musste sich denn auch gestern der Besitzer des Autos im Berleburger Amtsgericht verantworten.

Zum Sachverhalt: Ein Auto fuhr damals von Stünzel bis nach Schameder. Unterwegs kam es zu den gefährlichen Schlenkereien im Straßenverkehr. Als das Fahrzeug in Schameder stoppte, hielt neben ihm ein zweites an. Der Beifahrer fragte, was das solle, bekam aber keine Antwort, die die Besatzung des zweites Fahrzeugs zufriedenstellte. So parkte man kurzerhand vor dem Auto und entschloss sich, per Handy die Polizei einzuschalten. Eine folgende Verfolgung scheiterte zunächst, doch dann kam in Erndtebrück dem zweiten das erste Auto erneut entgegen. Wieder ein Anruf bei der Polizei. Die fand diesmal schnell das abgestellte Auto, in dem einer auf dem Beifahrersitz und einer im Fond saß, der Platz am Steuer war leer. Der Fahrzeugbesitzer kam gerade mit Abhol-Pizza und Rotwein aus einer Kneipe. Die Polizei ließ ihn von einem Mann aus dem Verfolger-Fahrzeug identifizieren und nahm den Verdächtigen mit zur Blutprobe. Das Ergebnis war ein Blutalkohol von 1,27 Promille.

Der 50-jährige Laaspher auf der Anklagebank erklärte gestern jedoch direkt zu Beginn der Verhandlung kategorisch: »Ich hab' das Fahrzeug nicht gefahren.« Die erste Teilstrecke – auf der mit dem Navigationssystem gespielt wurde – sei ein Bekannter aus Schameder gefahren, der sei dann ausgestiegen. Das Steuer habe anschließend bis Erndtebrück, so der Angeklagte, sein eigener Sohn übernommen. Hier habe er die Bestellung in der Pizzeria abgeholt und weil sein Sohn Bauchschmerzen bekommen habe, habe der sich auf den Rücksitz gesetzt. Das Steuer hätte nun ein weiterer Bekannter, der auch im Auto saß, übernehmen sollen. Zunächst wurden nach den Einlassungen des Angeklagten zwei Zeugen aus dem Verfolger-Fahrzeug gehört. Vater und Sohn aus dem Siegerland, die den Angeklagten überhaupt nicht kannten, waren damals auf der Heimfahrt von einer Beerdigung in Wittgenstein, als ihnen die außergewöhnliche Fahrweise des Vordermannes auffiel. Sie stoppten nach dem Halt in Schameder neben dem Pkw. Der Sohn als Beifahrer in Auto Zwei sprach den Fahrer von Auto Eins direkt auf sein Verhalten an. Beide Zeugen aus dem Siegerland erkannten gestern im Angeklagten den Fahrer wieder: Für den Vater bestand »kein Zweifel«, der Sohn war sich »sehr sicher, dass er ist«. Auch nachdem die Zeugen den Mann aus Schameder – ebenfalls Vollbart, ebenfalls nach rechts gekämmte dunkle Haare, ebenfalls eher kräftig – zum Vergleich gesehen hatten.

Nach diesen eindeutigen Aussagen und in weiser Voraussicht dessen, was die Zeugen aus dem verfolgten Auto sagen würden, mahnte Staatsanwalt Wolfgang Nau den Angeklagten, er möge doch die Tat einräumen und somit seinem Sohn und seinen Bekannten eine Falschaussage ersparen. Doch hier schaltete sich Verteidiger Reinold Ostermann massiv ein und verbat sich solche Mutmaßungen, sein Mandant könne doch nichts zugeben, was er nicht getan habe. Und so stützen die Männer in ihren Aussagen die Geschichte des Angeklagten, oft mit einem enormen Detailwissen, manchmal mit erstaunlichen Gedächtnislücken.

Nach acht Zeugen, einem scheinbaren Unentschieden in deren Aussagen und drei Stunden Beweisaufnahme fällte Richter Torsten Hoffmann das Urteil. Er folgte nicht Reinold Ostermann, der einen Freispruch gefordert hatte, sondern dem Antrag von Staatsanwalt Wolfgang Nau und verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 2800 e sowie eine weitere fünfmonatige Sperre für den Führerschein, auf den der Angeklagte bereits seit Anfang Februar verzichten muss – und den er auch im vergangenen Jahr schon mal wegen einer Alkoholfahrt abgeben musste.

Torsten Hoffmann sah die vorsätzliche Trunkenheitsfahrt als erwiesen an und machte keinen Hehl daraus, dass er einige Aussagen für »offensichtlich unwahr« hielt. Und für diese Zeugen sowie den Angeklagten kündigte der Staatsanwalt an, der Tatvorwurf der Falschaussage und der Anstiftung dazu sei erfüllt. Sein Versprechen: »Wir werden uns alle wiedersehen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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