»Wir wissen, dass ich geklaut habe«

Für Mann aus Erndtebrücker Ortsteil verdoppelte sich gestern einjährige Bewährungsstrafe

JG Bad Berleburg. Die Staatsanwaltschaft wird ein Verfahren gegen einen 22-Jährigen wieder aufnehmen, weil der mit gefälschter Unterschrift dem kleinen Bruder das Sparbuch leergeräumt hatte. Bereits verurteilt ist der 22-Jährige, weil er einen Tankstellen-Überfall mit einem Komplizen plante, den aber stehen ließ, als die Sache eng wurde. Einer Großcousine soll der jetzt 22-Jährige den Geldbeutel geklaut haben, als diese einem menschlichen Bedürfnis nachkam. Einem Kollegen, der ihn jahrelang mit zur Arbeit genommen hatte, soll der jetzt 22-Jährige EC-Karte und Personalausweis aus dem Arbeitsplatz-Spind gestohlen haben, um damit in zwei Aktionen unerlaubterweise insgesamt über 8000 DM vom Konto des Kollegen am Bankschalter abzuheben.

Und obwohl es offenbar wenig erstrebenswert ist, mit dem 22-Jährigen befreundet oder gar verwandt zu sein, reiste er gestern mit einem ganzen Fanclub aus seinem kleinen Erndtebrücker Heimat-Ortsteil zum Berleburger Amtsgericht, um sich für die Diebstähle bei der Cousine und dem Arbeitskollegen sowie die Betrügereien und Urkundenfälschungen zu verantworten. Seit den Taten waren mittlerweile zwei Jahre ins Land gegangen, weil bei der ursprünglichen Verhandlung vor anderthalb Jahren ein Schriften-Gutachten der falsch unterschriebenen Auszahlungs-Quittungen sowie ein Gutachten des Videobildes aus der Bank vom Täter beantragt worden waren, die weitere Erkenntnisse bringen sollten. Das taten beide Gutachten nicht, und so waren auch gestern wieder die Zeugenaussagen entscheidend. Denn zu den Anklagevorwürfen sagte der junge Mann sofort: Das sei alles »relativer Schwachsinn«.

So musste die Cousine noch einmal erzählen, wie sie ihren Verwandten im Auto mit zu einer Kneipe genommen hatte. Wie ihr dann vor der Kneipe der Geldbeutel fehlte und ihr der junge Mann 20 DM geliehen habe: »Von meinem Geld nehm' ich an«. Der Beschuldigte räumte gestern zunächst eine Unterschlagung ein, er habe das Portemonnaie in der Kneipe gefunden und der jungen Frau nicht zurückgegeben, weil sie Probleme gehabt hätten. Gegen Ende der Verhandlung, als er merkte, dass er mit der Version kaum durchkommen würde, gab er dann den kompletten Diebstahl zu. Bei der zweiten Geschichte verhielt es sich anders.

So musste der beklaute Nachbar und Arbeitskollege noch einmal erzählen, wie der Angeklagte ihm eine ganze Weile vor dem Diebstahl schon erklärte habe, wie einfach man mit einer geklauten EC-Karte und einem dazu passenden Personalausweis kurz vor Feierabend Geld abheben könnte, weil die Bankleute am Schalter dann ja schnell nach Hause wollten. Der Bestohlene schilderte, wie scheinheilig sich der Angeklagte in der Zeit des Diebstahls immer wieder erkundigt hatte, ob alles in Ordnung sei – um sicher zu stellen, dass er noch ein zweites Mal mit der Karte Geld abheben konnte. Der um 8100 DM Erleichterte erinnerte sich, wie der Vater des Angeklagten sich damals gewundert hatte, dass der Sohn in der Lehre nie Geld hatte, dann aber 14 Tage nach dem Karten-Diebstahl mit 8000 DM einen nagelneuen Golf bar anbezahlte. Und der Geschädigte erinnerte sich an ein Kneipengespräch, das kurz nach der ersten Verhandlung stattgefunden hatte. Der Angeklagte habe damals zu ihm – ohne Zeugen – gesagt: »Wir wissen beide, dass ich geklaut habe, jetzt musst du es mir erst mal beweisen, du Dummkopf.«

Und beweisen war schwer. Die erste Frau am Berleburger Bankschalter konnte sich gar nicht einer Abhebung entsinnen, die zweite wusste wohl noch, dass sie einen Kunden hatte, der kurz vor Feierabend im Tarnanzug und mit tief in die Stirn gezogenem Bundeswehr-Käppi Geld abgehoben hatte, konnte sich an das genaue Aussehen aber nicht erinnern. Ein Kripobeamter erzählte gestern, wie sie den Cousinen-Geldbeutel und eine Tarnjacke beim Angeklagten gefunden hatten. Befragt nach weiteren Bundeswehr-Kleidungsstücken hatte der junge Mann damals gesagt, er habe sonst nichts. Die weitere Durchsuchung förderte dann aber den Rest des Tarnanzugs zutage – versteckt hinter dem Sofa des Opas. Damals habe der Verdächtige, so der Polizist weiter, für die erste betrügerische Abhebung kein Alibi genannt, bei der zweiten sei er an der Arbeit gewesen. Das bestätigte die Stechuhr zunächst auch, doch dann stellte sich heraus, dass der junge Mann gern mal früher ging und willfährige Arbeitskollegen die Karte dann zu falschen Zeiten in die Stechuhr steckten.

Aber dafür tauchte dann aus heiterem Himmel ein Alibi für die erste Tat auf, er habe zusammen mit einigen anderen Dorfbewohnern einen Lkw abgeladen. Drei Zeugen waren zur Bestätigung gestern geladen, darunter der Bruder des Angeklagten. Kaum eine Frage des Richter Torsten Hoffmann und des Staatsanwalts Wolfgang Nau wurde geradeheraus beantwortet, sie widersprachen sich selbst innerhalb eines Satzes und nahmen die Gerichtsverhandlung eher als Gaudi wahr, ähnlich wie die Schlachtenbummler im Zuschauerraum.

Staatsanwalt Wolfgang Nau sah trotzdem die Anklage in vollem Umfang bestätigt, gab dem Angeklagten mit auf den weiteren Lebensweg, dass dieser ein »notorischer Lügner« sei und forderte unter Einbeziehung einer im Sommer verhängten einjährigen Freiheitsstrafe gestern insgesamt eine zweijährige Haftstrafe ohne Bewährung für den Angeklagten. Verteidiger Norbert Hartmann verwies darauf, dass es keine Tatzeugen gebe und forderte deshalb allein für den zugegebenen Geldbeutel-Diebstahl eine Strafe: Auf die bereits laufende zwölfmonatige Bewährungsstrafe sattelte er zwei weitere Monate drauf.

Nachdem sich Torsten Hoffmann mit seinen beiden Schöffen beraten hatte, kam er zu folgendem Urteil. Der Angeklagte sei für einen Diebstahl, einen besonders schweren Diebstahl sowie tateinheitlichen Betrug und Urkundenfälschung zu bestrafen. Inklusive der bereits bestehenden Strafe kam das Schöffengericht auf eine zweijährige Bewährungsstrafe. Ohne Tatzeugen, aber mit eindeutigen Indizien habe sich die Anklage doch nicht als Schwachsinn erwiesen. Daran hätten auch die teilweise »recht unglaubwürdigen Zeugen« nichts geändert. Da das Gericht »erhebliche Bedenken« wegen der Bewährungsfähigkeit des Angeklagten hatte, setzte es die Bewährungszeit auf vier Jahre fest. Bewährungsauflagen seien, so Torsten Hoffmann, die Zahlung einer 1000-e-Geldbuße sowie die Ableistung von 200 gemeinnützigen Arbeitsstunden, »so dass der Angeklagte wenig Zeit und Geld für andere Dummheiten haben wird«. Der Dumme nach der gestrigen Verhandlung könnte übrigens auch wieder der kleine Bruder des Angeklagten sein, der wurde bei einer Falschaussage erwischt. Wolfgang Nau prophezeite ihm, dass er in drei Monaten da sitzen werde, wo gestern der große Bruder saß.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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