SZ

Preußen macht den Gläubigen zu schaffen
Wittgensteiner Inspirierte gründen Kolonie in USA

Wittgensteiner Inspirierten-Familien aus Bad Berleburg, Schwarzenau und der Siedlung Homrighausen wanderten im 19. Jahrhundert nach Amerika aus und fanden in Amana eine neue Heimat.
2Bilder
  • Wittgensteiner Inspirierten-Familien aus Bad Berleburg, Schwarzenau und der Siedlung Homrighausen wanderten im 19. Jahrhundert nach Amerika aus und fanden in Amana eine neue Heimat.
  • Foto: Holger Weber
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

howe Bad Berleburg. Ein akribischer Forscher ist er, der Heinrich Imhof aus Weidenhausen. Im Juni 2018 veröffentlichte er sein Lebenswerk „Hoffnung auf ein besseres Leben“. Dabei beschrieb der Heimatforscher auf 560 Seiten die Auswanderung aus Wittgenstein nach Amerika im 18. und 19. Jahrhundert. Viele Jahre suchte Heinrich Imhof Auswanderer, durchforstete dafür Archivmaterial, blätterte in Passagierlisten, knüpfte Kontakte in die „weite Welt“ und fand schließlich 5464 Auswanderer. „Diese Größenordnung kann sich aber nachträglich noch geringfügig geändert haben, da bis zur Drucklegung neue Erkenntnisse in die Listen eingearbeitet wurden“, schränkte Heinrich Imhof ein – immer in dem Wissen, dass so eine Arbeit gar nicht fertig sein kann.

howe Bad Berleburg. Ein akribischer Forscher ist er, der Heinrich Imhof aus Weidenhausen. Im Juni 2018 veröffentlichte er sein Lebenswerk „Hoffnung auf ein besseres Leben“. Dabei beschrieb der Heimatforscher auf 560 Seiten die Auswanderung aus Wittgenstein nach Amerika im 18. und 19. Jahrhundert. Viele Jahre suchte Heinrich Imhof Auswanderer, durchforstete dafür Archivmaterial, blätterte in Passagierlisten, knüpfte Kontakte in die „weite Welt“ und fand schließlich 5464 Auswanderer. „Diese Größenordnung kann sich aber nachträglich noch geringfügig geändert haben, da bis zur Drucklegung neue Erkenntnisse in die Listen eingearbeitet wurden“, schränkte Heinrich Imhof ein – immer in dem Wissen, dass so eine Arbeit gar nicht fertig sein kann. Sprach es und entdeckte eigentlich gleich, nachdem das erste Buch gedruckt wurde, den nächsten Auswanderer. Zugegeben mag dies etwas übertrieben sein, aber Heinrich Imhof war beileibe nicht müde, immer weiter zu suchen. Recht schnell kristallisierte sich heraus, dass die Auswandererforschung in Wittgenstein so leicht kein Ende nehmen kann. Immer wieder entdeckte der Forscher in Amerika Wittgensteiner Wurzeln.

Siedler gründeten Amana-Kolonie

Zuletzt machte er gar einen einzigartigen Fund. Denn im US-Bundesstaat Iowa, am Iowa River, entdeckte Heinrich Imhof eine Kolonie von Siedlern, die einst in pietistischer Prägung auswanderten und jene Kolonie gründeten, die nach dem Hügel Amana im Hohen Lied Salomos der Bibel benannt wurde. Der Heimatforscher ging der Sache auf den Grund – freilich in dem Wissen, dass schon zu Zeiten des Grafen Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg Menschen wegen ihres Glaubens auf der Flucht waren. Graf Casimir gewährte ihnen Aufenthalt und Schutz. So waren die beiden Grafschaften Wittgenstein – Berleburg und Laasphe – schon im 18. Jahrhundert dafür bekannt, dass sie religiöse Glaubensflüchtlinge nicht nur schützten, sondern ihnen auch die Ausübung ihrer Religion in Form der eigenen Gottesdienste gestatteten.

Ekstatische Gottesdienste

Die Amana-Kolonien – hierhin verschlug es in den 1830er-Jahren Familien mit den gängigen Wittgensteiner Namen Gernand, Henk, Feige, Dickel, Kroh, Meyer oder Müsse. „Es handelte sich um Menschen, die sich offensichtlich von den mystischen und ekstatischen Gottesdiensten der Inspirierten angesprochen fühlten und scheinbar mit der Auslegung und Handhabung der hiesigen Gottesdienstordnung nicht einverstanden waren“, konstatiert Heinrich Imhof in seinem neuesten Aufsatz „Die Auswanderung von Wittgensteiner Inspirierten nach Amerika“, der in Kürze in der folgenden Ausgabe der Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins erscheint. Heinrich Imhof hat herausgefunden, dass sich die Inspirierten-Gemeinden bereits zur Zeit des pietistischen Grafen Casimir um 1717 in Wittgenstein niederließen und über ein Jahrhundert lang in der hiesigen Region sesshaft waren.

Preußische Gesetze Grund für Auswanderung

Die Auswanderung dieser Familien stand in engem Zusammenhang mit den historischen Veränderungen in der Grafschaft Wittgenstein. 1806 verloren die Fürsten Wittgenstein durch die Mediatisierung die Landeshoheit. Zunächst stand Wittgenstein unter hessischer Hoheit, 1816 dann wurde die Grafschaft auf dem Wiener Kongress Preußen zugeschlagen. Es galten fortan die preußischen Gesetze – und die setzten den Gläubigen zu. Unter anderem verweigerten sie den Eid zur Verpflichtung zum Wehrdienst, weil sie überzeugte Pazifisten waren. Die Schwarzenauer Gemeinschaft lehnte es sogar ab, die Kinder in der Kirche taufen zu lassen oder in eine Schule zu schicken. Damit handelten sie sich Ärger ein. 1826 warf Preußen die Gläubigen sogar aus dem Land und wies an, alle Besitztümer zu verkaufen und Wittgenstein zu verlassen. Die Inspirierten-Gemeinden in Homrighausen und Berleburg hatten da etwas mehr Glück. Sie wurden vom Staat nicht besonders ernst genommen. Vielmehr hoffte man auf den Faktor Zeit und ging davon aus, dass die Glaubensgemeinschaft ohnehin irgendwann aussterben würde.

Von der Obrigkeit kritisch beäugt

Die Auswanderung der Wittgensteiner Inspirierten erfolgte – wie Heinrich Imhof berichtet – über einen Zeitraum von 25 Jahren, wobei die Menschen die Region zum Teil über einen Zwischenaufenthalt in der hessischen Wetterau verließen. Dort, in der toleranten Ysenburger Grafschaft, fühlten sich die Leute zunächst sicher und lebten vornehmlich im ehemaligen Zisterzienserkloster Marienborn bei Büdingen. Dennoch wurden die Gläubigen auch hier irgendwann „von der Obrigkeit kritisch beäugt“, so Heinrich Imhof. Um 1840 erwarben Beauftragte rund 5000 Acres Land für 52 500 Dollar im Erie Countie im Bundesstaat New York.

Über 800 Inspierierte wanderten aus

Mehr als 800 Inspirierte, darunter zahlreiche Wittgensteiner, wanderten zwischen April 1843 und Oktober 1845 aus. Eine Siedlung mit 1200 Gemeindegliedern und vier Ortschaften gründeten die Inspirierten und nannten ihren Zufluchtsort „Ebenezer“. Ab 1851 führte man die Siedlung gemeinsam mit weiteren Orten unter dem Namen „Seneca“ – in Erinnerung an den in der Gegend lebenden Indianerstamm.

Kommunismus als Vorbild

„Von Anfang an lebten die Menschen in den vier Orten in Gütergemeinschaft“, weiß Heinrich Imhof. Der Besitz eines jeden einzelnen sei Gemeineigentum geworden, alles sei gemeinschaftlich betrieben und genutzt worden. „Der Erwerb von Gemeindeeigentum wurde durch kollektive Arbeit erreicht, also nahe einer kommunistischen Idealvorstellung“, erläutert Heinrich Imhof. Auf der Suche nach geeigneten Siedlungsplätzen zogen die Gläubigen um – bis sie 1855 westwärts von Ebenezer nach Amana gelangten. Die Menschen verkauften ihre Grundstücke in Ebenezer und führten die Übersiedlung in langen Trecks nach Iowa durch. Die letzten Siedler stießen 1864 dazu, sodass der Umzug aller insgesamt neun Jahre dauerte.

Wittgensteiner in den Amana Colonies Heinrich Imhof weist in seinem jüngsten, noch nicht veröffentlichten Aufsatz 90 Personen nach, die in Wittgenstein geboren wurden und zwischen 1843 und 1867 in eine der Inspirierten-Gemeinden übersiedelten. 26 Menschen hatte der Weidenhäuser bereits in seiner über 5000 Auswanderer zählenden Datei erfasst, die anderen entdeckte er kürzlich neu. Die Namen hat der Forscher aufgelistet, Jahr der Auswanderung und Geburts- sowie Sterbedatum angefügt. Sieben Siedlungen sind heute noch als „Amana Colonies“ in den USA bekannt. „Und werden gerne von Touristen besucht“, so Heinrich Imhof. Das heutige Leben unterscheidet sich gravierend von dem aus früherer Zeit. Inzwischen haben die Gemeinden ein „weltoffenes Gepräge“ und verschließen sich nicht dem technischen Fortschritt. Zwar werde der religiöse Zusammenhalt durch die „Amana Church Society getragen“, allerdings nicht mehr zu den ehemals strengen, kirchlichen und moralischen Vorschriften. Bis 1961 sprachen die Menschen noch einen eigenen Amana-German-Dialekt, bis heute erhalten haben sich deutsche Traditionen wie das Maifest, Kinderfest oder der Weihnachtsmarkt. Die Strukturen unterscheiden sich deutlich von anderen amerikanischen Siedlungen in ländlichen Räumen.
Wittgensteiner Inspirierten-Familien aus Bad Berleburg, Schwarzenau und der Siedlung Homrighausen wanderten im 19. Jahrhundert nach Amerika aus und fanden in Amana eine neue Heimat.
Der Weidenhäuser Heimat- und Auswandererforscher Heinrich Imhof machte jetzt eine spannende Entdeckung.
Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen