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Infrastrukturprojekt an der Trufte:
Zu leichtfertig die Hand gehoben?

Die Obernautalsperre vor dem Dammbau. Sie wurde 1972 in Betrieb genommen, nachdem es 1960 in die aktive Planung gegangen war. Die Ortschaften Obernau und Nauholz mussten der Talsperre ganz, die Ortschaft Brauersdorf teilweise weichen. Die Aufnahme erlaubt einen Blick aus dem vorderen Nauholztal.
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  • Die Obernautalsperre vor dem Dammbau. Sie wurde 1972 in Betrieb genommen, nachdem es 1960 in die aktive Planung gegangen war. Die Ortschaften Obernau und Nauholz mussten der Talsperre ganz, die Ortschaft Brauersdorf teilweise weichen. Die Aufnahme erlaubt einen Blick aus dem vorderen Nauholztal.
  • Foto: Archiv
  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

Grüne sind strikt gegen Talsperrenbau. Auch ökologischer Preis "viel zu hoch". Unbeantwortet bleibt die Frage, warum der Wasserverbrauch in der Region weit über dem Durchschnitt liegt und der Situation von vor 30 Jahren entspricht. Kiesbett unter der Trufte? 

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Grüne sind strikt gegen Talsperrenbau. Auch ökologischer Preis "viel zu hoch". Unbeantwortet bleibt die Frage, warum der Wasserverbrauch in der Region weit über dem Durchschnitt liegt und der Situation von vor 30 Jahren entspricht. Kiesbett unter der Trufte? 

goeb Bad Berleburg. Dass die Grundsatzentscheidung zum Bau einer dritten Talsperre im Kreis Siegen-Wittgenstein so durchgegangen ist – in den Augen von Bernd Schneider aus Bad Berleburg unhinterfragt durchgegangen ist –, darüber ärgert sich das Kreistagsmitglied der Grünen. Wie berichtet, hatte der Kreistag in seiner jüngsten Sitzung nach Vorstellung der Machbarkeitsstudie sich mehrheitlich für den Grundsatzbeschluss zum Bau einer Talsperre in dem Waldtal vor dem Berleburger Stadtteil Berghausen ausgesprochen. Nur die Grünen-Fraktion war dagegen. Nun soll mit der Planung zum Bau einer Talsperre im Truftetal bei Berghausen, einen Steinwurf von Berleburg entfernt, begonnen werden, nachdem eine Fachfirma den Standort vier Jahre geprüft und den Alternativstandort Elberndorftal bei Erndtebrück verworfen hatte.

Grundwasser sackt abAbsackende Grundwasserstände sind ein Problem. CDU-Kreistagsmitglied Jutta Capito berichtete zu Beginn der Kreistagssitzung, dass sich die Landwirte große Sorgen deswegen machten. Eine Grundwasserabsenkung in den Brunnen wie in den vergangenen zehn Jahren habe man noch nicht erlebt. Alarmsignale kommen auch aus dem Nachbarkreis Altenkirchen, wo in der Dürreperiode 2018 bis 2020 im Bereich Weitefeld Wasserstände gefährlich gesunken sind. In der Gemeinde Grävenwiesbach im Hochtaunuskreis ist der Trinkwassernotstand ausgerufen worden. Der Wasserverbrauch ist stark eingeschränkt.

Zu viele Unbekannte stünden in der Rechnung, argumentiert Schneider. "Und Alternativen sind nicht ernsthaft erwogen und geprüft worden." Die Grünen seien ausdrücklich für Aktivitäten und Unternehmungen zur Sicherung einer stabilen Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. "Das dürfte wohl klar sein“, schickt Schneider vorweg. „Nur eben mit einem anderen Ansatz.“  Dass das Thema beschlossene Sache ist, ohne nach seinem Dafürhalten andere Lösungen in Betracht zu ziehen, regt ihn maßlos auf. Eine von vielen Schwächen der Situationsanalyse: „Unser durchschnittlicher Wasserverbrauch liegt mit 140 Litern pro Kopf am Tag weit über dem Bundesdurchschnitt mit 127 Litern – und prognostiziert sind 150 Liter. Woran liegt das? Vielleicht sind es ja gar nicht die Bürger.“

Keine Patenlösung

Schneider verdeutlicht, dass auch er keine Patentlösung habe, stellt im Gespräch aber klar, dass ein solches Projekt, so groß wie die Obernau-Talsperre und derzeit kaum bezifferbar teuer, womöglich hunderte Millionen Euro, erst dann in Angriff genommen werden könne, „wenn man wirklich alles andere versucht hat“. Früher, erinnert Schneider, „hatte jedes Dorf seine eigene Trinkwasser-Gewinnungsanlage, oft die sogenannten Sammler und Bassins am Dorfrand bzw. im Wald“. Die Anweisung zur sukzessiven Stilllegung der dezentralen Wassergewinnung durch den Wasserverband, u. a. begründet mit dem Argument Coli-Bakterien, müsse heute revidiert werden. „Es existiert heute eine ganz andere Technik, zum Beispiel bei der Innenauskleidung solcher Anlagen. Allein auf Berleburger Stadtgebiet bestehen noch sieben solcher aktiven kleiner Wasserverbände“, sagt Schneider. „Dass sich niemand dafür interessiert, welche Potenziale hier noch liegen, ist für uns mit ein Grund für die Ablehnung der dritten Talsperre.“

Schneider führt weiter die dezentrale Gewinnung von Brauchwasser an, vor allem bei Mietshäusern, Gewerbe und Industrie. Da komme demnächst die Zisternenpflicht bei Neubauten. Schneider spricht von vergleichsweise geringen „Nebenkosten“ bei gleichzeitig großem ökologischen Gewinn. Dass zu viele Menschen zu viel Trinkwasser als Brauchwasser nutzten (zum Beispiel für den Garten), das sei in die Rechnung mit einzubeziehen. Es gebe außerdem viele pfiffige Ideen, Wasser im Haushalt zu sparen. Nur ein Beispiel: Sparduschköpfe.

"Nicht ernsthaft durchgerechnet"

„Das ist alles nicht ernsthaft durchgerechnet worden“, geißelt der Wittgensteiner und geht auch hart ins Gericht mit den Prüfern selbst. Die Trufte verlaufe schon jetzt zum Teil unterirdisch, setzt er nach. „Ich frage: Ist das Truftetal überhaupt geeignet?“ Ins Gedächtnis ruft er schon einmal vorgenommene diesbezügliche Untersuchungen aus den 1960er Jahren, bei denen meterdicke Kiesschichten im Untergrund festgestellt worden seien. Bevor ein solch gigantisches Projekt angegangen werde, müssten dringend Probebohrungen getätigt werden, fordert Schneider. Die sei man schuldig geblieben. Unredlich findet er ferner das Heranziehen von Pegelständen von Grund- und Oberflächenwasser "in 7 oder 8 Kilometern Entfernung". Auch auf die Gefahr hin, dass er als Spielverderber angesehen werde: "Natürlich ist es schön, an einer Talsperre spazieren zu gehen. Das ist eine schöne Abwechslung. Aber der ökologische Preis, den wir dafür zahlen, ist viel zu hoch."

Die Obernautalsperre vor dem Dammbau. Sie wurde 1972 in Betrieb genommen, nachdem es 1960 in die aktive Planung gegangen war. Die Ortschaften Obernau und Nauholz mussten der Talsperre ganz, die Ortschaft Brauersdorf teilweise weichen. Die Aufnahme erlaubt einen Blick aus dem vorderen Nauholztal.
Bernd Schneider äußerte sich in der Kreistagssitzung für die Grünen vehement gegen den Talsperrenneubau. Man habe es versäumt, Alternativen zu prüfen, kritisiert er.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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