Zwei Hände hoben sich zum Schwur

Zeugen stützten so die Geschichte eines 22-jähriges Laasphers / Einstellung gegen Geldbuße

JG Bad Berleburg. Ein Gericht lebt zu einem großen Teil von der Wahrheitsliebe seiner Zeugen. Und weil es im Großen und Ganzen darauf vertraut, greift es ganz selten mal zum äußerten seiner Mittel: dem Eid. Da war es schon außergewöhnlich, dass am Dienstagnachmittag gleich zwei Zeugen im Berleburger Amtsgericht die rechte Hand zum Schwur hoben. Die Beiden standen auf Seiten des Angeklagten und dessen Verteidiger Hermann Weische sah keine bessere Möglichkeit, die Glaubhaftigkeit der Geschichte seines Mandanten zu unterstreichen.

Die Geschichte des angeklagten 22-jährigen Restaurant-Fachmanns aus Bad Laasphe, das war die folgende: Nach einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag sei er mit seiner Freundin in der Nacht von Ostersamstag auf -sonntag gegen drei Uhr in eine Wittgensteiner Diskothek gegangen. Zunächst habe er sich mit einem alten Bekannten an der Theke unterhalten, dann habe er mit seiner Freundin etwas in der Pizzeria essen wollen. Auf dem Weg dahin habe ihm jemand ein Bein gestellt, er habe den Übeltäter gefragt, was das solle.

Dabei sei er dem jungen Mann etwas näher gekommen, wegen der Lautstärke habe er ihm direkt ins Ohr gesprochen. Daraufhin habe ihn der Andere geschubst, was den Angeklagten veranlasste, die rote Flüssigkeit aus seinem Cocktailglas dem Beinsteller ins Gesicht zu schütten. Der revanchierte sich mit seinem Glasinhalt, stieß den 22-Jährigen zudem zu Boden. Danach sei er von Leuten umringt gewesen, die getreten und geschlagen hätten. Deshalb habe er mit seinem leeren Glas geworfen, das Treten und Schlagen habe aber nicht aufgehört. Irgendwie habe er schließlich fliehen können und sich aus Angst auf der Toilette versteckt.

Die andere Version der Geschichte präsentierte im Berleburger Gericht ein Industriemechaniker aus Dillenburg – in der Geschichte des Angeklagten war er der Beinsteller, für das Gericht war er der Geschädigte. Er habe an der Theke gesessen, da sei der gestern Angeklagte auf ihn zugekommen, habe einfach so zu ihm gesagt »Du guckst mir zu blöd« und ihm dann eine Kopfnuss verpasst. »Und da guck ich wieder und da schmiss er mir schon das Glas ins Gesicht« – aus einem halben Meter Entfernung. Dann sei es zu der Rangelei gekommen, am Ende hätten sie zu dritt – ein weiterer Freund aus dem Geschädigten-Kreis war hinzu gekommen – am Boden gelegen und dann sei auch schon alles vorbei gewesen. Von Richter Torsten Hoffmann an seine Wahrheitspflicht und die Auswirkungen von Lügen erinnert, sagte das mutmaßliche Opfer: »Nein, ich hab nichts zu befürchten. Ich stehe 100 Prozent dazu.«

100 Prozent deckungsgleich waren die Aussagen der beiden Zeugen von der Angeklagten-Seite und die Schilderungen des 22-Jährigen nicht, doch sie deckten doch die Geschichte Laasphers. Es gab Ungenauigkeiten und Lücken der Wahrnehmung, was jedoch deutlich machte, dass hier keine abgesprochenen Aussagen präsentiert wurden. Auch in Sachen »Glaubhaftigkeit« schien die Geschichte des Angeklagten einleuchtender. Wieso greift man mir-nichts-dir-nichts einen Mann an, der einen Kopf größer ist? Wie soll auf einem halben Meter, ohne großes Ausholen ein Cocktailglas fliegen lernen?

Der vom Cocktailglas Getroffene war übrigens der vermeintliche Beinsteller. Auch wenn man die Verletzungen der beiden Hauptakteure verglich, kam der mutmaßliche Angreifer sehr viel schlechter weg. Das Opfer trug eine zwei Zentimeter lange Platzwunde am Kinn davon, der Täter eine Schädelprellung und verschiedenen Prellungen am gesamten Körper, eine Meniskusverletzung, einen Anriss des vorderen Kreuzbandes sowie einen Strecksehnen-Abriss des kleinen Fingers. Ambulante Behandlung für den Ersten, ein stationärer Fünf-Tage-Aufenthalt im Krankenhaus mit einer Operation unter Vollnarkose für den Zweiten.

Noch während der Beweisaufnahme kamen die die streitenden Parteien und der Richter überein, dass das Verfahren gegen den Angeklagten eingestellt werden könnte – einzige Auflage: Er soll eine Geldbuße in Höhe von 600 e zahlen. In der offenbaren Rechthaberei eines Unschuldigen versuchten der Angeklagte und sein Verteidiger dem Gericht weitere Zugeständnisse abzuringen, doch Richter Torsten Hoffmann und Staatsanwalt Wolfgang Nau ließen das nicht mit sich machen: Wenn der Angeklagte 600 e gezahlt hat, ist das Ganze vergessen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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