Der Name ist Programm
Zwist wegen Zwistmühle

Die Zwistmühle hinter Girkhausen war ursprünglich eine Wittgensteiner Mühle im Grenzegebiet. Ihr Name steht für den langen Streit zwischen Winterbergern und Wittgensteinern.
  • Die Zwistmühle hinter Girkhausen war ursprünglich eine Wittgensteiner Mühle im Grenzegebiet. Ihr Name steht für den langen Streit zwischen Winterbergern und Wittgensteinern.
  • Foto: howe
  • hochgeladen von Marc Thomas

howe Girkhausen/Neuastenberg. Schreitet man den Weg von Girkhausen Richtung Züschen, liegt sie idyllisch im Odeborntal: die Zwistmühle – eine kleine, heute gelb und dunkelbraun angestrichene, wunderschöne Mühle. So ein bisschen hat sie ein windschiefes Dach, ähnelt von weitem einem Hexenhäuschen wie bei Hänsel und Gretel. Vorne steht das Wasserrad, an der Seite ragt der Schornstein empor. Schützend hat sich in ihrem Rücken der Zwistberg aufgebaut, unten fließt das Bächlein Zwiste. Die „Zwistmühle“, sagt Friedrich Opes, Heimatforscher aus der Ehrenscheidermühle in Elkeringhausen bei Winterberg, „war als Kornmühle für die Orte Neuastenberg, Langewiese, Mollseifen und Hoheleye zuständig.“

Somit war sie eine Wittgensteiner Mühle, denn die genannten Dörfer zählten bekanntlich bis zur kommunalen Gebietsreform 1974 zu Wittgenstein. Weil sie genau im Grenzgebiet zwischen Wittgenstein und dem Kurkölnischen, also zwischen Girkhausen und Winterberg lag, nahm sie auch den Namen des ebenfalls im Grenzbereich befindlichen Berges und des Baches an. Und warum „Zwist“? Ganz einfach: Weil sich Wittgensteiner und Winterberger über Jahrhunderte zuweilen an die Hälse gingen, wer welche Hude- und Holzrechte besaß. Der Kirchenhistoriker Dr. Ulf Lückel bringt die Sache auf den Punkt: „Wittgensteiner hüteten ihr Vieh in Winterberg und die Winterberger in Wittgenstein. Weil die Grenzen nie richtig festgelegt waren.“ Es kam also zum Zwist – zum Streit, wie man weniger gehoben sagt. Und der offenbarte sich über Jahrhunderte in vielerlei Form. Werner Wied berichtet 1970, der „lokale Konflikt um Hude- und Holznutzungsrechte“ sei zu einem staatspolitischen Interessenkampf zwischen der kleinen Grafschaft Wittgenstein und dem mächtigen Nachbarn Kurköln geworden. In dem Streit prallten die unterschiedlichen Interessen aufeinander.

Sprachlicher Niederschlag der Streitigkeiten

Insofern mögen Zwistberg, Zwiste oder Zwistmühle als Begriffe entstanden sein. Friedrich Opes ist sich sicher: „Hier fanden die Streitigkeiten zwischen Kurköln und Wittgenstein ihren sprachlichen Niederschlag. Dass die Grafschaft Wittgenstein mit der Gründung ihrer Wittgensteiner Höhendörfer in der Tat den Territoriumsansprüchen Richtung Kurköln ein Ende bereitete, ist nicht von der Hand zu weisen. Ein politischer Schachzug des Berleburger Grafen Casimir war es, „in dem Kanonbrief vom 30. Juli 1713 den namentlich aufgeführten 14 Aspiranten auf ihr untertäniges Suchen gnädig zu erlauben, sich unter seinem Schutz auf dem Astenberg anzusiedeln“, wie es auf der Internetseite des Dorfes Langewiese zu dessen Geschichte heißt.

Zwist schon zwei Jahrhunderte vor Bau der Zwistmühle

Dass der „Zwist“ zwischen Wittgenstein und dem benachbarten Sauerland schon zwei Jahrhunderte vor dem Bau der Zwistmühle in 1727 schwelte, berichtet Autor und Heimatforscher Werner Wied, der zahlreiche Gründe für den sogenannten „Winterberger Streit“ aufführt. Die Zwistmühle selbst „erzählt“ eine interessante Geschichte. Denn gleich in den Anfängen zeugen zahlreiche Eingaben des Pächters Johann Georg Dickel an den Grafen Casimir und dessen Sohn Ludwig Ferdinand davon, „dass er sein Los und das seiner Familie erleichtern wollte“, wie Friedrich Opes herausgefunden hat. Johann Georg Dickel beantragt Pachtaufschub, will die Pacht in einem anderen Fall mit einer Butterlieferung ausgleichen, bietet statt der Pacht die Inzahlungnahme eines einjährigen Hengstfohlens an oder bittet um Stundung wegen Krankheit und Missernten.

Spannend ist zu erfahren, dass die Zwistmühle 1851 eigentlich zu Girkhausen gezählt hätte. Sechs Mitglieder der Gemeindeversammlung sprachen sich nämlich dafür aus, die Zwistmühle Girkhausen zuzusprechen. Am Ende – warum auch immer – gehörte die Zwistmühle doch zu Neuastenberg.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen