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Trotz Fahrerlaubnis
17-jähriger Bäcker-Azubi darf nicht zur Arbeit fahren

Jonas Dietrich (17) aus Hesselbach muss beim Fahren nicht begleitet werden. Er hat eine Sondergenehmigung fürs Allein-Fahren nach Feudingen zur Bäckerlehre – allerdings nur in der Winterzeit. Im Sommer soll er nachts mit dem Roller zur Arbeit.
  • Jonas Dietrich (17) aus Hesselbach muss beim Fahren nicht begleitet werden. Er hat eine Sondergenehmigung fürs Allein-Fahren nach Feudingen zur Bäckerlehre – allerdings nur in der Winterzeit. Im Sommer soll er nachts mit dem Roller zur Arbeit.
  • Foto: Holger Weber
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

howe Hesselbach. Wie eine Löwin hat Melanie Dietrich gekämpft, dass ihr 17-jähriger Sohn Jonas per Sondergenehmigung ohne Begleitung Auto fahren darf: sich erst mit dem Kreis auseinandergesetzt, Landtagsabgeordnete eingeschaltet, die Angelegenheit bei der Bezirksregierung und im Verkehrsministerium in Düsseldorf vorgebracht, etliche Briefe und Mails geschrieben und am Ende ein Ergebnis bekommen, das ihr überhaupt nicht schmeckt. Für den gesunden Menschenverstand ist das verständlich: Jonas will Bäcker werden, jeden Morgen muss der junge Mann aus Hesselbach um 2.30 Uhr in Feudingen in der Backstube sein – erst von Hesselbach nach Banfe, dann durchs enge Ilsetal. Da fährt kein ÖPNV.

howe Hesselbach. Wie eine Löwin hat Melanie Dietrich gekämpft, dass ihr 17-jähriger Sohn Jonas per Sondergenehmigung ohne Begleitung Auto fahren darf: sich erst mit dem Kreis auseinandergesetzt, Landtagsabgeordnete eingeschaltet, die Angelegenheit bei der Bezirksregierung und im Verkehrsministerium in Düsseldorf vorgebracht, etliche Briefe und Mails geschrieben und am Ende ein Ergebnis bekommen, das ihr überhaupt nicht schmeckt. Für den gesunden Menschenverstand ist das verständlich: Jonas will Bäcker werden, jeden Morgen muss der junge Mann aus Hesselbach um 2.30 Uhr in Feudingen in der Backstube sein – erst von Hesselbach nach Banfe, dann durchs enge Ilsetal. Da fährt kein ÖPNV. Im Sommer 2020 machte Jonas den Rollerführerschein, da konnte er mit dem Zweirad zur Arbeit, doch besonders im Winter – und der ist in Wittgenstein bekanntlich sehr lang – wäre die Fahrt nach Feudingen eine unzumutbare Härte gewesen. Und sich von Mutter und Vater nachts auf die Schicht fahren lassen – undenkbar bei voll berufstätigen Leuten. Also stellten die Dietrichs einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung.

Genehmigung gilt nur teilweise

Jonas sollte die Erlaubnis bekommen, als 17-Jähriger allein mit dem Auto sowohl zur Arbeit nach Feudingen als auch einmal in der Woche zur Berufsschule nach Siegen fahren zu dürfen. Dann wäre man mit allen infrastrukturellen Problemen auf dem Land aus dem Schneider gewesen. Schließlich, so denkt Melanie Dietrich heute, „hat das im Oberen Lahntal bei einem Azubi ja auch geklappt“. Der habe die Ausnahmegenehmigung erhalten, weil er morgens bis ins benachbarte Hessen fahren müsse. Jonas jedenfalls erhielt erst einmal eine Einladung zur „MPU“, die er beim TÜV Nord innerhalb von drei Stunden absolvierte. Neben 400 Euro Kosten blieb Familie Dietrich schließlich ein 10-seitiges „Pamphlet“, dass Jonas die Eignung, die Strecke Hesselbach – Feudingen täglich allein zu fahren, besitzt. „Können wir in die Tonne kloppen“, ärgert sich Melanie Dietrich im Gespräch.

Mit dem Auto nur bis zum Bahnhof

Denn die Geschichte geht weiter: Erst genehmigte der Kreis dem jungen Mann, zur Berufsschule nach Siegen, nicht aber selbst täglich zur Arbeit zu fahren. Dann, nach einem Widerspruch aus Hesselbach, kam doch die Fahrerlaubnis. Allerdings mit Einschränkung. Denn die Behörde erlaubte Jonas lediglich bis zum 30. April die tägliche Fahrt mit dem Auto. Zur Berufsschule dürfe er mit dem Auto nur nach Bad Laasphe zum Bahnhof fahren, um dort das Auto stehen zu lassen und auf den ÖPNV nach Siegen umzusteigen. Er habe ja schließlich einen Roller.

Ausbildung so unmöglich

Für Melanie Dietrich ein Irrsinn. Sie formulierte einen dreiseitigen Brief an Landrat Andreas Müller und spricht darin von „willkürlich getroffenen Entscheidungen.“ Man könne heutzutage froh und dankbar sein, wenn sich junge Leute auf dem Land für das Bäckerhandwerk entscheiden würden. Das Handwerk habe einen goldenen Boden, hier werde ihrem Sohn der Boden aber unter den Füßen weggerissen. Die Arbeitszeiten seien nachts, da sei ein ÖPNV nicht möglich. Und täglich ein Eltern-Nacht-Taxi sei ausgeschlossen. Ihren Schülern, so Schulleiterin Melanie Dietrich, könne sie künftig ja gar nicht mehr raten, vor dem 18. Lebensjahr eine Ausbildung zu beginnen.

Termin beim Gericht erst in Jahren

Ein „Machtspiel“ der Mitarbeiterinnen des Kreises laufe hier, Jonas habe für Roller- und Autoführerschein über 3800 Euro bezahlt. „Wir dachten, er kann die Erlaubnis erhalten, weil es unzumutbar ist, nachts mit dem Kleinkraftrad durch die Ilse zu fahren. Die MPU und die Eignung hat er ja auch.“ Melanie Dietrich gegenüber der SZ: „Uns ärgert die Begrenzung bis zum 30. April. Und uns ärgert, dass Jonas ein Strick draus gedreht wird, dass er vor seinem Autoführerschein noch einen für den Roller gemacht hat.“ Dass die nächtlichen Fahrten mit dem Roller in Wittgenstein aber viel zu gefährlich seien, sehe man wohl nicht. In ihrem Kampf durch die behördlichen Instanzen landete Melanie Dietrich auch bei einer hanebüchenen Erkenntnis. Vier Wochen habe sie Widerspruchsfrist, hieß es, und das auch nur vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg. Dort, so erfuhren die Dietrichs von einem Rechtsanwalt, bekomme man erst in ein bis zwei Jahren einen Termin.

Viele ähnliche Fälle

„Dann ist Jonas 19“, schüttelt Melanie Dietrich mit dem Kopf. „Der Kampf für Jonas scheint verloren zu sein“, sagt sie. „Jetzt geht es nur noch um die gleiche Chance für alle.“ Und da fallen ihr die Fälle ein, von der sie während der vielen Telefonate erfahren hat: von der Schülerin aus Banfe, die gerne eine Ausbildung in Weidenhausen absolvieren würde, oder von der jungen Frau aus Richstein, die noch nicht weiß, wie sie täglich nach Erndtebrück zur avisierten Ausbildungsstelle kommt.

Angebot des Kreises „Es gibt Regeln, die für alle gelten“, steigt Kreis-Pressesprecher Torsten Manges in die Argumentation ein. Jemand, der keine 18 Jahre alt sei, dürfe erst einmal kein Auto fahren. „Wenn man aber davon abweichen will, geht das in begründeten Fällen“ – wenn etwa keine andere Möglichkeit bestehe, das Ziel zu erreichen mit ÖPNV oder einem Zweirad. „Die Ausnahme muss man begründen.“ Der Familie Dietrich aus Hesselbach habe man eine Ausnahmegenehmigung erteilt, dass Jonas in der Winterzeit, bis 30. April, mit dem Auto ohne Begleitung zur Ausbildungsstelle fahren dürfe. „Im Winter ist die Strecke einfach zu gefährlich. Insofern ist die Ausnahmegenehmigung begründbar. Das kann man auch einem Dritten klarmachen“, so Torsten Manges. Der Pressesprecher des Kreises Siegen-Wittgenstein warb im SZ-Gespräch darum, eine positive Sichtweise einzunehmen. Denn bis 18 dürften eben nicht alle fahren. Erst, wenn eine Prüfung erfolge und man zu dem Schluss komme, dass eine Ablehnung nicht zumutbar sei, könnte eine Ausnahme gemacht werden. Im vorliegenden Fall könne der junge Mann die Strecke im Winter nicht bewältigen. „Da ist eine Ausnahme legitim und begründbar. Das ist die positive Botschaft.“ Und was geschieht nun nach dem 30. April? Torsten Manges: „Es müsste überzeugend dargelegt werden, warum eine Ausnahmegenehmigung nach dem 30. April erforderlich ist. Was spricht dagegen, dass er im Sommer die Strecke mit dem Zweirad fährt?“ Warum dann aber ein Azubi aus dem Oberen Lahntal, der morgens ins Hessen fährt, die Sondergenehmigung ohne Einschränkung in der Tasche hat? „Man müsste sich den Einzelfall mit allen Details anschauen. Gleich sind die Fälle nicht“, so Torsten Manges.
Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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