„Alle Verletzten sind geborgen“

tika Banfe. Dichte Rauchschwaden, ein wenige Quadratzentimeter großes Sichtfeld, beißender Geruch und Menschen, die, in der Hoffnung auf schnelle Hilfe, flehend durch eine große Halle schreien. Im nur schwer zu erreichenden Banfer Industriegebiet, in der Halle drei der Firma WKW, verursachte ein solches Szenario am vergangenen Samstag einen Großeinsatz der Feuerwehren des gesamten Kreises Siegen-Wittgenstein. Zunächst war es „ein einfacher Rettungseinsatz. Eine Person war als verletzt gemeldet. Daher wurden ein Krankenwagen und ein Notarzt alarmiert, um die betroffene Person zu bergen“, berichtete der Leiter der Feuerwehr Bad Laasphe, Otto Wunderlich, im Gespräch mit der Siegener Zeitung.

Schnell habe sich allerdings herausgestellt, dass ein weit größerer Einsatz erforderlich sei, als bis zu diesem Zeitpunkt angenommen. „Um 13.23 Uhr wurde daher der Löschzug II in Banfe alarmiert.“ Wenige Minuten später rollten zahlreiche weitere Einsatzwagen unter dem Lärm der tönenden Sirenen an. „Wir wurden über acht verletzte Personen informiert, die sich noch in der Halle befanden“, berichtete Kreisbrandmeister Bernd Schneider. Ein Chemieunfall habe sich ereignet, hieß es weiter im Lagebericht - später sollte sich herausstellen, dass die Betroffenen mit stark saurer und damit hochätzender Salpetersäure kontaminiert waren.

„Zugleich war in der Firma ein Großbrand ausgebrochen“, erklärte Schneider. Es entwickelte sich ein Schreckensszenario in Banfe. Daraufhin sei die Alarmstufe erhöht worden, Rettungskräfte aus dem gesamten Kreisgebiet kamen angerollt. „Es handelte sich nun um einen sogenannten ‘ManV1’ - einen Massenanfall von Verletzten mit Industriebrand.“ Nach und nach erhöhte sich die Zahl der Personen, die geschädigt waren oder unter Verätzungen litten. „Zwei Personen wurden im Wald gefunden. Sie waren nach dem Katastrophenausbruch verwirrt und geflüchtet“, berichtete Otto Wunderlich. Ein weiteres Opfer sei ebenfalls völlig desorientiert, flüchtend und stark kontaminiert vor der Einsatzleitstelle aufgegriffen worden, ergänzte Bernd Schneider.

Mit schwerem Atemschutzgerät und Chemieschutzausrüstung wurden die Opfer am Samstag in der Halle geborgen. Zur Unterstützung der örtlichen Einsatzleitung, wurden Führungskräfte der benachbarten Feuerwehren aus Bad Berleburg, Erndtebrück und Hilchenbach mit hinzugezogen. Mit einer Drehleiter wurde eine Brandschutzwand errichtet, um eine Ausweitung des Feuers zu verhindern: „Wir mussten umfangreiche Brandbekämpfung leisten“, erklärte Bernd Schneider. In der Firma hätten aufgrund der Lage keine Löscharbeiten stattfinden dürfen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt mehrten sich die gegenseitigen Absprachen, hektische Funksprüche gingen ein: „Bitte nacheinander sprechen“, lautete sogar eine Anweisung der Einsatzleitung. Einige Meter entfernt hatte das DRK zusammen mit der Feuerwehr eine Verletztensammelstelle eingerichtet, in der Erstversorgung geleistet wurde. Es spielten sich scheinbar Horrorszenen ab, das Ausmaß der Verletzungen wurde erst dort, abseits der Katastrophenstelle deutlich.Aus Siegen war währenddessen der „Abrollbehälter ManV“ unterwegs, „damit verletzte Personen adäquat behandelt werden konnten“, erklärte Schneider. „Wir haben außerdem noch die sechste Einsatzeinheit des DRK angefordert, falls noch mehr Verletzte gefunden werden.“ Benötigt worden sei diese aber nicht, fügte Otto Wunderlich hinzu. Um 15.34 Uhr des Samstagnachmittags dann Entwarnung: „Alle Verletzten sind geborgen“, lautete der Funkspruch. Erst um 16 Uhr war der Einsatz abgeschlossen. Insgesamt waren 140 Rettungskräfte aus mehr als 30 Einsatzwagen am Unglückort tätig gewesen. Das sind offizielle Zahlen, Beobachter vor Ort hatten durch die Bank weg den Eindruck, dass viel mehr Leute im Einsatz gewesen seien.Ein enormes Aufgebot - für eine Übung. Denn in der Realität waren die 15 Verletzten freiwillig vor Ort, täuschend echt mit Kunstblut überströmt und mit Verätzungen aus dem Schminkkasten. „Der Einsatz sollte so realistisch wie möglich gestaltet werden“, wusste der künftige Laaspher Bürgermeister, Dr. Torsten Spillmann. Er selbst habe 30 Minuten vor dem Alarm davon erfahren. Eingeweiht waren lediglich Udo Kleikamp vom örtlichen Ordnungsamt, die stellvertretende Bürgermeisterin Waltraud Schäfer sowie die wenigen Organisatoren der Feuerwehr Laasphe. „Nicht einmal wir wussten etwas von der Übung“, berichtete Kreisbrandmeister Schneider.Mit dementsprechendem Ernst gingen die Einsatz- und Rettungskräfte auch an ihre Arbeit. Langsam sprach sich herum, dass alles nur eine Übung sei. Doch selbst nach dieser Nachricht wurde akribisch auf Sicherheitsvorkehrungen geachtet, „schließlich wurde für den Ernstfall geprobt“, erläuterte Bernd Schneider. Auf souveräne Weise gelangen den Hilfskräften die Durchführung des Einsatzes und die Rettung der Opfer. Diese wurden übrigens mit Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser abtransportiert - letzteres war allerdings nur wenige Meter entfernt, im örtlichen Feuerwehrhaus aufzufinden. Die Brandursache wird übrigens erst in den nächsten Tagen bekannt werden, „wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind“, scherzte Bernd Schneider.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.