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Gerlinde Wascher-Ociepka berichtet
Corona-Krise bedroht Hebammen massiv

Hebammen haben es in der Corona-Krise schwer. Video-Telefonie bringt da nichts, weil der Beruf ein Handwerk ist, wie Gerlinde Wascher-Ociepka weiß.
  • Hebammen haben es in der Corona-Krise schwer. Video-Telefonie bringt da nichts, weil der Beruf ein Handwerk ist, wie Gerlinde Wascher-Ociepka weiß.
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howe Bad Laasphe. Gerlinde Wascher-Ociepka macht den Job schon seit 40 Jahren. Seit 30 Jahren ist sie freiberuflich als Hebamme tätig. Viel hat die Bad Laaspherin erlebt, seit Jahren kämpft sie um ihren Berufsstand. Die Corona-Krise allerdings, die stellt nochmal alles in den Schatten. Denn die Hebammen hat offenbar niemand so richtig auf dem Schirm. „Wie so oft fallen wir hinten runter“, sagt Gerlinde Wascher-Ociepka. Über die „Corona-Wochen“ sollten die Hebammen möglichst über Video-Telefonie arbeiten. Empfehlung von ganz oben in der Krankenkassen-Spitze. „Ich kann doch die Frau nicht über Video untersuchen. Unser Job ist an der Frau“, kritisiert Gerlinde Wascher-Ociepka. Und dann hätte die Telefonie-Abrechnung bei weitem nicht die Kosten gedeckt.

howe Bad Laasphe. Gerlinde Wascher-Ociepka macht den Job schon seit 40 Jahren. Seit 30 Jahren ist sie freiberuflich als Hebamme tätig. Viel hat die Bad Laaspherin erlebt, seit Jahren kämpft sie um ihren Berufsstand. Die Corona-Krise allerdings, die stellt nochmal alles in den Schatten. Denn die Hebammen hat offenbar niemand so richtig auf dem Schirm. „Wie so oft fallen wir hinten runter“, sagt Gerlinde Wascher-Ociepka. Über die „Corona-Wochen“ sollten die Hebammen möglichst über Video-Telefonie arbeiten. Empfehlung von ganz oben in der Krankenkassen-Spitze. „Ich kann doch die Frau nicht über Video untersuchen. Unser Job ist an der Frau“, kritisiert Gerlinde Wascher-Ociepka. Und dann hätte die Telefonie-Abrechnung bei weitem nicht die Kosten gedeckt. Acht Euro für die Beratung am Telefon sollten die persönlichen Besuche der werdenden Mütter ersetzen. „Auto, Miete, Brot, das muss ja alles erwirtschaftet werden.“ Und wie sollten die Wochenbett-Besuche per Video funktionieren? „Wie will ich die Gebärmutter ertasten“, fragt Gerlinde Wascher-Ociepka.

Gut, die Sache mit der Video-Behandlung war nur eine Empfehlung. Aber was für eine? „Ich habe meine Leute trotzdem besucht“, erzählt die Bad Laaspher Hebamme. „Mit FFP-2-Maske, mit Desinfizieren, Raum lüften und Hände waschen.“ Väter und Geschwisterkinder habe sie nicht zulassen dürfen, die Frauen hätten sogar mit dem eigenen Kugelschreiber unterschrieben. Unglaublich dürfte der Umgang mit der Bezeichnung „systemrelevant“ sein. „Hebammen gelten als systemrelevant, wir bekommen aber keine Infos und erhalten keine Schutzausrüstung“, weiß Gerlinde Wascher-Ociepka. Es gibt eben keine verbindliche, bundesweit gültige Regelung, freiberuflichen Hebammen Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen. Ebenso existiert keine Bereitstellung oder Zuweisung von medizinischer Schutzausrüstung für Hebammen im ambulanten Bereich. Und es ebenso wenig eine geregelte Zuständigkeit örtlicher Behörden bei der Verteilung dieser Schutzausrüstung. Obendrein habe für Hebammen kein Anspruch auf eine Notbetreuung in Kindergärten bestanden. „Was habe ich hier nicht verstanden?“, fragt die Hebamme. Einen Ausgleich für die Mehrkosten haben die Hebammen erhalten – klingt zunächst gut.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Leistung aber als Farce. Pro Besuch bekommt die Hebamme für die Schwangere 49 Cent brutto. Beim Wochenbettbesuch sind es 62 Cent brutto. Bei 2,43 Euro liegt die Materialpauschale für Schwangere. „Darin enthalten sind schon allein Desinfektionsmittel und Handschuhe. Ganz zu schweigen von der FFP-2-Maske, die 9,95 Euro kostet“, rechnet Gerlinde Wascher-Ociepka vor. „Wir müssen eigentlich zur Kundin mit Schutzanzug und Brille hingehen. Was will ich da mit 49 oder 62 Cent brutto?“ Und ein weiterer „Witz“: Bei digitalen Angeboten benötigt die Hebamme natürlich die Unterschrift von jeder einzelnen Frau. „Die müsste man einscannen, verschicken, unterschreiben und zurückschicken. Entweder so oder per Post.“ Für jede Frau müsse sie ein Formular haben, wo alles per Unterschrift dokumentiert werde. Jede einzelne Stunde. „Da wird es mit digital schwierig“, so Gerlinde Wascher-Ociepka, die den Beruf der freiberuflichen Hebamme in Gefahr sieht. Die Bilanz in den zurückliegenden Corona-Wochen und -Monaten fällt ernüchternd aus. Der Hebammen-Landesverband NRW hat unlängst eine Befragung von Hebammen veröffentlicht. Die gaben an, wegen der Corona-Krise bis zu 50 Prozent finanzielle Einbußen erlitten zu haben. Gerlinde Wascher-Ociepka kann das nur bestätigen. „Der Ausfall meiner Kurse liegt bei 100 Prozent. Es hat nichts stattgefunden.“ Bei den Schwangeren lägen ihre Einbußen bei 46 Prozent, bei der Wochenbett-Betreuung bei 37 Prozent.

„Viele Schwangere sind aus Angst vor Ansteckung nur noch zum Frauenarzt gegangen.“ Die Zustände bemängelte zuletzt auch die Vorsitzende des Landesverbands, Barbara Blomeier, die besonders die dürftige Ausstattung freiberuflicher Hebammen in den Vordergrund stellte. Zwar könne man vielen Frauen per Video-Telefonie betreuen, die sonst keine Hebamme hätten. Trotzdem seien die finanziellen Einbußen der Hebammen hoch. Gerlinde Wascher-Ociepka deckt weitere Missstände auf und erinnert sich an eine Kollegin, die in Quarantäne geschickt wurde. Die Hebamme sei trotz ihrer Symstemrelevanz nicht getestet worden. Das Gesundheitsamt habe lediglich angewiesen, 14 Tage in Quarantäne zu gehen. „Sie war 14 Tage zuhause, hatte keinen Verdienst.“ Als die Kollegin endlich getestet worden sei, sei eine Woche vorüber gewesen. Bis zum Test seien weitere drei Tage vergangen, eine Woche später habe die Hebamme dann das Testergebnis erhalten. „Da war sie schon drei Tage aus der Quarantäne wieder raus.“ Und dafür, so Gerlinde Wascher-Ociepka, gebe es keine Entschädigung.

Und was viele in der Öffentlichkeit gar nicht wissen: Die 9000 Euro beantragte Soforthilfe sei zweckgebunden gewesen, etwa für die Miete. Personal- oder Betriebskosten habe man damit nicht bezahlen können. „Also zahlte die Hebamme alles wieder zurück. 14 Tage hat sie nichts verdient. Das war der Hammer.“ Bei allem Ungemach ist Gerlinde Wascher-Ociepka eine Feststellung wichtig: „Hebammen sind wichtig. Frauen brauchen Hebammen. Wir haben die Frauen von Femily rundum betreut. Denn unser Beruf ist Handwerk und kein Video-Event.“

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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