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Verfahren gegen Unglücksfahrer eingestellt
Das ganze Leben ist ein Kampf

Im November vorigen Jahres erfasste im oberen Lahntal ein Transporter (vorne) ein achtjähriges Schulkind, das zuvor aus dem Schulbus-Transporter (hinten) ausgestiegen war.
  • Im November vorigen Jahres erfasste im oberen Lahntal ein Transporter (vorne) ein achtjähriges Schulkind, das zuvor aus dem Schulbus-Transporter (hinten) ausgestiegen war.
  • Foto: bw/Archiv
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

howe Bad Berleburg. Wie auch immer sich der furchtbare und folgenschwere Unfall an jenem 6. November vorigen Jahres im oberen Lahntal zugetragen hat: Die Leidtragende ist heute noch das damals achtjährige Mädchen, das auf der Straße von einem Transporter erfasst und zu Boden geschleudert wurde. Einen schrecklich langen und anstrengenden Weg musste das Kind bisher nehmen, einen ebenso langen dürfte es noch vor sich haben – mit wochenlangem Krankenhausaufenthalt, damals Wachkoma, einer ersten Anschluss-Reha von fünf Monaten, mit erheblichen Einschränkungen im täglichen Leben, mit dem Verlust sozialer Kontakte und vielen unvorstellbaren Strapazen.

„Wie es dem Mädchen heute geht“, wollte Richter Torsten Hoffmann möglichst detailliert von der Mutter des Kindes wissen.

howe Bad Berleburg. Wie auch immer sich der furchtbare und folgenschwere Unfall an jenem 6. November vorigen Jahres im oberen Lahntal zugetragen hat: Die Leidtragende ist heute noch das damals achtjährige Mädchen, das auf der Straße von einem Transporter erfasst und zu Boden geschleudert wurde. Einen schrecklich langen und anstrengenden Weg musste das Kind bisher nehmen, einen ebenso langen dürfte es noch vor sich haben – mit wochenlangem Krankenhausaufenthalt, damals Wachkoma, einer ersten Anschluss-Reha von fünf Monaten, mit erheblichen Einschränkungen im täglichen Leben, mit dem Verlust sozialer Kontakte und vielen unvorstellbaren Strapazen.

„Wie es dem Mädchen heute geht“, wollte Richter Torsten Hoffmann möglichst detailliert von der Mutter des Kindes wissen. Was die 35-Jährige schilderte, ging allen Beteiligten im Gerichtssaal gehörig unter die Haut, verschlug einem fast die Sprache. Und man hätte am liebsten alle Uhren zurückgedreht, um diese Verquickung von unglücklichen Umständen und bösen Zufällen ungeschehen zu machen.

Einschränkungen massivster Art

Alle vier Extremitäten seien gelähmt gewesen, immer noch habe sie motorische Einschränkungen, berichtete die Mutter über ihre Tochter. Werde das Mädchen wach, könne es nicht allein aufstehen. Für die instabilen Gelenke bekomme sie jetzt Orthesen, das Gangbild sei unsicher und nach vorne gebeugt. Wenn die Tochter erschöpft sei, brauche sie den Rollstuhl. Anziehen sei eigenständig nicht möglich, irgendwann zittere der rechte Arm zu stark. Durch das erlittene Schädel-Hirn-Trauma seien die motorischen Einschränkungen entstanden. „Sie kann sich das Essen nicht selbst machen. Und sie kann durch das Zittern das Getränk nicht ruhig zum Mund führen“, berichtete die Mutter.

"Ja, es gibt einen Fortschritt. Aber niemand weiß, wann der Punkt kommt, wo der Fortschritt stagniert."
35-Jährige
Mutter des verunglückten Kindes

„Ja, es gibt einen Fortschritt. Aber niemand weiß, wann der Punkt kommt, wo der Fortschritt stagniert.“ Ihre Tochter trage wohl ihr Leben lang die Folgen des Unfalls. Schlimm auch die sozialen Folgen: Die 35-Jährige erzählte von verunsicherten Freundinnen, die nicht wüssten, wie sie dem Mädchen begegnen sollten. Das Kind spreche sehr langsam. „Da ist eine hohe Hemmschwelle der anderen Kinder, die sozialen Kontakte haben abgenommen“, erzählte die Mutter. „Sie ist oft traurig, weil vieles nicht mehr geht, was vorher ging.“ Richter Torsten Hoffmann, selbst Familienvater, hatte sichtlich Mühe, die Sitzung zusammenzufassen. „Das Leben des Mädchens und von ihnen ist auf den Kopf gestellt.“

Aufklärung ein zäher Prozess

Die zweite Reha steht bald bevor, der Vater des Kindes arbeitet zurzeit nicht, weil er die Familie zuhause unterstützen muss. Die Aufklärung des Geschehens gestaltete sich mehr als schwierig. Fakt ist: An jenem Tag lief offenbar alles falsch. Der Schulbus-Transporter wurde erstmals von einer Vertretung gesteuert. Er fuhr diesmal sein Ziel nicht von der üblichen Richtung an, sondern kam aus der anderen.

Dadurch musste das Kind die Straße überqueren. Wie genau das vonstattengegangen sein soll, konnte niemand mehr erinnern. Der Busfahrer – zuvor machte er bereits zwei unterschiedliche Aussagen bei der Polizei – präsentierte vor Gericht eine dritte „Version“. Die stimme hundertprozentig, versicherte er und schilderte, wie er dem Kind gesagt haben wolle, es solle erst einmal im Bus warten, bis es aussteigen könne. Wenige Augenblicke später geschah das Unglück.

"Man kann nicht zurückdrehen, was passiert ist"

Der Unglücksfahrer soll 55 km/h durch den Ort gefahren sein, als Schulbus habe er den Transporter an der Straße nicht erkannt. Ein entsprechendes Schild habe er nicht gesehen. Das soll auch nicht installiert gewesen sein. „Doch“, erwiderte der Busfahrer. Er habe nach dem Unfall eine Rettungsdecke aus dem Kofferraum holen wollen. Dabei sei das Schild auf den Boden gefallen. Wie dem auch sei: Richter Torsten Hoffmann bat zu einem Rechtsgespräch. „Wir wollten überlegen, wie wir das Verfahren beenden können“, erläuterte der Richter im Anschluss.

Und leitete ein: „Man kann nicht zurückdrehen, was passiert ist. Es hat ein Verschulden des Angeklagten gegeben, aber aufgrund der Gesamtumstände eher im niedrigen Bereich.“ Das Gericht stellte das Verfahren ein, der Angeklagte aus Erndtebrück muss auf eigene Kosten ein Fahreignungsseminar besuchen und 300 Euro Strafe zahlen. Außerdem muss er die Kosten der Nebenklage zahlen. Soviel zum Strafverfahren. Jetzt geht es darum, das Mädchen abzusichern – auch für das weitere Leben.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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