Das Julfest als Weihnachts-Ersatz

Freie Wikinger Köln feierten in den Wittgensteiner Wäldern die längste Nacht des Jahres

Rüppershausen. Für manche ist es nur die längste Nacht der Jahres, für andere ist es ein Grund, Julfest zu feiern. In skandinavischen Ländern ist Julfest die Vokabel für die uns bekannten Weihnachtstage, ursprünglich bezeichnet der Name jedoch das heidnische Hochwinterfest, das in der längsten Nacht des Jahres zwischen 21. und 22. Dezember gefeiert wird.

120 Frühmittelalter-Fans auf Alter Brache

Und während ganz Wittgenstein am Wochenende damit beschäftigt war, den Weihnachtsbaum schön zu schmücken und die letzten Geschenke noch einzupacken, da trieben sich in den Wittgensteiner Wäldern rund 120 seltsam gewandete Gestalten herum, um oberhalb von Rüppershausen auf der Alten Brache fast unbemerkt von der Öffentlichkeit Julfest zu feiern. Der Verein »Freie Wikinger Köln« hatte auf Empfehlung von Wikingern aus dem benachbarten Lahn-Dill-Kreis Quartier auf der Alten Brache gesucht. Und der Schneefall der vergangenen Tage verlieh dem Treffen noch einmal seinen ganz besonderen Reiz. Viele waren froh, dass die Halle mitten im Wald ordentliche sanitäre Anlagen bot und nicht ganz so Hartgesottene freuten sich auch, dass sie in der gemütlichen Halle wenigstens bildlich ihre Zelte aufschlagen konnten. Die Wikinger, die etwas härter im Nehmen waren, schlugen allerdings tatsächliche Zelte in den Untiefen des Schnees auf. Und für Wolfgang König von den Freien Wikingern hatten das Ungemach durch das Wetter auch einen Vorteil. Endlich könne man unter widrigsten Umständen testen, wieviel die Ausrüstung – strikt nach historischen Vorlagen angefertigt – wirklich tauge, so der Mann, der in Wikingerkreisen als Harald bekannt ist. Schließlich soll der Name zum Outfit passen: Es wimmelt in der Szene von Ragnars, Ivars, Thorsteins und Bjarnis.

Mit stumpfen Äxten kämpfen üben

Und so freundlich sie auch gestern Morgen miteinander umgingen, die Wikinger sind kernige Männer, die keinem Kampf aus dem Weg gehen. Im Südosten Englands an geschichtlich belegter Stelle wird regelmäßig die Schlacht von Hastings nachgestellt, bei der Wilhelm der Eroberer 1066 mit seinem Sieg über die Angelsachsen die Normannen-Herrschaft in England begründete. Und damit die Mannen authentisch kämpfen, wird das vorher geübt. Mit stumpfen Äxten, Geren und Schwertern trainieren sie für den frühmittelalterlichen Ernstfall. Sie seien, so Harald, an der Zeit zwischen 800 und 1100 interessiert. Und dabei nicht nur am Kämpfen, sondern auch an den alten Handwerken. Man pflege die überlieferten Künste vom Holzschnitzen über das Hornverzieren bis zum Kleiderschneidern. Und stolz unterstreicht der Kölner seine Kleidung halte viel wärmer als jede 500-DM-Jacke. Die wenigen Informationen über den Wikinger Alltag stammen vor allem aus Grabfunden. Andere Quellen sind mager, aber trotzdem bemühen sich die Freizeit-Wikinger um Authentizität, etwa bei Hochzeiten.

Eva und Ivar gaben sich das Jawort

Und genau so eine stand am Samstag auch auf der Alten Brache an: Ivar und Eva aus Köln gaben sich das Jawort. Für die beiden war das eine Ersatzhandlung für die kirchliche Trauung, standesamtlich heiraten die beiden Frühmittelalter-Fans dann im kommenden Jahr. Auch das Julfest ersetzt inzwischen einigen das kommerzialisierte Weihnachtsfest ganz.

Europäischer Gedanke? Verwirklicht!

Hier gibt es allerdings keine vorgeschriebene Linie, jeder wird nach seiner Fasson glücklich. Nicht umsonst nennen sie sich Freie Wikinger Kölns, die auf der Alten Brache übrigens auch Russen, Franzosen und Niederländer unter ihren Gästen hatten. Harald unterstrich, den europäischen Gedanken habe man in diesen Kreisen längst verwirklicht. Wobei Politik für sie aber keine Rolle spiele, nur von den rechten Glatzen distanzierte er sich deutlich: Hautfarbe und Religion – das sei bei ihnen total egal. Das sie nun gerade Wikinger seien, sei eher Zufall: »Wir hätten auch Kelten werden können.« Entstanden sei der Verein vor rund 20Jahren – wie in Köln kaum anders zu erwarten – aus einer Karnevalslaune.

Im Dunkel suchen alle nach Geborgenheit

Aber wenn Frohsinn hier auch groß geschrieben wird, so macht gerade das Julfest deutlich: Bei aller Individualität geht es vielen doch ums Gemeinschaftsgefühl. Rund um die Dunkelheit der längsten Nacht des Jahres suchen alle Menschen Geborgenheit: indem sie die Geburt des Heilands feiern, das Lichterfest Chanukka, das Ende des Fastenmonats Ramadan, – oder ein heidnisches Julfest.

JG

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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