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Das Zuhause für ein stählernes Trio

Philipp Dreisbach bietet als Küster in der Gemeinde die Führungen durch die alte Feudinger Kirche an. Selten besichtigt er indes mit den Gästen den Kirchturm mit dem Uhrwerk von 1924.
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  • Philipp Dreisbach bietet als Küster in der Gemeinde die Führungen durch die alte Feudinger Kirche an. Selten besichtigt er indes mit den Gästen den Kirchturm mit dem Uhrwerk von 1924.
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bw Feudingen. Das Radar und der Bunker Erich in Erndtebrück, der Jagdhof Glashütte und das Berleburger Schloss: Bauwerke, die jeder Wittgensteiner von außen kennt. Aber was steckt hinter ihrer Fassade? Was verbirgt sich in Räumlichkeiten, die nicht für jedermann zugänglich sind? Was passiert hinter den Kulissen? In einer neuen Serie gewährt die SZ spannende Einblicke.

Wer klaustro

bw Feudingen. Das Radar und der Bunker Erich in Erndtebrück, der Jagdhof Glashütte und das Berleburger Schloss: Bauwerke, die jeder Wittgensteiner von außen kennt. Aber was steckt hinter ihrer Fassade? Was verbirgt sich in Räumlichkeiten, die nicht für jedermann zugänglich sind? Was passiert hinter den Kulissen? In einer neuen Serie gewährt die SZ spannende Einblicke.

Wer klaustrophobisch veranlagt ist, für den ist die Besichtigung des Glockenturms der alten Feudinger Kirche nichts. In dem 33 Meter hohen Bauwerk ist es schmal und immer wieder verengen dicke Holzbalken den Aufgang hinauf zu den drei Stahlglocken.

Höhenangst ist auch kein guter Begleiter: Wer es hinauf bis zu den Glocken schafft und dann durch die Spalten der mit Holz verkleideten Turmöffnungen schaut, blickt rund 20 Meter in die Tiefe. Wenn im Jahre 1816 in Feudingen nicht ein verheerender Dorfbrand gewütet und dabei auch den Kirchturm zerstört hätte, wäre dieses Bauwerk heute womöglich noch höher.

Ursprünglicher Turm war höher

„Der ursprüngliche Turm war wohl wesentlich höher“, weiß Philipp Dreisbach zu berichten, „man konnte ihn vom Dernbach aus sehen.“ Der Küster der ev. Kirchengemeinde Feudingen kennt die Historie des Gotteshauses, dessen Bau 1218 begonnen hat und 25 Jahre dauerte, aus dem Effeff. Am 1. Juli 1816 breitete sich in Feudingen ein Großbrand aus, der auch auf den Turm der Martinskirche übergriff. Das Bauwerk brannte vollständig aus, während die Kirche selbst zwar beschädigt wurde, was bis heute im Dachstuhl zu sehen ist, aber noch glimpflich davon kam. Beim Brand wurden auch zwei historische Bronzeglocken aus dem Jahr 1549 zerstört. Den Wiederaufbau konnte sich die Kirchengemeinde damals nicht sofort leisten: Erst zum 1. Juli 1839 – auf den Tag genau 23 Jahre nach dem großen Brand – wurde der Glockenturm wieder in Betrieb genommen.

Auf der anderen Seite des Gemäuers ist an dieser Stelle die Kirchturmuhr zu sehen.
  • Auf der anderen Seite des Gemäuers ist an dieser Stelle die Kirchturmuhr zu sehen.
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Auch dieser Kirchturm wäre jedoch beinahe einem weiteren Brand zum Opfer gefallen: Im Jahre 1901 brannte nach einem Blitzeinschlag die Spitze des Turms, doch dank des schnellen Eingreifens konnte das Feuer schnell gelöscht und damit Schlimmeres verhindert werden. Bitter war hingegen, dass auch die Feudinger Bronzeglocken – wie andernorts auch – für die Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg eingezogen wurden. Deshalb hängen seit 1924 im Turm drei Stahlglocken, die auch vom knappen Jahrhundert, die sie hier mittlerweile läuten, schon gezeichnet sind. Während Bronzegussglocken locker 600 Jahre halten, bringen es solche Stahlglocken auf maximal 150 Jahre Lebensdauer, wie Philipp Dreisbach betont.

Der Schlägel der großen Glocke wiegt allein schon etwa 20 Kilogramm.
  • Der Schlägel der großen Glocke wiegt allein schon etwa 20 Kilogramm.
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Nach den ersten geschichtlichen Erläuterungen vor dem Turm führt der Küster ins Innere des aus Bruchsteinen errichteten Bauwerks. Direkt zu hören ist der Sekundentakt der Kirchturmuhr, der unentwegt schlägt. Zu sehen gibt es unten auch etwas: den früheren Eingang der Kirche, der an einem Rundbogen zu erkennen ist. Ein paar Treppenstufen höher ist das Uhrwerk installiert. Das stammt aus dem Jahr 1924, gefertigt von der Firma Weule – dieses Meisterwerk an mechanischer Präzision ist bis heute im Urzustand erhalten.

"Der ursprüngliche Turm war wohl wesentlich höher,
man konnte ihn sogar vom Dernbach aus sehen."

Philipp Dreisbach
Küster der Feudinger Kirche

Das Uhrwerk muss regelmäßig aufgezogen werden – entweder per Hebel mit viel Muskelkraft oder etwas leichter mit einem kleinen Motor. Um den Erhalt der Turmuhr und deren Wartung kümmert sich Joachim Hackler. Für den Betrieb sorgen drei mehrere hundert Kilogramm schwere Gewichte, sie sorgen für den Viertelstundenschlag alle 15 Minuten, das Zeigerwerk für die exakte Uhrzeit sowie für den Stundenschlag, der den Feudingern läutet, welches Stündlein geschlagen hat. Hinzu kommt an jedem Tag das längere Läuten am Morgen (um 6 Uhr in der Woche und um 8 Uhr am Sonntag), zur Mittagszeit um 11 Uhr sowie zur Abendstunde (um 19 Uhr in der Sommerzeit und um 18 Uhr im Winter). „Das ist so in der Läuteordnung festgelegt“, berichtet Philipp Dreisbach.

Die Feudinger Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Ihr Kirchturm ist jünger, weil der ursprüngliche Turm dem Dorfbrand von 1816 zum Opfer fiel und neu erbaut wurde.
  • Die Feudinger Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Ihr Kirchturm ist jünger, weil der ursprüngliche Turm dem Dorfbrand von 1816 zum Opfer fiel und neu erbaut wurde.
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Es geht weiter die Treppe hinauf, vorbei an den an Stahlseilen befestigten Gewichten immer höher, bis schließlich die erste Glocke über dem Kopf baumelt. Sie ist mit ihren 435 Kilogramm und mit dem Durchmesser von 98 Zentimetern die kleinste im stählernen Trio. Die mittlere Glocke hängt an der anderen Außenseite, dem Dorf zugewandt. Sie ist 740 Kilogramm schwer mit einem Durchmesser von 1,17 Meter. Während die kleine Glocke nur beim längeren Läuten in Betrieb ist, sorgt die mittlere für den Viertelstundenschlag. In der Mitte jedoch hängt die große Glocke mit ihren 1,1 Tonnen und einem Durchmesser von 1,39 Meter – sie verkündet die Stunde. Ein Glockensachverständiger hatte bei der Klangprobe im Jahre 1923 festgestellt, dass diese Glocke außerordentlich gut gelungen sei.

Autor:

Björn Weyand (Redakteur) aus Bad Laasphe

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