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Höchstes Risiko in stationärer Jugendhilfe
Die "Unsichtbaren" in der Pandemie

Marie-Christine Wagner aus Herbertshausen ist Erzieherin in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Sie findet, dass ihr Berufsstand in der Pandemie nicht wahrgenommen wird.
  • Marie-Christine Wagner aus Herbertshausen ist Erzieherin in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Sie findet, dass ihr Berufsstand in der Pandemie nicht wahrgenommen wird.
  • Foto: Holger Weber
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

howe Herbertshausen. Das Maß ist voll. Seit über einem Jahr schaut sich Erzieherin Marie-Christine Wagner das – wie sie sagt – „Spektakel“ an. Bislang hielt sie sich abwartend im Hintergrund, war sozusagen stiller Leser und Hörer. „Ich finde jedoch, dass es nun an der Zeit ist, laut zu werden. Laut, da ich es leid bin, dass ein Jahr vergangen ist, die Lage chaotischer ist denn je und dazwischen hohe Staatsschulden liegen“, sagt sie. Was die Herbertshäuserin meint, ist klar: Mit der Pandemie müsse man leben, sich so gut wie es geht arrangieren. Aber dass für ihren Berufsstand so gar nichts getan wird, das bringt die 43-Jährige auf die Palme.

Nein, jammern wolle sie nicht auf hohem Niveau, aber auf die Missstände hinweisen.

howe Herbertshausen. Das Maß ist voll. Seit über einem Jahr schaut sich Erzieherin Marie-Christine Wagner das – wie sie sagt – „Spektakel“ an. Bislang hielt sie sich abwartend im Hintergrund, war sozusagen stiller Leser und Hörer. „Ich finde jedoch, dass es nun an der Zeit ist, laut zu werden. Laut, da ich es leid bin, dass ein Jahr vergangen ist, die Lage chaotischer ist denn je und dazwischen hohe Staatsschulden liegen“, sagt sie. Was die Herbertshäuserin meint, ist klar: Mit der Pandemie müsse man leben, sich so gut wie es geht arrangieren. Aber dass für ihren Berufsstand so gar nichts getan wird, das bringt die 43-Jährige auf die Palme.

Nein, jammern wolle sie nicht auf hohem Niveau, aber auf die Missstände hinweisen. Sie sei dankbar, dass sich ihr Arbeitsalltag nicht grundlegend verändert habe, sie sich nicht mit Existenzängsten herumschlagen müsse wie andere. „Dennoch denke ich, dass hier irgendwo ein Fehler im System ist.“

24 Stunden in familienähnlicher Gemeinschaft

Dazu muss man wissen, welchen Job Marie-Christine Wagner als Erzieherin hat – nämlich in der stationären Jugendhilfe. In einer Jugendhilfeeinrichtung im für Wittgensteiner benachbarten Landkreis Marburg-Biedenkopf lebt sie quasi 24 Stunden am Tag gemeinsam mit ihren Kollegen und den zu betreuenden Jugendlichen in einer familienähnlichen Gemeinschaft. Sieben Tage die Woche. Da ist viel Nähe auf engstem Raum – ob beim gemeinsamen Essen, bei Aktivitäten oder beim Gespräch: Betreuung kennt keine Distanz in einer solchen Einrichtung.

„Der Bereich der stationären Jugendhilfe lässt weder Notbetreuung noch Home-Office noch verlängerte Ferien zu.“ Sie teile sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen ein Bett, ein Badezimmer, eine Toilette und ein Büro. „Es besteht also kaum die Möglichkeit, sich ausreichend aus dem Weg zu gehen“, berichtet Marie-Christine Wagner. Überdies lebt sie, wie sie erläutert, mit Jugendlichen unter einem Dach, die den Ernst der Lage nicht verstehen, vielleicht auch nicht verstehen wollen, und jede Lücke nutzen, um die Maske nicht zu tragen. „Kein Wunder, denn klare Direktionen von der Regierung oder auch der kommunalen Ebene sind bezüglich meines Arbeitsfeldes bis heute nicht erfolgt.“

"Wir sind unsichtbar"

Genau das macht Marie-Christine Wagner wütend. Wie wird denn im Quarantänefall oder einem Positiv-Test in der Einrichtung verfahren? Darauf gebe es keine Antwort. „Seit mehr als einem Jahr wird in der Politik nicht gesehen, dass ich mich und meine Angehörigen und die Jugendlichen sich und deren Angehörige dem höchsten Risiko aussetzen“, klagt die 43-Jährige. „In dieser besonderen Situation sind wir alle unsichtbar.“ Solche Arbeitsbedingungen seien übrigens in deren öffentlich-dienstlichen Arbeitsbereichen vollkommen indiskutabel.

Das Gesundheitsamt habe sie als Kontaktperson der Stufe 2 bezeichnet. Die Jugendlichen gelten dagegen als Kontaktpersonen der Stufe 1. Sie würden auch getestet, die Betreuer nicht. „So ein Blödsinn. Dabei leben wir doch in einem Verbund, wie eine Familie.“ Die Einstufung der Betreuer erfolge laut amtlicher Begründung des Ministeriums nicht mit Blick auf die räumliche Unterbringung, sondern unter Bezugnahme auf die Rolle als Garant des Rechts der Kinder und Jugendlichen auf Bildung, Teilhabe, Förderung und Betreuung. „Bisher dachte ich“, sagt Marie-Christine Wagner, „dass Impfungen zum Schutz von Personengruppen und deren Angehörigen erfolgen und nicht, dass diese als Mittel zum Zweck dienen. Es taucht nicht mit einem Satz irgendwo auf, dass wir als Erzieher schützenswert sind.“

Ein Dank wie ein Aprilscherz

Im Grunde werde sie im luftleeren Raum gelassen. In der Quarantänesituation müsste die Einrichtung schauen, wie sie zurecht kommt. Denn es gibt keine klaren Richtlinien, die aber so wünschenswert wären. Marie-Christine Wagner stellt deutlich fest: „Ich fühle mich nicht akzeptiert und nicht anerkannt in meiner Arbeit. Offensichtlich bleibt mir das Recht auf eine Corona-Prämie verwehrt, denn darauf haben augenscheinlich vorrangig diejenigen einen Anspruch, die die Möglichkeit haben, sich den Risiken und den dadurch möglicherweise entstehenden Ängsten durch eingerichtetes Home-Office zu entziehen“, konstatiert sie.

„Diese Berufsgruppen sind offenbar schützenswerter und sichtbarer als der stationäre Jugendhilfebereich, der die Grauzone der Gesellschaft demnach offenbart.“ Der Dank, den sie am 1. April per Schreiben aus dem Ministerium erhielt, kommt ihr wie ein schlechter Aprilscherz vor. „Sie leisten in Ihren Arbeitsfeldern einen besonders wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Auswirkungen dieser Pandemie auf unsere Gesellschaft“, heißt es. „Das können die sich sparen“, sagt Marie-Christine Wagner.

Zumal das Ministerium sogar davon spricht, die Länder hätten sich beim Bund erfolgreich dafür eingesetzt, dass Beschäftigte in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in die dritte bzw. zweite Priorisierungsgruppe beim Impfen aufgenommen würden. Sie seien schließlich einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Im letzten Satz schreibt das Ministerium jedoch: „Aufgrund der momentan weiterhin äußerst knappen zur Verfügung stehenden Impfstoffmengen ist es aber nach wie vor nicht möglich, alle Beschäftigten der Jugendhilfe bereits früher zu impfen.“

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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