Ein Dämpfer für das soziale Gefüge

Beispiel aus der Landwirtschaft in Banfe: Maschine ist mehr als nur ein Kartoffel-Kocher

howe Banfe. Tief im Westen Banfes sieht man kleine Rauchwolken aufsteigen. An der Banfetalstraße am Ortsausgang Richtung Fischelbach stehen die Traktoren Schlange. Hinten im Hof der Familie Wege pulsiert das landwirtschaftliche Leben. Und mittendrin steht sie, die alte Dame aus dem Nürnberger Hause Gotthardt und Kühne: eine Kartoffel-Dämpfmaschine aus dem Jahre 1963. Ein wenig hat das metallene Ungetüm schon Rost angesetzt. Doch der rollende Riesen-Kochtopf faucht und pustet noch wie früher. Die Luft ist erfüllt von einem süßlich-leckeren Kartoffelduft. Herrlich.

Hartmut Wege hat das Gefährt im Griff. Einer der besten Kreisliga-Fußballer in Wittgenstein widmet sich heute noch intensiver der Landwirtschaft. Er kontrolliert die Dämpfmaschine und schaut, ob die Temperatur und die Wassermenge stimmen. Laut arbeitet der drei Meter hohe Kartoffel-Dämpfer vor sich hin und alle packen mit an. Das Dämpfen ist bei Weges immer ein Ereignis. Die Landwirte im Dorf tun sich zusammen und garen die Kartoffeln für die Schweine. Und weil jeder ein Interesse daran hat, seine eigenen Fässer zu füllen, hilft der eine dem anderen. Früher war das Kartoffeldämpfen ein Großereignis für Jung und Alt. Während »Alt« auch den reinen landwirtschaftlichen Nutzen sah und die Arbeit verrichtete, tummelte »Jung« sich um die große Dämpfmaschine. Die Kinder im Dorf freuten sich, wenn dieses schnaufende Wunderding köstliche Pellkartoffeln ausspie. Mit Salz, guter Butter und Quark bewaffnet, sicherten sich die Knirpse das Mittagessen. Freilich kamen in den Herbsttagen auch die Erwachsenen in den Genuss frisch gedämpfter Kartoffeln. Nach altem Brauch gab es Gegenden, wo die zu pellenden Erdäpfel mit Leber- oder Blutwurst gereicht wurden.

Das Kartoffeldämpfen lässt Erinnerungen wach werden: So mancher berichtet von gekochten Kartoffeln, die zuweilen mit den Füßen eingestampft wurden. Zwar isolierte man die Gummistiefel mit Zeitungspapier, trotzdem verformte sich manches Exemplar aufgrund großer Hitze. Heiße Brühe lief über die Dorfstraße, die Dämpfmaschine strahlte eine behagliche Wärme aus. Und die Dampfmaschine bewirkte noch viel mehr: Sie war Dreh und Angelpunkt gemeinschaftlichen Handelns, welches »ausgeprägte kooperative und genossenschaftliche Züge gegenseitiger Hilfe und geradezu verwandschaftlicher Verbundenheit« hat – wie das Beispiel der Familie Wege zeigt.

Der Landschaftsverband Rheinland fasst das in einem Beitrag zur Alltagskultur treffend zusammen: Mitmachen heiße, das Geschick der Gemeinschaft selbst in die Hand zu nehmen und zu regulieren. Das klinge vormodern, sei aber tatsächlich ein geradezu lebensnotwendiger Gegenpol zu globalisierten und vor allem unpersönlichen Funktionssystemen. Das gemeinschaftliche und persönliche Aktivsein habe eine bemerkenswerte aktuelle Bedeutung. Die Gemeinschaft, die so gefördert und aufgebaut werde, biete Halt, Schutz und ein Gefühl von Heimat, sagt der Verband. Auf dem Lande ist die soziale Welt eben noch in Ordnung.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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