Ein Dorf zwischen »Delles« und »Nixefellersch«

Die Weide im Oberen Lahntal feiert im kommenden Jahr ihr 300-jähriges Bestehen / Die ersten Kanonhöfe entstanden nach Rodungen

JG Weide. Verglichen mit anderen Wittgensteiner Dörfern ist Weide noch ein ganz junger Hüpfer. Wobei sich dieser Satz für Oberlahntaler gleich falsch anhört. Ohne sich um lupenreines Hochdeutsch zu kümmern würden Rückershäuser, Volkholzer oder auch Feudinger nämlich sagen: Verglichen mit anderen Wittgensteiner Dörfern ist die Weide noch ein ganz junger Hüpfer.

Erst der siebte Name war der endgültige

Und das Hantieren mit einem Artikel – egal, ob der, die, den – hat eine lange Geschichte für die Weide. Denn obwohl im kommenden Jahr erst das 300-jährige Bestehen des Dorfes gefeiert wird, sind doch mal mindestens sieben verschiedene Namen für das wunderschöne Fleckchen zwischen Birkenhecke und Heimberg, zwischen Eichwald und Augustenhof im Oberen Lahntal verbürgt. In der Reihenfolge der Zeit lauteten die Namen: In den Weyden, In der Weyde, Stuppenhausen in der Weyde, Schönstädt zu Stuppenhausen, Beim Conradsborn zu Stuppenhausen, Beim Conradsborn – bis es dann schließlich und endlich Weide hieß. Die Stuppen, die sich namenstechnisch nicht durchsetzen können, sind heute trotzdem noch wichtig: Das andere Wort für »Baumstümpfe« verweist auf die Rodung von Wäldern. Das Standardwerk »Die Feudinger Höfe«, das im Jahr 1991 von Werner Wied für den Ortsheimatverein »Auf den Höfen« herausgegeben wurde, vermerkt zu diesem Thema: »Eine neue »innere Kolonisation« und letzte Rodungsperiode brach für Wittgenstein mit Beginn des 18. Jahrhunderts an. Eine neue Wirtschaftspolitik der Wittgensteiner Grafen führte – unter Aufgabe der bisherigen Forstwirtschaft – zu neuen umfangreichen Rodungen, der Ansiedlung zahlreicher Neusiedler (nach einem neuen Siedelrecht »Kanonisten« genannt) und zur Gründung neuer Dörfer oder Einzelhöfe. Zu diesen Siedlungen zählen unter den Feudinger Höfen Welschengeheu (1725), Glashütte (die Glashütte unter dem Kugelberg, 1704), Lindenfeld (um 1720) und Weide (1706).«

Land nur »mit saurer Mühe« zu gewinnen

1706 bis 2006 – da sind 300 Jahre. Das Jubiläum im kommenden Jahr berechnet sich folgendermaßen: In Rückershausen beginnt am 20. Januar 1706 Johannes Haßler einen Brief mit »Hochgeborner Graf, Gnädigster Graf und Herr.« Er möchte »zwieschen Rückershausen und Schönstein an einem wüsten und ungebauten Ord« Land haben, um sich eine kleine Wohnung anzurichten. Ein Fleckchen Erde, das teilweise mit Birken und Erlensträuchern bewachsen ist und deshalb »mit saurer Mühe« gewonnen werden müsste. Vom 14. April 1706 datiert dann die Antwort von Henrich Albrecht, Graf zu Wittgenstein und Hohenstein, der in einem Brief die genauen Abmessungen des Kanongutes mittels detaillierter Ortsbeschreibung festlegt. Johannes Haßler und einem zweiten Rückershäuser namens Hans Henrich Reuter wurde am Südabhang des Eichwalds ein Raumgut »gerichtlich ausgegangen und ihnen eingeräumt«. Dabei handelte es sich ausdrücklich noch nicht um einen Kanonbrief, der wahrscheinlich später ausgestellt wurde und nicht mehr erhalten ist.

Hausnamen gibt es auch heute noch

Damit hatte die heutige Weide ihre ersten Bewohner – und deren Hausnamen gibt es heute noch: »Delles«. Als Nächstes erhielt 1709 Johann Arndt Göbel seinen Kanon-Brief. Und weil er ursprünglich aus Holzhausen stammte, lautete der neue Hausname »Holzhäusersch«. Nach diesen beiden Gehöften in der unteren Weide wurde 1713 der Rückershäuser Curdt Wiedt der nächste Kanonist. Er rückte den Berg hinauf, der 659 Meter hohen Birkenhecke entgegen. Ob der Hausname »Nixefellersch« wirklich daher rührt, dass er nix am Feld hatte, konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, ist aber eine schöne Anekdote. Im Jahr drauf bekam der Rückershäuser Gilbert Hackler seine Urkunde, er begründete das Haus »Hackelersch« auf halber Höhe zwischen den drei bestehenden Höfen. Ab 1720 wohnt dann auch Andreas Wieth in den Weiden. Sein Hof erhält den Hausnamen von seinem Schwiegersohn Conrad Claus. Auch heute weiß man in der Weide noch, wo »Claus« wohnen. Damit hatte man die ersten fünf Weider Familien zusammen. In den folgenden beiden Jahrhunderten kamen hinzu: »Korporals« (1768), »Hääner« (1786), »Bergmanns« (1827), »Six« (1840), »Wagenersch« (etwa 1840), »Schneirersch« (1853), »Keppches« (1864), »Drechselersch« (1868) und schließlich als letztes der alten Gebäude das Doppelhaus von »Dewwer die Korporals« und »Härer« (etwa 1910).

Einwohner-Hoch in 1985: 154 Menschen

Untere und Obere Weide sowie Nixenfeld machen seit jeher die Weide aus, aber auch die eine Hälfte vom Eichwald gehört sozusagen bis zum Abzweig »Friedhof« noch zum Dorf. Am Anfang waren es fünf Familienverbände in der Weide, in 1818 belief sich die Zahl der Einwohner auf 57. Einen massiven Anstieg von knapp 70 Prozent gab es dann in den nächsten Jahren: 1831 hatte der Ort 95 Einwohner. Eine Entwicklung, die sich in dieser Zeit für ganz Wittgenstein ähnlich darstellte. Zwischen 80 und 110 pendelte die Zahl der Weider bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die bisher höchste Einwohnerzahl hatte der Ort 1985: Damals lebten hier 154 Menschen. Die Homepage der Stadt Bad Laasphe spricht heute von 135 Weidern. Und die wollen gemeinsam mit dem ganzen Oberen Lahntal im nächsten Jahr Dorf-Jubiläum feiern.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.