Erst das Flechten macht den Stuhl

Petra Feuring übt seltenes Handwerk aus / Ihre Werkstatt belebt altes Verwaltungsgebäude

awe Niederlaasphe. Vorbei am Niederlaaspher Weiher in Richtung Hessen liegt ein großer Garten. Zwischen zweien der großen, alten Bäume, die den Garten säumen, hängt ein großes Plakat: »Die Stuhlflechterei« steht darauf. Einige Meter weiter führt eine Pforte in den Garten und dort, hinter Birkenzweigen, entdeckt man dann ein Gebäude, fast eine Villa. »Verwaltung« steht auf einem kleinen Türschild, das aber nicht mehr gilt. Früher gehörte das Gebäude zur Amalienhütte. Die ist heute ein Industriedenkmal und deshalb findet sich auch nicht deren Buchhalter hinter der Tür, sondern Petra Feurings Werkstatt. Petra Feuring ist diejenige, die sich hier auf das Handwerk des Stuhlflechtens versteht, und das ist nichts Selbstverständliches. Zu ihrem eigenen Haushalt gehörten alte Stühle, berichtet sie. Die waren schön, aber leider nicht mehr funktionstüchtig – das Flechtwerk musste ersetzt werden. Auf der Suche nach jemand Sachkundigem landete die Niederlaaspherin am Ende in ihrer eigenen Werkstatt. Vorher – und das klingt ein wenig verwunschen – brachte ihr ein blinder Korbmacher, der von seinem eigenen Vater das Handwerk erlernt hatte, die Korbmacherei bei. Handfestes dagegen war gefragt in der Prüfung im Korbmacherhandwerk, die Petra Feuring dann vor sechs Jahren vor der Handwerkskammer in Arnsberg ablegte. Spezialisiert hat sie sich dabei schon aufs Stuhlflechten. Körbe gibt es in ihrer Werkstatt an der Marburger Straße 36 zwar auch. Selbstgemachte zu verkaufen, sei aber zu teuer, erklärt die Stuhlflechterin, höchstens auf Anfrage – die man auch unter der Telefonnummer (02752) 507839 stellen kann – werden Körbe bei ihr repariert. Das Kerngeschäft bilden hier die Rückenlehnen und die Sitzflächen alter Stühle, die kunstvoll in bequeme und schöne Möbelstücke verwandelt werden. Das Arbeitsmaterial dafür hängt an der Wand: Geschältes und rundes Peddigrohr zeigt Petra Feuring dort, Schienenpeddigrohr, Binsen, dänische Papierschnur und Chinaschnur aus Seegras. Hieraus haltbare Sitzgelegenheiten herzustellen, ist eine alte Kunst aus dem fernen Osten. In Mode kam sie in Europa zuletzt in der Gründerzeit und im Jugendstil. Bei wem diese Möbel nicht aus der Mode gekommen sind, der findet in Niederlaasphe die kompetente Hilfe, falls es etwas aufzuarbeiten gibt. Seit März kommt Petra Feuring dafür in ihre Werkstatt an der Marburger Straße. Und da ein schöner Stuhl allein ein Zimmer noch nicht möbliert, gruppieren sich um die Walzen-, Biedermeier- und Thonet-Stühle einige antike Möbel, Glaskunst, Dekorations- und Geschenkartikel. Zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden flicht Petra Feuring an einer Sitzfläche, je nachdem, wie dicht der Tischler das Geflecht vorgesehen und Löcher dafür gebohrt hatte. »Man kann wunderbar dabei abschalten«, sagt die gebürtige Siegerländerin. Gerade arbeitet sie an einem Wiener Geflecht, andere Muster wären etwa das Sonnen-, Spinnen- oder Diamantgeflecht. Ein Wiener Geflecht besteht aus sechs Stufen. Hin und her wird das Peddigrohr gespannt, dann noch ein weiteres mal längs und dann wird diagonal geflochten. Das wichtigste Handwerkszeug sei dabei die Pinzette, erklärt Petra Feuring. Während sie an diesem Morgen mit der Pinzette und Peddigrohr einen Holzrahmen in einen funktionstüchtigen Stuhl verwandelt, liegt »Paul« neben ihr und träumt vor sich hin und »Karlchen« sichert auf Streifzügen die Werkstatt – ihre beiden Hunde haben sie heute zur Arbeit begleitet. Demnächst soll aber noch mehr Leben einziehen ins verwunschene Haus im alten Garten, eine Floristin will hier ihren Laden eröffnen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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