»Erst handeln, dann verhandeln«

Ehepaar berichtete in Bad Laasphe über »Heim statt Tschernobyl« / Heimische Helfer dabei

JG Bad Laasphe. Hätte er gewusst, dass so viele Fachleute mit Vor-Ort-Erfahrungen zum Vortrag kämen, dann hätte er ja zu Hause in Ostwestfalen bleiben können. So begrüßte am Dienstagabend Dietrich von Bodelschwingh rund 30 Zuhörer im katholischen Gemeindezentrum Bad Laasphe. Gemeinsam mit seiner Frau Irmgard wollte er auf Einladung von Kurseelsorge und örtlichem Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit von dem Projekt »Heim statt Tschernobyl« erzählen – dabei waren im Publikum vier Menschen aus der heimischen Region, die selbst schon in Weißrussland aktiv waren. Die Kreuztalerin Wiebke Brügmann, Annegret Bernhardt aus Friedensdorf sowie das Buchenauer Ehepaar Amanda und Max Hansen waren allesamt schon mal in dem Land, das wie kein anderes unter den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu leiden hat.

»Für tausende Jahre nicht bewohnbar«

Und deshalb nahm auch Dietrich von Bodelschwingh seine Zuhörer in Bad Laasphe erst mal mit auf eine Zeitreise. Erst ins Jahr 1986, als die schreckliche Katastrophe passierte, dann ins Jahr 1990, als der Vortragende, seine Familie und einige Freunde mit dem Fahrrad eine Friedensfahrt durch Weißrussland unternahmen – quasi auf den Spuren der Väter, die 50 Jahre vorher als Soldaten das Gebiet heimsuchten. Was er sah, erschütterte ihn: »riesige Landstriche, die für tausende Jahre nicht mehr zu bewohnen sind«. Besonders schlimm betroffen – neben dem Gebiet direkt ums ukrainische Tschernobyl – auch große Teile Weißrusslands, 200 Kilometer nordöstlich vom Unglücksort.

Umsiedlungswillige packen selbst an

Erschüttert von den Bildern und den Schicksalen vor Ort, suchten die von Bodelschwinghs nach einem Ausweg. Die Lösung verbarg sich hinter einer Zauberformel: Heim statt Tschernobyl. Den Menschen – direkt aus der verstrahlten Zone oder aus den ebenfalls gefährlichen, angrenzenden Gebieten – wurde das Angebot gemacht, sie könnten umgesiedelt werden. 500 Kilometer entfernt in Richtung Norden, nahe an den baltischen Staaten, noch näher am Narotschsee. Einzige Grundbedingung der Organisatoren: Die Umsiedlungswilligen müssen selbst mit anpacken beim Bau ihrer Häuser.

Missionar brachte Lehm-Idee aus Afrika

Häuser, die übrigens anders aussehen als die vor Ort üblichen Holzblockhäuser. Denn beim Kramen in der Familiengeschichte stieß Dietrich von Bodelschwingh auf einen Onkel, der Missionar in Afrika gewesen war. Und der hatte von dort die Idee zum Lehmhäuserbau mitgebracht. Schon in der Weimarer Republik hatte der Onkel diese Technik für den Häuserbau von sehr armen Familien in Deutschland genutzt, jetzt erlebte die Idee ihre Wiedergeburt. Auf ein Beton-Fundament wird ein Holzständerwerk gestellt – eine Art Fachwerk allein mit senkrechten Streben – und die Freiräume mit Lehm ausgefüllt.

»Da ist kein Gramm Zement drin«

»Da ist kein Gramm Zement drin«, versicherte Dietrich von Bodelschwingh. In drei Wochen wird solch ein Haus fertig gestellt. Das Ergebnis: In zwölf Jahren sind in dem Dorf Drushnaja 31 Wohnhäuser, ein Gemeinschaftshaus, ein Werkstattgebäude und ein Arztzentrum entstanden. Nötig waren dafür viele helfende Hände: Nicht nur von Weißrussen, sondern auch von deutschen Handwerkern, Akademikern, Friedensdienstleistenden, Vorruheständlern, Pensionären und Studenten. Inzwischen wurde 150Kilometer entfernt mit einer weiteren Neuansiedlung begonnen.

Medizinischer Berater aus Kredenbach

Drushnaja ist übrigens auch weiterhin das Ziel von Freizeiten. Mütter und Kinder aus dem verseuchten Süden des Landes kommen im Sommer nach Drushnaja, um dort ein wenig den schweren Alltag zu vergessen. Die vom unsichtbaren Gift verursachte Krankheit ist allgegenwärtig, auch deshalb unterstütze, so Dietrich von Bodelschwingh, Dr. Ludwig Brügmann, Chef des Kredenbacher Krankenhauses, auch als medizinische Berater das Projekt. Doch die Zeit in Drushnaja sei spürbar ein Urlaub, eine Erholung für die Menschen, so Irmgard von Bodelschwingh. Und diese Erfahrungen sind Motor für das Engagement des Ehepaars. Auch nach Enttäuschungen. So waren etwa Patenschaften zwischen heimischen Handwerkern und weißrussischen gescheitert. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der diktatorischen Regierung in Minsk ist schwierig, einfach weil bei der kein klarer Kurs – auch in Wirtschaftsfragen – erkennbar ist.

»Aber es dreht sich trotzdem weiter«

Doch die Deutschen haben sich darauf eingestellt. So habe es vor dem Bau der Häuser keine Genehmigungen dafür gegeben, allzu schleppend ziehen sich solch administrative Vorgänge hin. »Man muss handeln und dann verhandeln«, so Dietrich von Bodelschwinghs Leitmotiv. Inzwischen haben die Deutschen zwei Windkrafträder nach Drushnaja geschickt. Die speisen heute Strom für 400, 500 Haushalte ins Netz ein. Das so erwirtschaftete Geld wird für den weiteren Ausbau des Dorfes genutzt, das damit auch ein Wirtschaftsmotor für die Region wird. Wobei der skeptische Ehemann fatalistisch ausführt: »Es kann passieren, dass die Windräder morgen konfisziert werden.« Die zuversichtliche Ehefrau lässt sich allerdings nicht bange machen: »Aber dann dreht es sich trotzdem weiter.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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