„Falsch, dass Juden in Deutschland leben“

Ellahé Engel-Yamini (links) sprach auch nach ihrem Vortrag in Bad Laasphe noch angeregt mit ihren interessierten Zuhörern. Foto: jg
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jg Bad Laasphe. „Das Eigene und das Fremde“- so war die Vortrags- und Gesprächsreihe der Laaspher Kurseelsorge überschrieben, die im vergangenen halben Jahr eben jenes Thema mit einigen Referenten aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtete und diese Woche zu Ende ging. Zum Abschluss hatte Kurseelsorger Johannes Weissinger Ellahé Engel-Yamini eingeladen, eine deutsch-iranische Jüdin.

Diese Kombination gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so oft. Bei dieser Veranstaltung mussten die 16 Zuhörer stark sein, denn es gab Sätze zu hören, die nicht runtergingen wie Öl oder auch insgesamt schwer unter einen Hut zu bringen waren. So sagte die Diplom-Sozialarbeiterin, Systemische Familientherapeutin, Heilpraktikerin, Psychodrama-Assistentin und interkulturelle Beraterin am Anfang ihres Vortrags: „Deutschland ist vielleicht nicht meine Heimat, aber mein Zuhause.“ Gegen Ende der abschließenden Dikussion sagte sie jedoch genau so überzeugt: „Ich halte es für falsch, dass Juden in Deutschland leben.“ Überspitzt gesagt wunderte man sich an dieser Stelle darüber, weshalb die Jüdin aus Angst vor Neonazis ihren Wohnort nicht im Zeitungsartikel lesen wollte, denn diesen letzten Satz würde wohl jeder Alt- und jeder Jung-Nazi ohne Wenn und Aber unterschreiben. Ein Satz, der nicht nur eine Ohrfeige ist für die deutschen Nicht-Juden, die aus dem Nazi-Schrecken etwas gelernt haben, sondern auch für jene deutschen Juden, denen es nach dem Zweiten Weltkrieg ein Anliegen war, in ihre deutsche Heimat zurückzukehren. Wie groß ihre Zahl auch gewesen sein mag.

Die Referentin war in Teheran geboren worden und Mitte der 60er Jahre als 15-Jährige mit ihren beiden jüdischen Eltern aus dem Iran nach Baden-Württemberg gekommen. Anfangs habe sie sich sehr allein gefühlt und die deutsche Sprache abgelehnt, aber inzwischen sei es doch ihre Sprache geworden. Und so habe sie auch für die Shoah Foundation zehn oder 14 Holocaust-Überlebende interviewt. Die gemeinnützige Organisation wurde vor 16 Jahren von dem amerikanischen Regisseur Steven Spielberg gegründet, um weltweit Holocaust-Überlebende zu befragen und die Gespräche auf Video aufzuzeichnen. 50 000 waren es rund um den Globus. Dabei sprach Ellahé Engel-Yamini auch mit dem Schmallenberger Juden Hans Frankenthal, der fern seines Sauerländer Zuhauses nirgendwo heimisch geworden sei, nachdem seine Familie vor seiner Vertreibung durch die Nazis 400 Jahre in Schmallenberg gelebt habe. Nach diesen Interviews habe sie Deutschen drei Tage lang nicht die Hand geben können. Schon wieder so ein verstörender Satz, der ein ganzes Volk Jahrzehnte nach dem Holocaust in Haftung nimmt - und von den Deutschen nicht nur eine gesteigerte Verantwortung erwartet, sondern ihnen eine ererbte Schuld attestiert. Aber vielleicht war es einfach ein Fehler, die Worte auf die Goldwaage zu legen, vielleicht waren die Widersprüche lediglich Ausdruck einer großen Zerrissenheit und fortbestehenden Entwurzelung. Nicht die einzelnen Aussagen waren die Botschaft, sondern das darin transportierte widersprüchliche Gefühl.

Ihre Informationen aus dem Iran bezieht Ellahé Engel-Yamini von Freunden: Mit dem biblischen Wissen über die lange Geschichte der Juden in Persien und den aktuellen Nachrichten aus dem Iran zeichnete sie ein Bild des Landes für die Gegenwart. Heute seien es noch 20 000 Juden, die in dem 75-Mill.-Land lebten, dessen Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad konsequent den Holocaust leugnet. Als patriotische Staatsbürger hätten die Juden gleich nach der Islamischen Revolution 1979 dem Ayatollah Khomeini ihre Aufwartung gemacht, heute dürften sie im Iran nicht in den Staatsdienst und stünden wegen ihrer Auslandskontakte schnell unter Spionageverdacht. Es sei eben so, dass Minderheiten im Iran mit Füßen getreten würden. Jedoch setzte Ellahé Engel-Yamini ihre Hoffnung auf die Zukunft. Nach den Vorkommnissen im vergangenen Jahr stünden die Reihen der Iraner nicht mehr so geschlossen hinter Ahmadinedschad. Das sagte Ellahé Engel-Yamini am Dienstag, am Mittwoch wurde ein Anschlag auf den Präsidenten bekannt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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