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Erinnerung an die Familie Burg
Freundeskreis will Gedenkstein in Banfe errichten

Bei der Bushaltestelle an der Banfer Eiche soll demnächst ein Gedenkstein aufgestellt werden, der an die Ermordung der Banfer Familie Burg vor 80 Jahren erinnern soll.
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  • Bei der Bushaltestelle an der Banfer Eiche soll demnächst ein Gedenkstein aufgestellt werden, der an die Ermordung der Banfer Familie Burg vor 80 Jahren erinnern soll.
  • Foto: Holger Weber
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howe Banfe. Man kann sich so etwas nicht vorstellen: Würde heute eine alteingesessene Wittgensteiner Familie aus Banfe einfach mit einem Bus abgeholt, irgendwo hingebracht und ermordet, wären die Schlagzeilen riesig, die Erschütterung der Mitbürger unermesslich. Vor 80 Jahren interessierte das eher wenig. Die Nationalsozialisten herrschten schrecklich, die Leute mussten kuschen. Man hatte den Mund zu halten, das Deckmäntelchen des Schweigens darüber zu legen. Man musste mitschwimmen auf der Welle des Juden-Hasses. Und dabei waren die Burgs aus Banfe doch ganz normale Leute.

howe Banfe. Man kann sich so etwas nicht vorstellen: Würde heute eine alteingesessene Wittgensteiner Familie aus Banfe einfach mit einem Bus abgeholt, irgendwo hingebracht und ermordet, wären die Schlagzeilen riesig, die Erschütterung der Mitbürger unermesslich. Vor 80 Jahren interessierte das eher wenig. Die Nationalsozialisten herrschten schrecklich, die Leute mussten kuschen. Man hatte den Mund zu halten, das Deckmäntelchen des Schweigens darüber zu legen. Man musste mitschwimmen auf der Welle des Juden-Hasses. Und dabei waren die Burgs aus Banfe doch ganz normale Leute.

Benjamin und Berta Burg, ihre Söhne Simon und Martin sowie die ledigen Geschwister Joseph und Berta Burg lebten im „Strüthchen“, sicherten sich den Lebensunterhalt wie viele Juden mit Viehhandel und der Landwirtschaft. Die Burgs waren geschätzt im Dorf, schließlich traten sie nach ihrem Wohnortwechsel von Fischelbach in den Jahren um 1886 in die Banfer Vereine ein.

Erinnerung an die Familie Burg: In Banfe fest verwurzelt

Joseph Burg war Soldat im Ersten Weltkrieg, kämpfte für Deutschland an der Front. Wie selbstverständlich war er Mitglied im Banfer Kriegerverein, außerdem engagierte er sich als aktiver Sänger im 2. Bass des Männergesangvereins. Bei keiner Veranstaltung fehlte Joseph – ob in der örtlichen Kirche oder bei einem der Wettstreits. Seine Schwester Berta hatte diesen typischen Banfer Humor, diesen fröhlichen Witz, schlagfertig und sicher auf Platt. Sie spielte bei manchen Gelegenheiten die Mundharmonika, während Freunde aus ganz Banfe dazu tanzten. Heute würde man sagen: Berta war ein Banfer Original. Simon und Martin Burg besuchten die Banfer Volksschule. Höfliche Jungs waren die beiden Burschen. Martin liebte die Traditionen. Mit seinem besten Freund Gottried Ullrich ging er im Dezember immer auf Nikolaus. Die beiden verkleideten sich, klingelten an der Haustür und sagten brav ihr Gedicht auf. Dafür gab es Geschenke oder Süßigkeiten. Gottfried Ullrich starb 2017.

Simon Burg, hier bei einem Besuch mit Ehefrau Pirchia 1988 in Bad Laasphe, flüchtete als 14-Jähriger nach Israel und entkam so der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft.
  • Simon Burg, hier bei einem Besuch mit Ehefrau Pirchia 1988 in Bad Laasphe, flüchtete als 14-Jähriger nach Israel und entkam so der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft.
  • Foto: Holger Weber
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Das Gründungsmitglied des heutigen Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat einst die Erinnerungen seiner Kindheit schriftlich festgehalten. Seine Tochter Anette Sailer bewahrt diese Dokumente der Zeitgeschichte und startete unlängst eine beachtliche Initiative. Mitten in Banfe, zwischen der denkmalgeschützten Eiche und der Bushaltestelle neben der Sparkasse, soll demnächst ein Gedenkstein errichtet werden. Er erinnert an die Burgs aus dem Ort, die nachmittags am 27. Juli 1942 genau an jener Stelle mit dem Bus abgeholt werden. Zwei SA-Männer befehlen Benjamin und Berta Burg sowie dem erst 15-jährigen Martin und den Geschwistern Joseph und Berta, mitzukommen. Gerade bereitet die Familie noch das Abendessen zu, da stürmen die Hilfspolizisten das Haus im „Strüthchen“.

Erinnerung an die Familie Burg: Simon entkommt der SA

Rasch packen die Burgs ein paar Sachen zusammen, bevor sie durchs Dorf getrieben werden. Die Nachbarn müssen mit ansehen, wie die Burgs von den SA-Männern mit Fußtritten vor sich hergetrieben werden. Einer fehlt beim Abtransport von Banfe nach Laasphe und weiter nach Dortmund und Zamosc. Es ist der 14-jährige Simon, der den SA-Männern entkommen kann.

Heiratsurkunde: der in Banfe lebende Benjamin Burg und seine Frau Berta – die Eltern von Simon
  • Heiratsurkunde: der in Banfe lebende Benjamin Burg und seine Frau Berta – die Eltern von Simon
  • Foto: Freundeskreis
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Simon schafft es schließlich, dank der Hilfe einiger Laaspher Juden, als Junge über England nach Israel auszuwandern. Über 40 Jahre später, im Jahr 1983, kommt Simon in seine Heimat zurück, 1986 und 1988 sogar weitere Male. 1993 besuchen vier Mitglieder des Freundeskreises den Laaspher Juden Herbert Präger in Israel.

Ich esse heute noch an den Weintrauben. Die waren herrlich.
Rainer Becker
Vorsitzender des Freundeskreises

Als Simon Burg am ersten Tag dort anruft und die Laaspher zu sich einlädt, ist die Freude groß. „Er hat uns mit dem Auto abgeholt. Und ich esse heute noch an den Weintrauben. Die waren herrlich“, erinnert sich Freundeskreis-Vorsitzender Rainer Becker. Übrigens: Der Rat der Stadt Bad Laasphe sprach sich zuletzt einstimmig dafür aus, den Gedenkstein gegenüber der Eiche auf dem städtischen Grundstück zu installieren und zum 80. Jahrestag der Deportation einzuweihen.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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