»Gift gegen die Nazis verbreitet«

Anneliese Knoop-Graf sprach in der Gedenkstunde und beim Schulbesuch über Weiße Rose

awe Bad Laasphe. Von Eigensinn sprach Anneliese Knoop-Graf, vom Eigensinn ihres Bruders Willi Graf, der einer von denjenigen war, die dem Rad in die Speichen fielen. Willi Graf, Jahrgang 1918, gehörte zur Weißen Rose, jenem Kreis Münchener Studenten, die auf ihre Art, eigensinnig, dem Nazi-Regime widerstanden und dafür mit dem Leben bezahlten. Willi Grafs Schwester, drei Jahre jünger als der Bruder, hält mit dem gleichen Eigensinn das Andenken an ihren Bruder wach. Sie berichtete am 9. November, dem Jahrestag der so genannten »Reichskristallnacht« vom Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Im Rathaus in Bad Laasphe sprach sie im Rahmen der Gedenkstunde für die 70 jüdischen Laaspher, die Opfer des Völkermordes wurden. Außerdem unterhielt sie sich gestern mit den Schülern der zehnten Klasse am Gymnasium Schloss Wittgenstein. Eingeladen zu der ersten Veranstaltung, an der auch die Camerate Vocale mitwirkte, hatte der Bad Laaspher Freundeskreis für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gemeinsam mit der Stadt, der zweite Termin fand gemeinsam mit der Schule statt.

Dort nannte Anneliese Knoop-Graf auch eine Zahl für die Eigensinnigen: Im Jahr 1933 war ihr Bruder Willi im gleichen Alter wie heute die Zehntklässler, die ihr gegenüber saßen. Damals verweigerte er sich dem Ansinnen, der Hitlerjugend beizutreten. Das war ein Schritt, der ihm Nachteile einbrachte. Zwölf von 1200 Schülern am Humanistischen Gymnasium in Saarbrücken, das ihr Bruder besuchte, taten es ihm gleich, berichtete Anneliese Knoop-Graf den Schülern. Sie selbst sei eine von denen gewesen, die lieber »keinen Zoff« wollten. Neun Jahre später begann sie, auf Vorschlag ihres Bruder, ihr Studium in München. Da ihr Zimmer in der gemeinsamen Wohnung mit dem Bruder noch nicht bezugsfertig war, kam sie für kurze Zeit bei Hans und Sophie Scholl unter. Hans schilderte sie als einen sehr redegewandten, schlagfertigen Gesprächspartner. Die mit ihr gleichaltrige Sophie sei dagegen ihrem Bruder Willi ähnlich gewesen: verschlossen und in sich gekehrt. An das Wintersemester 1942/43, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder verbrachte, hat sie als eine sehr schöne, geschwisterlich verbrachte Zeit im Gedächtnis. Sie berichtete von ausführlichen Gesprächen mit Willi Graf, die sich oftmals um christliche Glaubensfragen gedreht hätten. Zwar war ihr klar, dass ihr Bruder und seine Freunde die Nazi-Ideologie eigensinnig ablehnten, wie weit dieser Eigensinn aber ging, blieb ihr verborgen. Das änderte sich am 18. Februar 1943. An der Universität hörte sie von der Verhaftung zweier Studenten. Sie habe geahnt, um was es gehe, berichtete sie den Laaspher Schülern. Deshalb vermied sie es erst auch heimzugehen. Spät am Abend empfingen sie dann zwei Gestapo-Männer in der Wohnung, suchten ihren Bruder und verhafteten die beiden Graf-Geschwister ebenso wie zuvor Hans und Sophie Scholl an der Universität. Nach vier Monaten kam Anneliese Knoop-Graf aus der Untersuchungshaft wieder frei. Ihr Bruder wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet.

»Die Angelegenheit wurde ohne Zwischenfall erledigt. Der Hinrichtungsvorgang dauerte eine Minute und elf Sekunden.« So lapidar werde in den Akten der Tod Willi Grafs vermerkt. Vorher habe die Familie einen Brief erhalten, unterschrieben von Adolf Hitler, mit dem ein Gnadengesuch abgelehnt worden sei. Es sei schwer für sie, von diesen bewegenden Dingen zu reden, erklärte Anneliese Knoop-Graf. Aber sowohl im Anschluss an die Gedenkveranstaltung als auch im Gespräch mit den Schülern wich sie keinen Fragen aus. Der Bruder habe ihr aus der Haft einen Brief geschrieben, mit der Bitte sein Andenken weiterzutragen. Einen großen Teil ihres Lebens habe sie damit gefüllt, dieser Bitte nachzukommen, sagte sie den Schülern. Und noch etwas unterstrich sie: Willi Graf war es wichtig gewesen, dass sein Vater ihn richtig verstehen sollte. »Es war kein Dummer-Jungen-Streich,« lautete seine Botschaft an den Vater. »Es« waren die Flugblätter, die von der Weißen Rose verteilt wurden und die Graffiti-Sprüche, die sie nachts an Münchner Mauern malten. »Gift gegen die Nazis«, sagte Anneliese Knoop-Graf. »Es« war die eigensinnige Verweigerung gegenüber den Nationalsozialisten.

»Gab es mehr solcher Widerstandsgruppen?« wollte ein Schüler wissen. »Wisst ihr von anderen Gruppen?« fragte Anneliese Knoop-Graf zurück. Sie sei stolz auf ihren Bruder, von dem sie richtig schöne Briefe aufbewahrt habe, die er ihr schrieb. »Ich habe ihn nicht genug gefragt«, das bedauere sie bis heute. Sie selbst will immer noch ausgefragt werden. Willi Graf sei es um ein Christentum der Tat gegangen, meinte sie. Sie sei auch überzeugt, die Kirche hätte sehr viel mehr tun können gegen die Nazis und damit meine sie auch die Zeit vor 1933.

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