Grenzgang in die Provinz

2009 stand Stephan Thome auf der Liste für den Deutschen Buchpreis, vorgestern stand er in Bad Laasphe – mit seinen Eltern Christel und Helmut Schmidt. Seinen 08/15-Nachnamen ersetzte er für die Literatur durch den Geburtsnamen seiner Mutter. Foto: jg
  • 2009 stand Stephan Thome auf der Liste für den Deutschen Buchpreis, vorgestern stand er in Bad Laasphe – mit seinen Eltern Christel und Helmut Schmidt. Seinen 08/15-Nachnamen ersetzte er für die Literatur durch den Geburtsnamen seiner Mutter. Foto: jg
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jg Bad Laasphe. „Bergenstadt – das ist der Künstlername von Biedenkopf“, so lautete vorgestern Abend einer der ersten Sätze von Stephan Thome im Laaspher Haus des Gastes, als er die Handlung seines gefeierten Roman-Debüts „Grenzgang“ für das 80-köpfige Publikum grob umreißen wollte. Wobei „grob“ das falsche Wort ist, bei dem gebürtigen Biedenkopfer ist nichts grob, alles ist präzise beobachtet, dann wohl überlegt und schließlich fein geschliffen formuliert, so dass es sich so schön anhört, wie das mit dem Künstlernamen. Unendlich viele dieser bemerkenswerten Sätze stehen auch in seinem 450-Seiten-Roman, der im vergangenen Jahr nicht nur den renommierten aspekte-Literaturpreis erhielt, sondern auch noch mit fünf anderen Büchern auf der Finalliste für den Deutschen Buchpreis stand. Und trotz bedeutungsschwerer Sätze bleibt Stephan Thomes Tonfall stets leicht, wird aber nie schwafelnd. Der Ironie des Autors und – um es noch mal zu sagen – seiner genauen Beobachtung sei Dank. Etwa wenn er über einen Bergenstädter Arzt spricht, „mit den autoritätsschwangeren Gesten seines Berufsstandes“. Selten mal verfängt er sich dabei in allzu plumpen Klischees, etwa wenn er über eine unsympathischen Professor spricht, dann muss gesagt werden, dass er natürlich Mercedes fährt.

Die Geschichte spielt im Fußball-WM-Jahr 2006 und dreht sich um einen Mann und eine Frau Mitte, beide Mitvierziger, die in der Tretmühle des Lebens schon für die Stagnation so viel Energie aufbringen müssen, dass ein Vorwärtskommen nicht zu schaffen ist und die gemeinsame Liebe kaum zu erreichen ist. Dabei verweilt die Handlung allerdings nicht im Hier und Jetzt 2006, sondern springt in die Vergangenheit bis 1985 und in die Zukunft bis 2013 – und zwar in Sieben-Jahres-Schritten. Diesen Takt gibt der Grenzgang vor, ein riesiges Volksfest in Bergenstadt und im echten Biedenkopf, also in der direkten Nachbarschaft Bad Laasphes.

Der heute 37-jährige Stephan Thome hat einen Roman für die oftmals entpolitisierte Generation geschrieben, die in den Jahren des Bundeskanzlers Kohl groß wurde und sich heute ihrer Lebensmitten-Krise hingibt. In Verbindung mit der Tatsache, dass der gebürtige Hinterländer seinen Roman auf dem seit Jahrzehnten literarisch vernachlässigten Gebiet der Provinz spielen lässt, stieß das Buch in eine Marktlücke. Und wenn man einen literarischen Erfolg vielleicht nicht planen kann, so kann man ihn doch sehr gut vorbereiten, genau wie Stephan Thome.

Nachdem der gelernte Sinologe 2005 in Deutschland keinen passenden Job fand, ging er als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft ans Institut für Chinesische Literatur und Philosophie an der Akademie der Wissenschaften in Taipeh und damit in Taiwan. Hier schrieb er den Grenzgangs-Roman, dessen Manuskript im Frühjahr 2008 fertig war und dann von vielen Verlagen abgelehnt wurde, bevor Stephan Thomes Agent den Coup schlechthin landete – und den Roman beim Suhrkamp-Verlag platzierte. Mit einer gesunden, ironischen und deshalb unterhaltsamen Distanz stand der Literat im Anschluss an seine 50-minütige Lesung den zahlreichen Zuhörern noch Rede und Antwort. Angesprochen auf sein Frauenversteher-Image aufgrund seiner Schilderungen der weiblichen Figuren gab er zunächst seine ursprüngliche Antwort: Er finde, dass die Gefühlswelten von Männern und Frauen so ähnlich seien, dass man Frauen auch als Mann beschreiben könne. Nachdem er gemerkt habe, dass die Antwort nicht gut angekommen sei, habe er mal erzählt, dass er ja mit zwei Schwestern groß geworden sei. Diese Aussage werde stets begeistert aufgenommen, deshalb gebe er jetzt immer diese Antwort. Aus diesem Grund sage er jetzt auch immer, dass es wichtig gewesen sei, dass er den Heimatroman in Taipeh geschrieben habe. Obwohl er den wahrscheinlich auch in Berlin nicht anders geschrieben hätte.

Die Frage, was die echten Bergenstädter in Biedenkopf über den Roman gedacht hätten, beantwortete Stephan Thome mit einer Anekdote. Ende des Monats komme sein Roman als Hörbuch, dafür habe man den echten Grenzgangs-Walzer haben wollen. Die Genehmigung hätten die Biedenkopfer leider nicht gegeben....

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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