Mit fünf DM los, mit fünf E zurück

Die Tischlerin Bianka Wunderlich kehrte nach fünf Jahren wieder nach Bad Laasphe zurück

JG Bad Laasphe. »Wenn die Hunde im Dorf nicht mehr bellen und wenn du beginnst, dich für den Klatsch im Dorf zu interessieren, dann ist es Zeit, weiterzuziehen« – so umriss jetzt die Laaspherin Bianka Wunderlich einen der Grundsätze für Handwerker auf der Wanderschaft. Die 33-jährige Tischlerin ist gerade in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, die sie vor etwas über fünf Jahren verlassen hatte. Wie beim Abschied im Oktober 2001 musste sie auch diesmal wieder übers Laaspher Ortsschild am Ortsausgang in Richtung Niederlaasphe klettern, damit sich der Kreis ihrer über Europa hinausreichenden langen Wanderschaft schloss.

Mit fünf DM war Bianka Wunderlich losgezogen, mit fünf e in der Tasche kehrte sie jetzt zurück. Auch das eine der wichtigen Wanderschafts-Maximen: Man soll nicht mit viel Geld losziehen, um sich sozusagen eine Luxus-Wanderschaft zu finanzieren, auch soll man die Wanderschaft nicht dazu nutzen, um Reichtümer anzuhäufen. Und wenn man schon mal bei Finanz-Grundsätzen ist: Geld für den Transport auszugeben, ist verpönt. Heute bedeutet das Trampen: »Unterwegs per Daumen im Wind«, wie es die Laaspherin nennt. Auch für die Unterkunft sollte nicht allzuviel vom Lohn draufgehen. Wobei es Bianka Wunderlich wichtig war, mit einem Klischee aufzuräumen: Wanderschafts-Handwerker knechteten nicht für Kost und Logis. Sie habe stets für die ortsüblichen Tarife gearbeitet: »Wir machen doch keine Dumpingpreise.« Manchmal habe es ein Zimmer in der Werkstatt oder im Haus des Meisters gegeben, aber gerade im Sommer habe sie auch oft im Schlafsack draußen geschlafen. Nicht nur, um Geld zu sparen, diese Freiheit sei einfach wunderschön gewesen.

Und um Freiheit geht es auch auf Wanderschaft, deshalb soll der Geselle auf Tour familiär ungebunden und schuldenfrei sein. Wobei hinter »der Geselle« heutzutage natürlich auch eine Frau stecken kann. Über den Daumen sind zehn Prozent der aus dem deutschsprachigen Raum stammenden 800 Gesellen auf Wanderschaft Frauen, wobei die reisenden Gesellen-Vereinigungen keine Frauen aufnehmen, so dass diese stets völlig frei auf Tour sind. Und unterwegs habe sie es auch genossen, zu arbeiten wann und wo sie wolle. Begrenzt wurde die Freiheit allein durchs liebe Geld, das für Bianka Wunderlich jedoch eine ganz neue Relativität gewann: »Mit fünf e komm' ich zwei Wochen lang aus.«

Heutzutage sind Wanderschaften vor allem noch in den deutschsprachigen Ländern und in Frankreich verbreitet, Bianka Wunderlichs Wege führten jedoch viel weiter. Direkt das erste Wochenende habe sie in Paris verbracht: Etienne, der Schweizer Geselle, der sie in Laasphe abholte, sei dorthin zu einem Treffen unterwegs gewesen. Und gerade am Anfang sei es wichtig gewesen, jemanden zu haben, der schon länger auf Tour sei. Ihre erste richtige Arbeitsstelle sei bei Heidelberg gewesen, von Rügen bis ins Allgäu habe sie auch danach viel in Deutschland gearbeitet. Ihre Auslands-Einsätze reichten dann vom spanischen Galizien im Westen bis nach Trondheim im Norden und die türkische Hauptstadt Ankara im Osten, wo sie eine Tante besuchte.

Denn natürlich habe sie Kontakte zu Freunden und Verwandten haben dürfen, sie habe nur um Wittgenstein einen großen Bogen machen müssen: 50 Kilometer breit ist die Bannmeile rund um die Heimat für Handwerker auf Wanderschaft. Wobei es schon schwierig gewesen sei, Treffen zu vereinbaren. Sie habe in den meisten Fällen nicht gewusst, wie lange sie an einem Ort bleibe. Allein die Höchstgrenze eines Aufenthalts sei festgeschrieben: Spätestens nach drei Monaten habe sie weiterziehen müssen, manchmal sei sie jedoch nur einen Tag in einem Ort geblieben. Doch viele Freunde und viele Verwandte hätten sie zum Beispiel in Fulda besucht. Hier habe sie eine genau organisierte Fortbildung zum Tischler für Restaurierungsarbeiten in der Propstei Johannesberg absolviert.

Nach dem Abitur hatte Bianka Wunderlich eine Tischlerlehre in der Hilchenbacher Schreinerei Müller gemacht, danach war sie übernommen worden und hatte viereinhalb Jahre dort gearbeitet. Die Idee zur Wanderschaft – die es außer bei den Tischlern und Zimmerleuten bei bestimmt 30 oder 35 anderen Gewerken vom Steinmetz über den Töpferer und den Schneider bis zum Goldschmied gebe – habe sie schon früh gehabt. Eine gute Entscheidungshilfe sei ein dreimonatiges Auslandspraktikum im lettischen Riga gewesen, bei dem sie es genossen habe, die Tischler-Techniken eines anderes Landes kennenzulernen. Danach habe sie sich gesagt: »Das hast du doch immer gewollt, du willst dir doch später nicht sagen, du hast es nicht einmal probiert.«

Am Ende hat Bianka es nicht nur probiert, sondern verflixt lange ausgehalten: Normalerweise dauert die Wanderschaft nämlich nur drei Jahre und einen Tag. In den fünf Jahren hat sie oft als Tischlerin gearbeitet, aber auch viel anderes gesehen: Beim ersten Auftrag ging es um die Verschalung eines Niedrig-Energiehauses, beim letzten packte sie bei einem Ofenbauer mit an. Dazwischen hat sie auch mal Freunden bei der Hopfenernte geholfen, nach dem Tankerunglück der »Prestige« Öl vom galizischen Strand geschaufelt, bei einer Solidaritäts-Baustelle Jugendlichen den Wert von Arbeit gezeigt und mit einem Dutzend anderer tippelnder Handwerksgesellen für eine Kollegin aus selbst gefällten und geschälten Weiden und 500 Kilogramm Rohwolle eine kirgisische Jurte gebaut: Hier war es dann oftmals ehrenamtliche Arbeit oder doch für Kost und Logis. So habe man der Gesellschaft zurückgeben wollen, was sie einem auf der Wanderschaft geschenkt habe.

Festgehalten sind all diese Dinge mit anschaulichen Fotos im »Wanderbuch der fremden Tischlerin Bianka Wunderlich«, das auf seinen zahllosen Seiten offizielle Stempel von Städten, aber auch Arbeitszeugnisse versammelt. Sie hat ihre Wanderschaft allerdings nicht beendet, weil das Buch fast voll war, sondern nach fünf Jahren war sie es einfach leid, nie eine Privatsphäre zu haben. Auch wenn viele, viele Gastgeber sehr freundlich gewesen seien, sei man doch stets nur zu Gast gewesen. Und auch das gemeinsame Wandern mit einem anderen Gesellen sei anstregender als jede Ehe, weil man immer und alles gemeinsam machen müsse. Am Ende sei sie oft allein gelaufen.

Und nun hat sich Bianka einen Bauwagen gekauft, der nach seiner Renovierung ihr Laaspher Heim sein wird. Sie wolle zwar noch nicht hundertprozentig sesshaft werden, aber doch wenigstens eine Basis, ein Zuhause haben. Unterwegs habe sie sich manchmal gefragt: »Ist da überhaupt noch jemand, der sich freut, wenn du wiederkommst?« Doch der Empfang durch viele Verwandte und frühere Karate-Kollegen aus dem Turnverein am Laaspher Ortsschild war eine willkommene Beruhigung. Ohne Bedenken konnten die übrigen Wanderschafts-Gesellen sie in Laasphe lassen, bevor sie mit »Fixe Tippeleie« wieder auf die Piste geschickt wurden. Bianka muss übrigens auch schon bald wieder los: Im November wird sie drei Wochen in der Schweiz arbeiten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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