Mehr helfende Hände benötigt
Vier Frauen aus der Region packen im Ahrtal mit an

Christa Schmeltzer (Feudingen), Sabine Milbrath (Mudersbach), Regine Gräb (Neunkirchen) und Birgit Becker aus Feudingen haben sich im Ahrtal kennengelernt. Sie packen gemeinsam vor Ort an und bitten um Nachahmer.
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  • Christa Schmeltzer (Feudingen), Sabine Milbrath (Mudersbach), Regine Gräb (Neunkirchen) und Birgit Becker aus Feudingen haben sich im Ahrtal kennengelernt. Sie packen gemeinsam vor Ort an und bitten um Nachahmer.
  • Foto: Holger Weber
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howe Feudingen. „Ich brauche noch sechs Leute, die ein Haus reinigen.“ – „Zehn Mann fehlen. Am besten mit Presslufthammer.“ – „Eine Kolonne wäre nicht schlecht, um Treppenflure zu putzen.“ Wie auch immer die Anweisungen vor Ort in den von der Flutkatastrophe betroffenen Ortschaften im Ahrtal lauten: Die Helfer führen die Aufträge aus, wie sie angewiesen werden. Vier Frauen aus Siegen-Wittgenstein sind mittendrin. Christa Schmeltzer und Birgit Becker aus Feudingen sowie Regine Gräb aus Neunkirchen und die Mudersbacherin Sabine Milbrath stecken von oben bis unten voll im Schlamm. Mit Eimern und Schaufeln ausgerüstet machen sie sich auf den Weg, schippen schmierigen Dreck aus den Häusern, kehren Garagen und kommen mit den Leuten ins Gespräch, die in wenigen Augenblicken der Naturkatastrophe ihr ganzes Hab und Gut verloren haben.

Maschinen können nicht alles aufräumen

„Geld ist ganz wichtig für die Menschen“, beginnt Christa Schmeltzer noch unter dem Eindruck der Hilfen vor Ort, „aber man braucht Hände. Maschinen können nicht alles aufräumen“, sagt sie. „Firmen putzen nicht, schaufeln nicht, waschen und sortieren nicht.“ Das machen die Hände. „Es müssen noch viel mehr Hände dort hin“, fordert Birgit Becker und formuliert sogleich die Kernbotschaft der vier Frauen. Die trafen sich vor einigen Wochen eher zufällig – über einen Mail-Aufruf. Birgit Becker und Christa Schmeltzer haben enge Verbindungen ins Ahrtal, fahren seit über 30 Jahren dorthin. Sie kennen Freunde vor Ort, pflegen zahlreiche Kontakte. „Als wir von der Flutkatastrophe erfuhren, waren wir geschockt“, berichtet Birgit Becker. Nahezu zeitgleich animierte eine Arbeitskollegin, die Neunkirchenerin Regine Gräb. „Lass uns da hinfahren“, hieß es.

Jede Hilfe wird gebraucht

Regine Gräb packte ein paar Sachen ein und fuhr los. Inzwischen hilft sie gemeinsam mit Sabine Milbrath im Ahrtal. „Da kommt jeder hin mit dem Auto. Man muss keine Angst haben. Die haben alles da, Eimer, Schaufel, Besen“, weiß Sabine Milbrath. Von der Autobahnausfahrt Grafschaft-Ringen auf der A 61 wird man als Helfer regelrecht weitergeleitet. „Wenn Helfen so einfach gemacht wird, gibt es keine Ausreden“, sagt Sabine Milbrath. Für sie stellte sich die Frage gar nicht. Spontan entschied sie, den Betroffenen zur Hand zu gehen. Und wenn viele Menschen vor den TV-Bildschirmen glauben würden, ihre Hilfe werde nicht benötigt oder man stehe nur im Weg, so sei das falsch.

Mit Bussen in die betroffenen Dörfer

„Die Organisation ist klasse. Direkt im Industriegebiet werden über 3000 Parkplätze zur Verfügung gestellt. Jeder Pkw wird eingewiesen.“ Und dann führen Busse mit den Helfern direkt in die Dörfer. „Das funktioniert in einer Disziplin, das ist enorm“, erzählt Regine Gräb. In den Medien sei die Zerstörung zu sehen. „Aber die Dinge, die man vor Ort sieht, sind noch schlimmer.“ Regine Gräb hat dabei nicht nur Dreck und Gestank im Sinn. Vielmehr sind es die Sachen der Leute. „Wenn ein Besteckteil auftaucht, eine kaputte Spardose, dann sind das Zeugnisse der Menschen. Wenn man diese Details sieht, beschleicht einen ein erschreckendes Gefühl.“ Die vier Frauen haben eine Menge erlebt. Mehrfach sind sie ins Ahrtal gefahren, nach Altenburg, Ahrweiler oder Heimersheim. Dort schnappten sie sich Eimer und Schaufel, schippten knietief im Morast stehend den braunen Brei aus den Häusern. Christa Schmeltzer putzte sieben Stunden lang mit Stirnlampe auf dem Kopf ein Treppenhaus. Regine Gräb erinnert sich an die toten Katzen und Nagetiere, die sie beim Schlamm-Schaufeln in einer Garage entdeckte.

Menschen im Ahrtal sind dankbar

„Mal selber was tun können, das ist die Motivation“, betont Sabine Milbrath. Bei den Bränden in Griechenland oder in der Türkei sei man machtlos. Aber das hier ist vor der Haustür passiert. Da gibt es keine Frage für mich. Mir war klar, ich muss da helfen.“ Regine Gräb gewinnt dem Ganzen Positives ab. Einerseits sei da das unfassbare Schicksal der Menschen, die alles verloren hätten. „Andererseits ist Helfen eine Ehre und hinterlässt ein gutes Gefühl.“ Die Leute im Ahrtal seien unendlich dankbar für die Hilfe. „Der Wohlstand schweißt uns nicht zusammen“, stellt Regine Gräb fest. „Aber die Krise.“ Das sei menschlich eine Ausnahmesituation, aber auch eine Ausnahmeerfahrung.
„Jetzt ist die Katastrophe vier Wochen her, jeden Tag zählt man Tausende von Helfern. Aber es dauert noch Monate, vielleicht sogar Jahre, bis alles wieder wird“, weiß Sabine Milbrath. Insofern möchten die Frauen jeden ermuntern, hinzufahren ins Ahrtal, das Auto zu parken, mit dem Shuttle-Service abgeholt zu werden und für diesen Tag Hilfe anzubieten. Infos gibt es auf www.helfer-shuttle.de.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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