„Warum lassen wir uns den Sonntag zerstören?“

jg Bad Laasphe. An vier Sonntagen im Jahr dürfen überall in Deutschland Geschäfte geöffnet werden, Grundlage ist dann ein Ratsbeschluss. Das ist auch in Bad Laaspeh so. Doch hier dürfen zusätzlich noch an 36 weiteren Sonntagen im Jahr die Geschäfte verkaufen. Eine Verordnung der Bezirkregierung räumt Bad Laasphe als Kurort eben diese Möglichkeit ein. Gleiches gilt für Wallfahrts- und ausgesuchte Erholungsorte. Die Regelung gibt es schon lange, aber zum Tragen kommt sie in Bad Laasphe erst seit knapp drei Jahren - auf Initiative von Carsten Guth, dem Inhaber des Laaspher Rewe-Marktes.

Er habe bei der Stadt angefragt, wie das mit den Öffnungszeiten am Wochenende aussehe. Tankstellen hätten diese Möglichkeit ja nun einmal auch - und die entwickelten sich Schritt für Schritt zu kleinen Supermärkten. Seine inzwischen mehrjährige Erfahrung mit dem offenen Sonntag sei, dass die Mitarbeiter dann sehr gern arbeiten würden, für diese gebe es viele Beweggründe, sonntags zu arbeiten. So wüssten Mitarbeiterinnen zum Beispiel zuverlässig, dass der Vater bei den Kindern sei. Auch Dennis Kilian, der im Oktober einen Edeka-Markt in Bad Laasphe neu eröffnete hat, erwartet seit Anfang an sonntags Kundschaft. Er könne dem direkten Mitbewerber schlicht und ergreifend nicht solch einen Vorsprung gewähren. Auch Dennis Kilian findet spielend Personal, denn er bezahle den Leuten sonntags auch etwas mehr. Entscheidend sei für ihn, dass das Ganze angenommen werde. Und wenn er sehe, wie viele Autos mit MR oder LDK am Nummernschild auf seinem Parkplatz ständen, dann sei ja ganz klar, dass man so auch Kaufkraft von außerhalb nach Basd Laasphe ziehe.

Ein schöner Nebeneffekt für die Stadt Bad Laasphe, wo man im Rathaus die Sache erstens gelassen und zweitens ratlos sieht. Der Gesetzgeber habe nun mal diese Möglichkeit geschaffen, was solle man da tun. Wobei das nicht ganz genau stimmt, denn genehmigt ist zwar laut Gesetzestext zweifelsohne der Verkauf von frischen Früchten, allerdings dürfen etwa Konservendosen, in den sich das gleiche Obst befindet, nicht verkauft werden, auch wenn sie genau wie an den übrigen sechs Wochentagen im Regal stehen. Doch hier sieht Matthias Schmidt vom Laaspher Ordnungsamt dieses in einem Dilemma: „Wie wollen wir das kontrollieren?“

Deutliche Worte findet dazu der Wittgensteiner Superintendent Stefan Berk, so lange die Aufsichtsbehörden da nicht genauer hinschauten, ständen die Gegner des ständighen Sonntags-Einkaufs auf verlorenem Posten. ohnehin habe er weder bei der Stadt noch bei der Bezirksregierung in Arnsberg den Eindruck, dass man dort wirklich an dem Problem interessiert sei. Etwas kämpferischer ist die evangelischen Kirchengemeinde Bad Laasphes. Das Presbyterium hat sich mit dem Thema beschäftigt, hier hat man den Eindruck, dass die Kurorte-Sonderregelung bewusst missverstanden und für etwas ganz Anderes ausgenutzt wird. Und deshalb will man auch aktiv werden. Pfarrer Steffen Post sagte, im Presbyterium werde derzeit ein Schreiben an den Petitionsausschuss des Landtags in Düsseldorf vorbereitet.

Auch Helmut Wickel sieht als Laaspher Bürger die Sache mit deutlich gemischten Gefühlen und formuliert das klar: „Warum lassen wir uns von den angeblich wohlmeinenden Diktaturen einiger großer Handelsketten und ihrer Profiteure den Sonntag zerstören?“ Dass es um den Verkauf von kurort-spezifischen Artikeln geht, glaubt Helmut Wickel nichtl. „Warum wehren sich bisher die kleinen und familien-geführten Unternehmen in unserer Stadt und im dörflichen Umland nicht gegen diesen unlauteren Wettbewerb? Denn verkauft wird letztendlich alles, was in den Regalen liegt.“ Der Laaspher hat seine Konsequenzen gezogen. Er kaufe zwar noch bei Rewe und Edeka, aber nur noch in den kleinen Geschäften rund um Laasphe herum. In der Lahnstadt selbst nicht mehr, weder werktags, und schon gar nicht sonntags. Unterstützung findet der kritische Kunde beim Einzelhändler-Verein „Pro Bad Laasphe“. Dessen Vorsitzender Timm Groß sagt zum Thema „36 offene Sonntage im Jahr“ : „Wir machen dieses Wettrüsten nicht mit.“ Im Namen der zumeist inhaber-geführten Laaspher Geschäfte unterstreicht er: „Das können wir nicht - und das wollen wir nicht.“ Und als zweifachem Familienvater fällt ihm auch sofort eine bessere Alternative ein: “Irgendwann will ich mal meine Kinder sehen.“

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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