Auswanderer hatte schweren Unfall
Wenn jeder kleine Schritt ein großer Triumph ist

Der Muskelaufbau war für Marcel Kringe, der vor sieben Jahren nach Kanada ausgewandert ist, ein Teil der Reha nach seinem schweren Verkehrsunfall mitten in Australien.
4Bilder
  • Der Muskelaufbau war für Marcel Kringe, der vor sieben Jahren nach Kanada ausgewandert ist, ein Teil der Reha nach seinem schweren Verkehrsunfall mitten in Australien.
  • hochgeladen von Björn Weyand (Redakteur)

bw Perth/Feudingen. Marcel Kringe ist ein echter Globetrotter. Nach der Ausbildung auf einem Bauernhof im Münsterland zog es den gebürtigen Feudinger nach Kanada, auch in Russland sammelte er Erfahrungen in der Landwirtschaft, bevor er nach seinem Studium nach Kanada auswanderte. Für immer verändern sollte sich sein Leben allerdings in Australien. Es war der 18. November 2018, als Marcel Kringe nahe Perth (in Australien hat der Begriff „nahe“ eine ganz andere Bedeutung als hierzulande) mit einem Auto auf einer Landstraße unterwegs war und es zu einem schweren Unfall kam. Sein Pkw kollidierte bei Tempo 110 mit einem anderen Auto. Beide Fahrer überlebten wie durch ein Wunder, trugen jedoch schwerste Verletzungen davon. Die „Flying Doctors“ brachten den Wittgensteiner in ein Krankenhaus nach Perth.

Marcel Kringe erlitt zwölf Brüche an der Wirbelsäule, Brüche an Ober- und Unterarm, eine gesplitterte Hüfte, dazu gebrochene Rippen und Blutungen an den Nieren. Nicht nur ist es ein Wunder, dass der Wittgensteiner diesen Unfall überlebte, er hat mittlerweile wieder gelernt zu laufen. Aber es war bis dahin ein weiter, schmerzhafter Weg – Schritt für Schritt zurück ins Leben. Eine aufwendige Operation stand ganz am Anfang, danach begannen Therapien. „Ich habe damit angefangen, nur die Zehen zu bewegen“, erinnert sich Marcel Kringe, „später dann den Fuß im Bett zwei Zentimeter hoch zu heben.“ Er ist dankbar für die hervorragende Behandlung durch die Ärzte, die Krankenschwestern, die Sanitäter, die Physiotherapeuten und das übrige Personal. Nach und nach hat er seine Beweglichkeit gesteigert, das Treppensteigen war eine große Herausforderung. Mit einer Stufe startete die Therapie, langsam steigerte sich das Pensum auf zwei und bis zu elf Stufen. Inzwischen ist Marcel Kringe so weit, dass er bei einem Ausflug 250 Stufen in eine Höhle überwinden konnte. Danach sei er aber auch fertig gewesen. Und doch ist es ein Triumph, denn vor wenigen Monaten hat der 31-Jährige noch im Rollstuhl gesessen und ans Laufen war überhaupt noch nicht zu denken.

Was nicht in Worte zu fassen sei, ist die erlebte Hilfsbereitschaft, sogar von eigentlich fremden Menschen. Bestes Beispiel ist die Familie, die ihn inzwischen aufgenommen hat. „Dabei kannten sie mich vorher nicht mal. Ich hatte nur mit der Frau telefoniert und ihr gesagt, dass ich mal auf der Durchfahrt für eine Besichtigung auf ihrer Farm anhalten würde. Als sie aber nie wieder etwas von mir gehört und mitbekommen hatte, dass es einen schweren Autounfall mit einem Ausländer gegeben hatte, hat sie dann angefangen, sämtliche Krankenhäuser abzutelefonieren“, erzählt Marcel Kringe. Schließlich sei sie ins Krankenhaus gekommen, stand plötzlich mit einer Freundin in seinem Zimmer und habe gefragt, wie sie ihm helfen könne. Sie hatten eine Tasche mit Sachen dabei, die er vielleicht hätte benötigen können. „Dann sind sie jeden Tag ins Krankenhaus gekommen und als ich länger bleiben musste, haben sie mich einfach zu ihnen eingeladen und sich um mich gekümmert. Wie vom Himmel geschickt.“

Es sind solche Erlebnisse, die dem Horror letztlich noch eine positive Seite verliehen haben. Auch für Marcel Kringes Familie hat dieser Horror am 18. November begonnen. Gefühle wie Hilflosigkeit und Ungewissheit, Verzweiflung und Sorge prägten die erste Zeit nach dieser schlimmen Nachricht aus „Down Under“. Schon vier Tage nach dem Unfall war Marcel Kringes Schwester Leona bei ihm, allerdings hatte sie selbst zu allem Überfluss auf dem weiten Weg einen Unfall und brach sich dabei auch einen Arm. Trotzdem stand sie ihrem Bruder in diesen Tagen zur Seite und auch sie erlebte diese schier unglaubliche Hilfsbereitschaft: „Wir werden niemals in der Lage sein, allen Menschen angemessen zu danken, die durch diesen schwierigen Prozess aus der ganzen Welt Kontakt aufgenommen haben. Wir wurden von Fremden unterstützt, die uns wie eine Familie behandelten.“ Noch ein Beispiel: Direkt nach dem Unfall organisierten mehrere Händler und Kunden, dass vom ersten Tag an jemand bei ihm im Krankenhaus war. Auch das war ein Beweis für die starke Solidarität in der Landwirtschaft.

Und auch darüber hinaus: Mittlerweile haben kanadische Freunde des gebürtigen Feudingers einen Spendenaufruf im Internet gestartet. Ziel ist es, die bisher bereits entstanden Kosten in Höhe von mehreren zehntausend Dollar für Krankenhaus und Therapie zu decken und Marcel Kringe so zu entlasten, dass er sich einerseits auf die Genesung konzentrieren und andererseits um den Erhalt seines erst vor kurzer Zeit in Kanada gegründeten Unternehmens zu kümmern. „Die Firma am Laufen zu halten, ist manchmal härter, als wieder laufen zu lernen“, meint Marcel Kringe. „In diese Firma habe ich jeden Cent gesteckt, den ich je verdient habe über die Jahre und als ich dann komplett selbstständig bin, passiert so etwas.“

Über Bushel Plus vertreibt der Wittgensteiner mit seinen fünf Angestellten Kalibrierwerkzeug für Mähdrescher, um Verluste bei der Ernte zu senken. „Damit kann der Kunde die Maschine besser einstellen und viel Geld sparen. Einige unser Kunden haben locker 50.000 bis 70.000 Dollar in den ersten paar Tagen gespart mit dem System“, erklärt Marcel Kringe. Zunächst baute er sein kleines Unternehmen neben seinem Hauptberuf auf, seit Frühsommer 2018 konzentriert er sich nun komplett auf Bushel Plus. „Es ist eine ziemliche Mammutaufgabe, das von hier unten zu organisieren.“ Und das alles neben dem ohnehin kräftezehrenden Heilungsprozess.

Nicht nur seiner Firma wegen müsste Marcel Kringe nun unbedingt zurück nach Kanada, sondern auch im Hinblick auf die Krankenversicherung, die ihm jetzt schon gekündigt worden war, weil er zu lange aus dem Land war. „Aber Gott sei Dank habe ich vom Gesundheitsministerium jetzt eine Ausnahmeverlängerung bekommen.“ Sein Gesundheitszustand ist nur das eine Hindernis, das andere ist die Bürokratie: Erst muss offiziell ein Schlussstrich unter den Unfall gezogen werden, dann dürfte Marcel Kringe das Land verlassen.

Es kommen also viele belastende Dinge zusammen. Trotzdem sieht Marcel Kringe immer noch das Positive: „Wenn meine Geschichte nur einer Person helfen kann, durch harte Zeiten zu gehen oder motiviert durchzuhalten und weiter zu kämpfen, ist das schon ein Gewinn.“

• „Wenn du Marcel kennst, dann weißt du, dass er seine Freunde und Familie nicht um Hilfe bitten würde, also werden wir es für ihn tun.“ Mit diesen Wort leitet der Spendenaufruf ein, den Marcel Kringes Freunde und seine Schwester Leona gestartet haben und der innerhalb weniger Tage bereits knapp 25.000 Dollar eingebracht hat. Zu finden ist das Ganze jetzt unter www.gofundme.com/building-bridge-of-hope-for-marcel-kringe. Ziel ist, den gebürtigen Feudinger aus weiter Ferne bei seinem Genesungsprozess zu unterstützen. So heißt es: „Wer Marcel kennt, der weiß, dass er nicht gern nach Hilfe fragt – aber immer bereit ist, anderen zur Seite zu stehen.“ Freunde wollen ihm nun zur Seite stehen, um die infolge des Unfalls trotz der guten Versicherung entstandenen Kosten für Anwalt, neue Visaanträge, Versicherungsverlängerungen, Reha- und Physiotherapie, Medikamente sowie die laufenden Kosten in Kanada aufzubringen und abzudecken.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen