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Archivfund belegt Ersterwähnung
Wie die Kartoffel nach Wittgenstein kam

Der Laaspherhütter Gartenbauer Erich Bald, hier freilich vor der Corona-Zeit, baut unzählige alte Kartoffelsorten an, die er zuweilen auf dem Wochenmarkt vorstellt.
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  • Der Laaspherhütter Gartenbauer Erich Bald, hier freilich vor der Corona-Zeit, baut unzählige alte Kartoffelsorten an, die er zuweilen auf dem Wochenmarkt vorstellt.
  • Foto: Holger Weber (Archiv)
  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

howe Laaspherhütte. Dass Erich Bald die Fläche seines Kartoffelackers auf einen knappen Morgen beziffert, spricht ja schon für Geschichtsbewusstsein. Denn der Morgen ist ein altes deutsches Flächenmaß, das heutzutage längst von der Angabe in Quadratmetern – für die hiesige Region rund 2500 Quadratmeter – abgelöst wurde. „Vielleicht sind es so etwa 18 bis 19 Ar“, ergänzt der Laaspherhütter. Summa summarum wären das rund 1800 Quadratmeter, also der besagte „knappe Morgen“. Die Kartoffel ist für den leidenschaftlichen Gartenbauer mehr als nur Nahrungsmittel, sie ist altes Kulturgut. „Für uns ist sie nicht vom Mittagstisch wegzudenken“, sagt er. „Ein Essen ohne regelmäßig Kartoffeln kann ich mir nicht vorstellen.

howe Laaspherhütte. Dass Erich Bald die Fläche seines Kartoffelackers auf einen knappen Morgen beziffert, spricht ja schon für Geschichtsbewusstsein. Denn der Morgen ist ein altes deutsches Flächenmaß, das heutzutage längst von der Angabe in Quadratmetern – für die hiesige Region rund 2500 Quadratmeter – abgelöst wurde. „Vielleicht sind es so etwa 18 bis 19 Ar“, ergänzt der Laaspherhütter. Summa summarum wären das rund 1800 Quadratmeter, also der besagte „knappe Morgen“. Die Kartoffel ist für den leidenschaftlichen Gartenbauer mehr als nur Nahrungsmittel, sie ist altes Kulturgut. „Für uns ist sie nicht vom Mittagstisch wegzudenken“, sagt er. „Ein Essen ohne regelmäßig Kartoffeln kann ich mir nicht vorstellen.“ Schließlich sei die Kartoffel für die Ernährung von ihren Bestandteilen her „sinnvoller als andere Lebensmittel.“Die Siegener Zeitung begibt sich an dieser Stelle einmal auf Spurensuche und geht der Frage auf den Grund, wie die Kartoffel überhaupt nach Wittgenstein gekommen ist.

Brief aus dem Frühjahr 1730

Dazu lohnt ein Blick in das Archiv der Laaspher Rentkammer auf Schloss Wittgenstein, in die Akte G 84. Darin enthalten ist ein Gesuch des Laaspher Schutzjuden Joseph Stieglitz, der sich im Februar 1730 an den Grafen wendet. Joseph Stieglitz bittet den Landesherrn, er möge doch Stieglitz‘ Küchenschreiber Stirn ermahnen und auffordern, dem Juden unbedingt eine Restforderung von 21 Reichstalern und 25 Albus zu zahlen. Er, so Joseph Stieglitz in dem Schreiben, stecke in finanziellen Schwierigkeiten und habe große Not. Stieglitz schreibt: „Ich armer Jud, der ich nicht auf solche Art vor einen Kreuzer in dieser Stadt und Landen mehr Credit habe, mit meinem Weib und armen kleinen Kindern, welche ohne dem bereits, wenn dieselbe nicht mit aufgesottenen Kartoffeln diesen Winter über erhalten hätte, wegen Brotmangels gestorben wären,…“ Dieser Brief aus dem Frühjahr 1730 sei die „früheste mir bis jetzt begegnete Erwähnung von Kartoffeln in Wittgenstein“, stellt der bekannte Autor und Heimatforscher Wilhelm Hartnack in einem Artikel aus den frühen 1930er-Jahren fest. Allerdings müsse die Kartoffel schon früher die Region erreicht haben. Ehe sie Allgemeinnahrung war und die armen Leute ernährte, wurde sie auf den Höfen der feinen Leute als delikate Errungenschaft gefeiert. Wilhelm Hartnack geht davon aus, dass zwischen Einführung und Massenanbau sicher 20 Jahre liegen, sodass die Kartoffel in Wittgenstein spätestens im Jahre 1709 eingeführt worden ist.

Kartoffelfelder jenseits der Fasanerie

Mit dem Gesuch des Laaspher Schutzjuden hat Wilhelm Hartnack das „Geburtsjahr“ der Kartoffel in Wittgenstein 25 Jahre vordatieren können. Bislang galten zwei Archivfunde als die ältesten Belege für die Ersterwähnung der Kartoffel in Wittgenstein. Ein Schriftstück vom November 1755 verrät, dass sich der Fasanenmeister Wentzel die benötigten „Cartoffeln“ auf den Feldern jenseits der Fasanerie – heute als griechisches Restaurant genutzt – selbst ziehen könne. Ein Jahr später werden die auf dem Vorwerk Wittgenstein gepachteten Äcker des Johannes Vetter aus Saßmannshausen in einer Renteirechnung von 1756 als „Kartoffel-Felder“ bezeichnet. Zurück in die Neuzeit und zu Erich Bald: Der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Bad Laasphe beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der Kartoffel. „Sie war immer Volksnahrungsmittel, verlor aber durch andere Produkte an Bedeutung.“ Heute sei sie wieder stärker gefragt, besonders bei jüngeren Leuten. Erich Bald hat herausgefunden, dass die Kartoffel in Europa anfangs verpönt ist. Die Schotten lehnen sie ab, weil die Knolle auf keiner Seite der Bibel auftaucht. Erst nach 1537 wird sie regelmäßig in Spanien, Portugal und Irland angebaut. Ein erster Nachweis in hiesigen Gefilden kann um 1637 in Pilgrimsreuth (Franken) gefunden werden. Als Züchter alter Kartoffelsorten kennt sich Erich Bald natürlich mit der tollen Knolle bestens aus.

Mehr und mehr Sorten kommen hinzu

„Um 1930 fand man noch vereinzelt im Raum Feudingen die ‚König von Preußen‘. 1928 wurde die Sorte ‚Ackersegen‘ in Umlauf gebracht, 1930 die Sorten ‚Reichskanzler‘ und ‚Hindenburg‘. 1936 entstand die Sorte ‚Sieglinde‘“, berichtet Erich Bald. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe es „Erdgold“ und „Feuergold“ im Wittgensteiner Kartoffelanbau gegeben. Die Hauptsorte sei aber „Ackersegen“ gewesen. Vereinzelt kenne man auch die Sorte „Blaue Odenwälder“, die noch um 1965 bei einer Familie im Banfetal im Anbau gewesen sei. „1958 kam die Sorte ‚Condea‘, sie reifte jedoch sehr spät ab.“ Die Sorte „Grata“ sei ab 1960 der Renner in Wittgenstein gewesen, es folgten Quarta, Granola und viele mehr. Erich Bald: „In Deutschland sind rund 250 Sorten im Anbau zugelassen. Aber auch viele alte Sorten werden von Liebhabern erhalten und angebaut. In der Deutschen Gen-Bank werden etwa 2700 Sorten für die Züchtungsarbeit erhalten.“

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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