Wie kam der Antisemitismus nach Arabien?

Waltraud Bork sprach in Bad Laasphe bei der Kurseelsorge über den Islam und die Toleranz

JG Bad Laasphe. »Auch die Toleranz hat tiefe Wurzeln« – so lautete der schöne Titel eines Vortrags von Dr. Waltraud Bork im Laaspher Haus des Gastes am Dienstagabend. Über »das Verhältnis der Muslime zu den Juden in der islamischen Welt« wollte die in Bad Laasphe lebende Islamwissenschaftlerin sprechen. Gut 30 Zuhörer waren zu der dritten Veranstaltung innerhalb der Vortrags- und Gesprächsreihe der Kurseelsorge »Erinnerung und Zukunft – welche Traditionen sind richtungsweisend?« gekommen.

Zunächst mal ging es Waltraud Bork um die Definition des Wortes »Toleranz«. Vom lateinischen »tolero« – ertragen, erdulden, aushalten – kommend, sei Toleranz bis ins Mittelalter hinein in keiner einzigen der monotheistischen – an einen einzigen Gott glaubenden – Religionen der Christen, Juden und Moslems eine Tugend gewesen. Das habe sich bei uns durch die Aufklärung geändert: »Aus der Erfahrung, dass der zum Irrtum neigende Mensch mit den ebenso fehlbaren anderen Menschen zusammenleben muss, wurde dem Staat die Pflicht zugesprochen, die Toleranz zu sichern«, zitierte die Laaspherin das dtv-Lexikon.

Seinen thematischen Ausgang nahm der Vortrag auf der arabischen Halbinsel, bei den Juden von Medina. Mohammed habe zunächst gehofft, dass sich die Juden zum Islam bekehren würden, mit ihrer Frömmigkeit und ebenfalls monotheistischen Lehre habe sich der Prophet sogar verbunden gefühlt. »Als sich die Juden dem Propheten verweigerten, wendete sich Mohammed von ihnen ab. Von da an war die Diskussion zwischen ihm und den Juden von Feindschaft geprägt.«

Was aber nicht hieß, dass Juden und Moslems auch in der arabischen Welt zusammen gelebt hätten: »Im zehnten Jahrhundert studierten in inter-konfessionellen Einrichtungen Juden, Muslime und Christen Philosophie und Naturwissenschaften. Arabisch wurde, wie Latein in Europa, als Wissenschaftssprache die Mittlerin für Mathematik, Logik und Medizin.« Natürlich dürfte auch das spanische Paradebeispiel des Zusammenlebens nicht fehlen: »Im 19. Jahrhundert beschrieben jüdische Historiker die Erfahrungen der Juden unter islamischer Herrschaft im Mittelalter als idyllisches, geradezu mythisches Verhältnis.« Tatsächlich hätten 711 viele Juden, die bis dahin ihre Religion nur im Verborgenen praktizieren konnten, die muslimischen Eroberer Spaniens als Retter begrüßt. Doch Waltraud Bork warnte davor, den späteren Beschreibungen dieses scheinbaren goldenen Zeitalters zu glauben: »Der Mythos einer interreligiösen Utopie im islamischen Spanien hatte die Funktion, die vermeintlich aufgeklärten Christen vor die Herausforderung zu stellen, die versprochene Emanzipation zu erfüllen und den Juden die Rechte und Privilegien zu gewähren, welche sie unter der Herrschaft der Muslime gehabt hatten.«

Abschließend und mit zahlreichen historischen Beispielen im Kopf kam Waltraud Bork zu der Einschätzung: »Die muslimische Einstellung zu Nichtmuslimen ist – im Gegensatz zum christlichen Antisemitismus – nicht von Hass, Furcht oder Neid diktiert, sondern von Verachtung geprägt.« Der erst im 19. Jahrhundert entstehende arabische Antisemitismus sei durch europäische Literatur, vorwiegend aus Frankreich, beeinflusst worden: »Der europäische Einfluss befördert die Akzeptanz von antisemitischen Ideen in den arabischen Ländern. Er kam nicht nur aus einem Land oder nur zu einer bestimmten Zeit.« Auch wenn natürlich die Nazi-Propaganda in den arabischen Ländern gelandet sei und diese dort bis heute auf höchsten politischen und akademischen Ebenen Rückhalt gefunden habe, außerdem trügen auch Theologen zur Verbreitung von Vorurteilen und Stereotypen bei.

Der Vortrag endete: »Zu vielen negativen Äußerungen in islamistischen Kreisen auch in Bezug auf Juden, muss man aber sagen, dass sie keine Kopien von Äußerungen des christlichen Antisemitismus sind, sondern von einem allgemeinen Hass auf den Westen geprägt sind.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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