Wie weit kann Ehrenamtlichkeit gehen?

Laaspher Kritik an den Plänen zur Umstrukturierung der kirchlichen Jugendarbeit

JG Bad Laasphe. In allen Bereichen der Gesellschaft und an jeder Ecke werden Krokodilstränen über die wenigen Kinder in Deutschland geheult und in Sonntagsreden wird fabuliert, was man für den Nachwuchs alles tun müsse – doch spätestens an den Werktagen wird dann genau an dieser Stelle trotzdem gespart. Das ist im staatlichen Bereich genau wie in anderen: In Wittgenstein waren es die jüngsten Berichte über das Zurückfahren der finanziellen Unterstützung für kirchliche Jugendarbeit, die viele Außenstehende den Kopf schütteln ließen. Doch wie geht es dabei eigentlich den direkt Betroffenen? Die Siegener Zeitung sprach jetzt mit zwei - von etwa einem Dutzend – Ehrenamtlichen der evangelischen Jugendarbeit in Bad Laasphe.

Auch der 24-jährige Sebastian Grunwald und die 17-jährige Natascha Reitz haben die Artikel gelesen – und das ist eines der Probleme von Sebastian Grunwald. Er engagiere sich mittlerweile jahrelang als Ehrenamtlicher, so der Vorsitzende des Laaspher CVJM. Ohne, dass er aus irgendeinem Gremium oder persönlichen Gespräch etwas gewusst habe, habe er aus der Zeitung erfahren, dass man beim Kirchenkreis Wittgenstein die finanzielle Unterstützung der hauptamtlichen Mitarbeiter in der Jugendarbeit quasi komplett einstellen wolle. Und dass stattdessen nun die Ehrenamtlichen – so welche wie er – vielmehr schultern sollten. Das sei für ihn kein guter Umgang miteinander, darüber hinaus ärgere ihn sowieso, dass nach seinem Gefühl in der Kirche nur noch finanziell gedacht werde.

Und wenn es auch bisher in allen Verlautbarungen hieß, über die Ausgestaltung, wie man sich künftig stärker auf Ehrenamtlichkeit stützen könne, müsse gesprochen werden, so bezweifelt der Laaspher die Umsetzbarkeit im Alltag prinzipiell. Das gehe schon los, wenn er die zukünftigen Lebensläufe von sich und Natascha anschaue. Er studiere in Siegen, wisse aber nicht, wo er eine Arbeitsstelle finden werde. Und eine sichere Mitarbeit sieht auch Natascha zunächst einmal nur bis zum Abitur. Wie weit entfernt sie danach studieren werde, das sei fraglich. Da das Abitur demnächst schon nach zwölf Schuljahren abgelegt werde, gingen viele ehrenamtliche Mitarbeiter noch ein Jahr früher aus Wittgenstein weg. Die, die in der Nähe studierten, müssten wohlmöglich wegen Studiengebühren nebenbei arbeiten gehen. Und wenn man dann sehe, dass die Entwicklung zur Ganztagsschule gehe, dann seien noch mal mehr Fragezeichen hinter den Plänen, Ehrenamtlichkeit zum Grundprinzip zu machen.

Dass eigentlich immer mindestens einer über 18 Jahre in den Jugendgruppen dabei sein solle, das sei dann nur noch ganz schwer zu schaffen, so Sebastian Grunwald. Ganz zu schweigen von dem Basisproblem: »Die Ehrenamtlichen sind dann restlos überfordert, das ist einfach unmöglich.« Der Hauptamtliche sei ein verlässlicher Ansprechpartner für die Kinder, ihre Eltern und die Ehrenamtlichen. Er sei ganz einfach die Schlüsselstelle in dem Beziehungsgeflecht.

Darüber hinaus sei die pädagogische und theologische Ausbildung des Hauptamtlichen einfach besser, auch wenn die Ausbildung der Ehrenamtlichen beim Kirchenkreis stets gut gewesen sei. Allein die Hauptamtlichen könnten Stabilität gewährleisten, wenn Ehrenamtliche gezwungen seien, wegzugehen. Wobei manche Kontinuitäten längst verloren seien: Dass erfolgreiche und beliebte Aktionen wie das »Bibel entdecken« inzwischen flach fielen sei schlecht, wenn es doch in Wittgenstein eine volkskirchliche Struktur gebe, so dass die meisten Menschen hier noch Kirchenglieder sind.

Insbesondere bedauert der Laaspher, dass das Regionalkonzept vom Tisch ist – auch wenn es für einen Jugendreferenten wahrscheinlich schwer gewesen wäre, mit den sehr unterschiedlichen Pfarrern im Lahn- und im Banfetal gleichermaßen gut zusammenzuarbeiten. Und wenn er in diesem Bezugsrahmen denkt, sieht er auch, wohin die Reise in einer Kirchengemeinde ohne hauptamtliche Jugendarbeit wohl gehen wird. Seit 2003 gebe es in Banfe niemanden mehr, der hauptamtlich für die kirchliche Jugendarbeit zuständig sei: Und obwohl sich jeder redlich und nach Kräften mühe, liege die Jugendarbeit hier mehr oder weniger am Boden. Perspektiven, die Angst machen: »Ich habe Jugendkreise gesehen, die geheult haben.« Bis zur Synode wird man sich im Kirchenkreis - auch im Gespräch mit Ehrenamtlichen und Jugendlichen – noch viele Gedanken machen müssen, wie es mit der Jugendarbeit weitergehen kann.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.