Wilhelm-Busch-Flair im Freien

Bad Laaspher Pensionswirtin Marie-Luise Kamerichs bietet Bett im Garten an

Bad Laasphe. »Die Nacht ist warm, die Menschen träumen, und leise flüstert’s in den Bäumen, und leise schleicht der Mondenschein in Dralles Garten sich herein«. Der Mondenschein schleicht sich zwar nicht in Dralles, sondern in den Garten der Bad Laaspher Pension Kamerichs hinein, aber ansonsten hat Wilhelm Busch einiges mit dem zu tun, was sich am vergangenen Wochenende auf dem Anwesen der Familie Kamerichs ereignet hat. Zunächst ist die Pensionswirtin ein Fan des Dichters. Das beweisen zum einen Zitate in ihrem voll gefüllten Gästebuch – zum anderen erkennt man es schon, wenn man das Haus anfährt.

Mann mit Knollennase schlummert

Oben auf der Garage prunkt ein weißes Gitterbett, in dem ein Mann mit Knollennase und Schlafmütze friedlich schlummert, frei nach den Zeichnungen des Poeten. Dieses Erkennungszeichen des Gästehauses war auch immer für die Stammgäste ein Anreiz dafür, die Wirtin darum zu bitten, unter freiem Himmel in gerade diesem Bett zu schlafen. Diesem Wunsch wollte Marie-Luise Kamerichs, bekannt durch ihre außergewöhnlichen Ideen, nun Rechnung tragen. Aber nicht auf der Garage, sondern im Garten der Pension.

SZ-Mitarbeiterin packte die Reisetasche

An diesem Wochenende nun eröffnete sie die Freiluftschlafsaison. Ein Grund für die SZ-Mitarbeiterin Gabriele Rahrbach-Reinhold, die Reisetasche zu packen, um bei der Wirtin in die Rotkarierten zu springen – und zwar mitsamt der ganzen Familie. Auf den ersten Blick wirkt der Garten der Kamerichs gemütlich, aber dennoch nicht ungewöhnlich. Eine große Kastanie mit Schaukel spendet Schatten, Tannen erheben sich dunkelgrün gegen den noch blauen Himmel, der Rasen ist frisch gemäht und auf einem Gartentisch steht eine Vase mit lila Wiesenschaumkraut. Wenn da nicht, in der Mitte des Rasens – völlig deplaziert neben Büschen und Blumenrabatten - dieses schneeweiße Bett mit einem liebevoll zusammengestellten Ensemble von Waschschüssel, Nachtgeschirr und einer Wärmekruke stehen würde. Natürlich fehlen auch nicht das leinerne Nachthemd und die Schlafmütze. »Die habe ich selbst gemacht und im Wilhelm-Busch-Buch nachgeguckt, wie die Troddel sein musste«, klärt mich die Pensionswirtin bei einem Glas Saft auf und schmunzelt in sich hinein. Viel Liebe zum Detail bewies sie bei der Zusammenstellung des Freiluftschlafzimmers: Die rot-karierte Bettwäsche ist mehr als 80 Jahre alt, die Mutter hatte sie noch im Wäscheschrank. Das Plumeau ist doppelt gelegt, damit auch keiner in der Nacht unter der Decke friert. Zwei dicke Kopfkissen sollen für zusätzliche Bequemlichkeit sorgen.

Immer für innovative Ideen zu haben

Während Mann und Kinder Luftmatratzen aufpumpen und das kleine Zweimannszelt aufbauen – denn schließlich bin ich zum Probeschlafen unterm Sternenzelt auserkoren – erzählt Marie-Luise Kamerichs, dass auch ihr Sohn früher gerne im Sommer auf der Terrasse schlief und sie die Idee ihrer Stammgäste gerne aufnahm. Ein Jahr lang suchte sie nach geeignetem Bett und Zubehör, tags vorher weihte ein Gast die Schlafstatt ein. Marie-Luise Kamerichs ist immer für innovative Inspirationen zu haben. So bietet sie Wanderwochen ohne lästiges Gepäckschleppen oder Langschläfer-Urlaube an. Eine Saison lang konnte sie sogar mit nächtlichem Planschen im Freibad locken.

Klobige Holzschuhe für den Fall der Fälle

»Bald kommt der Onkel auch herein und scheint bereits recht müd zu sein. Und nun vertauscht er mit Bedacht, das Hemd des Tags mit dem der Nacht.« Nur für das Foto bekleiden Leslie, Nico und ich uns mit Nachthemden und Schlafmützen, aber unter dem Plumeau ist es jetzt schon mollig warm, wo die Sonne gerade untergeht und die Vögel noch zwitschern. Vor dem Bett stehen klobige Holzschuhe für den Fall der Fälle, um das Örtchen (nicht wirklich das Nachtgeschirr) im Haus zu benutzen und die Insekten summen herum, es riecht angenehm nach Frühling.

Anzug schützt vor Morgentau und Kälte

Nach einem ausgedehnten abendlichen Spaziergang ist es dunkel geworden, die Dämmerung gibt zusätzlichen Schutz vor unangenehmen Beobachtern. Während Mann und Kinder in das Zelt kriechen, um an der Matratze zu horchen, schlüpfe ich in einen molligen Trainingsanzug, der mich vor dem nassen und kalten Morgentau schützen soll. »Darauf begibt sie sich zur Ruh und deckt sich warm und fröhlich zu.« Beim Eindämmern fallen mir noch einmal die herumschwirrenden Insekten und die Geschichte von Wilhelm Busch’s 5. Streich von Max und Moritz ein. »Jeder weiß, was so ein Mai-Käfer für ein Vogel sei. In den Bäumen hin und her fliegt und kriecht und krabbelt er. Doch die Käfer, kritze, kratze! Kommen schnell aus der Matratze!« Für einen Moment erfasst mich eine leise Panik, doch die Müdigkeit kommt bleischwer und trägt mich in den Schlaf, bis um Punkt 4.05 Uhr morgens die ersten Vögel anfangen zu zwitschern und ich beim Blinzeln den abnehmenden Mond sehen kann. »Im Apfelbaum sitzt auch der Mond – und hat dem Feste beigewohnt.« Tatsächlich hält sich die Wärme unter der Decke und der Nachtwind weht frisch, aber erträglich.

Frühstück macht Gliederschmerz wett

So eingemummelt erlebe ich, wie der Star auf dem Dachfirst der Pension Kamerichs sein erstes Lied anstimmt. »Es wird wohl Zeit, sich zu erheben, und sich allmählich zu bequemen, die Morgenwäsche vorzunehmen«. So denke ich und bin verwundert, wie angenehm diese Nacht unter freiem Himmel war. Und dann das Frühstück mit duftendem Kaffee und knusprigen Brötchen, frischem Rührei und Orangensaft, dargebracht von Marie-Luise Kamerichs und ihrem Mann. Diese möchten nun das Schlafen unterm Sternenzelt ihren Gästen »als Bonbon« oder vielleicht sogar als Geschenkidee anbieten. Das Bettgestell soll sommers im Garten stehen bleiben.

GR

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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