Zu jeder Kunst gehören zwei

Werke von Ernst Barlach bis Sonntag in Bad Laaspher Ausstellung »Menschenbilder«

awe Bad Laasphe. »Er las ganz einfach. Er las genau. Er las kritisch. Er sah so aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: Das ist nicht wahr. Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas ganz anderes zu tun.« So beschreibt der Kommunist Gregor die Skulptur des »Lesenden Klosterschülers«. Gregor und der Lesende sind in einem Roman von Alfred Andersch zwei Hauptfiguren, die sich gegenseitig retten.

Eine Skulptur von Ernst Barlach ist es, die hier eine Hauptrolle bekommt. Und was jener Gregor in der Geschichte entdeckt, können derzeit die Besucher der kath. Kirche Bad Laasphe nachvollziehen: Dort nämlich wurde am Sonntagabend eine Ausstellung mit Werken von Ernst Barlach eröffnet. Zu sehen sind Lithographien – rundum an den Kirchenwänden. In einem Ausstellungskasten findet man zudem eine Reihe von Porzellanabgüssen verschiedener Barlach-Skulpturen: Ein »Sitzendes Mädchen« und ein »Liegender Bauer« teilen sich die Vitrine mit einem »Blinden Bettler«, einem »Russischen Liebespaar« und einer »Russischen Bettlerin«.

Mit diesen Menschen aus Russland habe die eigentliche Schaffensphase von Ernst Barlach begonnen, erläuterte Ingrid Schmidt. Sie war zur Ausstellungseröffnung von Berlin nach Bad Laasphe gereist. Die Dozentin vom Theologisch-Pädagogischen Institut hat sich intensiv mit dem Künstler und seinen Werken beschäftigt: Ihre tiefe Verbundenheit zu Barlach habe sie nun auch in die Laaspher Ausstellung geführt, erklärte sie.

»Menschenbilder« lautet der Titel für diese Ausstellung. Auf welche Art von Menschenbildern man bei Ernst Barlach trifft, beschrieb Alfred Andersch mit dem »Lesenden Klosterschüler«. Gebärden, Gestik und Mimik spielten in allen Bildern eine Rolle, ebenso wie die Beziehungen zwischen den Menschen, erklärte Ingrid Schäfer. Es sind Individuen, die in den Bildern auftreten. Und als solche sperren sie sich gegen Vereinnahmungen.

Wobei genau das mit dem Werk von Barlach versucht wurde, in den beiden deutschen Staaten. Davon berichtete Ingrid Schmidt in ihrem Eröffnungsvortrag: Aus der Osthälfte Deutschlands verbannte man kritisch Lesende und anti-sozialistische Helden. Erst im Jahr 1983 entdeckte man den Künstler, der sich am Ende des Ersten Weltkriegs zum überzeugten Pazifisten bekehrt hatte, und heftete sich sein Werk an die frisch zu schwenkenden Friedensfahnen. Im Westen hatte man seine Werke lange Zeit in Religionsbücher oder auf Kindergottesdienst-Bildchen gebannt: Hier sah man in ihm den Darsteller religiöser und mystischer Motive. Auch falsch, meint Schmidt. Die Bezeichnung als Gottsucher habe Barlach für sich abgelehnt. »Leid und Glück, Trauer und Humor«, benannte Schmidt als Barlachs Themen, Menschen- und nicht Gottesbilder.

Wobei die abgebildeten Menschen durchaus viel mit der Bibel zu tun haben können: Ein Luther-Bild hängt etwa nun neben dem Beichtstuhl. Worauf der evangelische Pfarrer und Kulturring-Vorsitzende Johannes Weissinger hinwies. Den Zyklus »Die Wandlung Gottes« wird sein katholischer Kollege Franz Tiwi nun eine Woche lang vor Augen haben, wenn er aus der Sakristei in die Kirche tritt.

So lange sind die fünf Porzellanfiguren und die rund 40 Lithographien nämlich noch in Bad Laasphe zu sehen: Geöffnet ist die Ausstellung bis Sonntag, 27. Juli, täglich von 16 Uhr bis 18 Uhr. Besonders für Schulklassen hatte man die Öffnungszeiten von 8 Uhr bis 13 Uhr noch bis Donnerstag, und am Freitag und Samstag von 10 Uhr bis 13 Uhr gedacht.

Ergänzt werden die Barlach-Werke unter anderem von Litographien von Käthe Kollwitz und Ernst Ludwig Kirschner. Damit erzählt die Ausstellung »Menschenbilder« auch von einer bestimmten Zeit, von der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Barlach wurde 1870 geboren, seine eigentliche Schaffensphase habe 1906 begonnen, hat er selbst immer betont – nach jener Reise nach Russland. Bald wurde damals auch die Kunstkritik auf ihn aufmerksam, positiv.

In der Ausstellung über so genannte »Entartete Kunst« im Jahr 1937 in München waren seine Menschenbilder auch vertreten. Was bekanntlich nicht positiv gemeint war: Wer kritikfähige Menschen abbilden konnte, galt damals nicht länger als Künstler. Den 20. Juli 1944 hat Barlach nicht mehr erlebt. An ihn erinnerte Ingrid Schmidt in ihrem Vortrag: Damals sei es auch um die verschiedenen Menschenbilder gegangen. Die Nazis hätten dasjenige Barlachs nur zu gern ausgerottet.

»Zu jeder Kunst gehören zwei: einer, der sie macht und einer, der sie braucht«, hat Ernst Barlach einmal gesagt und es klingt heute wie eine Einladung, die kath. Kirche in Bad Laasphe zu besuchen. Morgen, 23. Juli, findet dort im Rahmen der Ausstellung ein Liederabend mit dem Tenor Thomas Schulze und der Pianistin Silvia Bauer statt. Beginn ist um 19.30 Uhr. Auf dem Programm stehen Lieder von Mozart, Beethoven, Schubert und »Die Dichterliebe« von Schumann. Die Verfilmung des Romans »Sansibar oder Der letzte Grund« von Alfred Andersch hat der Kulturring am Donnerstag, 24. Juli, 20 Uhr, auf das Programm im Kino Residenztheater in Bad Laasphe gesetzt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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