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Künstlerische Ab- und Eindrücke der Welt
Susanne Krell spielt mit Oberfläche und Tiefe

Im Kunstmuseum Bonn zeigte Susanne Krell diese Tücher-Installation mit Spuren von Konflikt-Orten und Ideengebäuden. Die Ausstellung „zur zeit_und weiter“ zeigte sie aus Anlass der Verleihung des Ida-Dehmel-Sonderpreises im Jahr 2020.
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  • Im Kunstmuseum Bonn zeigte Susanne Krell diese Tücher-Installation mit Spuren von Konflikt-Orten und Ideengebäuden. Die Ausstellung „zur zeit_und weiter“ zeigte sie aus Anlass der Verleihung des Ida-Dehmel-Sonderpreises im Jahr 2020.
  • Foto: privat
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gmz - Die gebürtige Betzdorferin ist Trägerin des Ida-Dehmel-Preises
der GEDOK.
gmz Betzdorf. Grau schraffierte Flächen, gelbe und blaue Formen, federleichte Mobiles oder diaphane Tücher, die beide die Form des Windes annehmen: Susanne Krells Arbeiten beschäftigen sich mit dem Raum und seiner Konstituierung in unserer Wahrnehmung. Diese künstlerische Betrachtung verbindet sie mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Regel und ihrer Überschreitung: Die Erkundung der sich bedingenden Gegensätze von (einengender) Grenze, (sicherndem) Halt und Freiheit ist ihr künstlerisches Sujet, dem sie packend Form gibt.

gmz - Die gebürtige Betzdorferin ist Trägerin des Ida-Dehmel-Preises
der GEDOK.
gmz Betzdorf. Grau schraffierte Flächen, gelbe und blaue Formen, federleichte Mobiles oder diaphane Tücher, die beide die Form des Windes annehmen: Susanne Krells Arbeiten beschäftigen sich mit dem Raum und seiner Konstituierung in unserer Wahrnehmung. Diese künstlerische Betrachtung verbindet sie mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Regel und ihrer Überschreitung: Die Erkundung der sich bedingenden Gegensätze von (einengender) Grenze, (sicherndem) Halt und Freiheit ist ihr künstlerisches Sujet, dem sie packend Form gibt.

Struktur, Fläche und Tiefe

Oft nimmt man bei den Arbeiten der gebürtigen Betzdorferin, die lange im Siebengebirge gewohnt und sich vor noch nicht allzu langer Zeit in „Fontanes Neuruppin“ niedergelassen hat, zunächst nur schwarz-weiße oder auch mal blau-gelb-grüne Strukturen wahr, Schraffierungen oder Abdrücke, ungegenständlich, abstrakt, aber doch strukturiert. Frottagen also, die dem Betrachter eine Oberfläche bieten, die in den darunter verborgenen Raum hineinzieht und die Frage nahelegt, was denn dort zu finden ist, was hinter den Strukturen steckt, welche Schichten zu entdecken sind unter dem Offensichtlichen, das mehr verbirgt, als es preisgibt:
Die Frottagen, sagt sie im Gespräch mit der SZ, „ziehen in die Tiefe: Ich beschäftige mich mit dem, was darunter ist.“ Die Frottagen nimmt Susanne Krell, deren letzte Ausstellung in der Region 2014 auf Schloss Schönstein zu sehen war, an „Konflikt-Orten“ ab, an Orten, die eine besondere historische oder politische Bedeutung haben. Zum Beispiel an der Kremlmauer, am Fundament des NS-„Ehrentempels“ in München, an der Synagoge in Budapest oder den Befestigungen in Verdun … Es sind Orte, erläutert Susanne Krell, die auch für Ideengebäude stehen, innerhalb derer „Menschen sich Regeln gegeben haben“. Der Kölner Dom beispielsweise ist für die Künstlerin, die u. a. Kunst und Philosophie studiert hat, ein Beispiel für einen solchen Ort: Viele Menschen haben mitgeholfen, ihn zu errichten, viele leben nach den strengen Vorgaben, für die „der Dom“ steht. Die spannende Frage, die sich daran anschließt, lautet: Was passiert innerhalb der festen Strukturen? Wieviel Vorgaben braucht es für ein funktionierendes Sozialleben? Wieviel Weite? Was geschieht, wenn Regeln aufeinanderstoßen und kein Kompromiss möglich scheint, wie beispielsweise an 9/11? Aus ihrer eigener Sozialisation kennt sie die einengende Macht der Norm, weiß aber auch um die Notwendigkeit ihres Haltes. So wurde das zentrale Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu ihrem künstlerischen.

Konflikt-Orte und Ideengebäude

Orte, die solche Ideengebäude in sich tragen, ziehen Susanne Krell an. Sie machen Eindruck auf sie, sie macht einen Abdruck von ihnen, indem sie eine Frottage anfertigt. An der Kremlmauer zum Beispiel, wenn die Wache gerade ein Stückchen weitergegangen ist. Manchmal wird sie gefragt, was sie denn da mache. Bisher haben ihre Erläuterungen die Neugierde immer befriedigt. Länger als zehn Minuten braucht sie meistens ohnehin nicht für die gewünschte Frottage.
Mit den Frottagen reagiere sie auf den Ort, den sie sehe, erzählt sie. Sie plane nicht unbedingt vorher, eine Frottage zu anzufertigen. Also ist sie immer präpariert und trägt Papiere, blau-gelb eingefärbte Leinwände oder farbige Tücher mit sich. Wann der Abdruck fertig sei, bestimme der Stein, der Untergrund: Sie hört auf, „wenn der Untergrund keine Struktur mehr abgibt“. Wenn sie zu lange mit der Kreide über das Papier streicht, verschwinden die Konturen. „Der Stein“, sagt sie, „bestimmt selbst sein Bild“, das Bild, das sie von ihm mitnimmt. Sie reagiert, wartet, was auf sie zukommt. In ihrem Atelier hat sie eine riesige Sammlung von solchen Frottagen. Mehr als 700 sind es: „Das Kostbarste, was ich habe“, betont sie. Von allen Orten, an denen sie Frottagen abnimmt, hat sie auch einen Fotobeleg.

Frottagen werden als Druck weiterverarbeitet

Wenn sie die Frottagen weiterverarbeitet, fertigt sie von dem Originalen Drucke an, aus denen sie Mobiles oder andere Objekte herstellt. In Schönstein beispielsweise hat sie „Leichte Vögel mit schwerem Gepäck“ im Treppenhaus präsentiert, schwebende „Papiervögel“, die auf ihren Flügeln die Last der Konflikt-Orte und ihrer Regeln trugen, aber dennoch ihren Weg innerhalb ihrer durch die Hängung gegebenen Freiheitsgrade nutzten. Die ästhetisch sehr ansprechende Präsentation lenkt unauffällig, aber nachdrücklich den Blick auf den Zusammenhang zwischen Norm, Begrenzungen und Freiheiten. Ihre Arbeit zu „9/11“, 2011 im EU-Parlament in Brüssel vorgestellt, zeigt „57 andere Möglichkeiten“: Ein „Papierflieger“ aus verschiedenen, dicht gedrängten Frottagen stürzt sich zwischen Gebäuden hinunter. Ideengebäude können zum Einsturz gebracht werden!

2011 kommentierte Susanne Krell im EU-Parlament in Brüssel mit „57 andere Möglichkeiten“ den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001.
  • 2011 kommentierte Susanne Krell im EU-Parlament in Brüssel mit „57 andere Möglichkeiten“ den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001.
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Mit Ida-Dehmel-Sonderpreis ausgezeichnet

Im Laufe der Jahre hat sie auf höchst unterschiedliche Orte reagiert und auf die Themen der Zeit. Sie stellt die Abdrücke der Ideengebäude und Konflikt-Orte in den Kontext der aktuellen Fragen, die Menschen beschäftigen oder auch zu neuen Konflikten führen. Ihr Vorgehen erweist sich dabei als sehr anpassungsfähig. Für ihre Arbeiten, die sie in vielen namhaften Museen gezeigt hat, ist sie 2020 mit dem Ida-Dehmel-Sonderpreis der GEDOK (Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen) ausgezeichnet worden, zum 150. Geburtstag der Stifterin, die sich für Frauenrechte und Kulturförderung einsetzte. In der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn hat sie gefärbte Tücher gezeigt, die ebenfalls Frottage-Spuren tragen. In der Begründung zur Preisverleihung heißt es dazu: „Die implizierten transformativen Prozesse verweisen auf die Bedeutung von Ursprung und Herkunft sowie auf Fragen der Gegenwart und Perspektiven der Neugestaltung.“ Internet: www.susanne-krell.de

Im Kunstmuseum Bonn zeigte Susanne Krell diese Tücher-Installation mit Spuren von Konflikt-Orten und Ideengebäuden. Die Ausstellung „zur zeit_und weiter“ zeigte sie aus Anlass der Verleihung des Ida-Dehmel-Sonderpreises im Jahr 2020.
2011 kommentierte Susanne Krell im EU-Parlament in Brüssel mit „57 andere Möglichkeiten“ den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001.
Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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