„Ich wurde wieder leichtsinnig“
112 Gramm Marihuana: Noch gerade so Bewährung

Hier, am Amtsgericht Betzdorf, kam der 29-jährige Angeklagte mit zwei blauen Augen davon.
  • Hier, am Amtsgericht Betzdorf, kam der 29-jährige Angeklagte mit zwei blauen Augen davon.
  • Foto: dach
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Betzdorf/Kirchen. Wie sich der Knast anfühlt, weiß Michel G. ganz genau. Dorthin hatte den 29-Jährigen seine Drogenlaufbahn bereits gebracht. Zuletzt war er vor gut einem Jahr eingefahren, wenn auch nur kurz (knapp einen Monat), wenn auch „nur“ in Untersuchungshaft. Jetzt war es wieder einmal an der Zeit für den jungen Mann aus Kirchen, vor den Kadi zu treten.

Richterin Melanie Neeb und ihre Schöffen hatten über das Schicksal von Michel G. (Name geändert) zu entscheiden. Vorausgegangen war eine Hausdurchsuchung der Polizei im Mai 2018. Dabei fielen den Beamten 112 Gramm Marihuana in die Hände.

Von der U-Haft ging es damals in eine stationäre Drogeneinrichtung. Danach kam er auf freien Fuß. Er kümmerte sich nun selbst um eine Anschlusstherapie, blieb freiwillig fünf Monate in einer Fachklinik. „Das kann ja nicht so weitergehen“, lautete vor Gericht seine Einsicht.

Wie es denn bei ihm überhaupt zum Drogenkonsum gekommen sei, wollte Richterin Neeb wissen. „So mit 15 rum fing die Kifferei an“, sagte Michel G. Ziemlich schnell habe er täglich Gras geraucht. Die Tagesdosis betrug am Ende rund fünf Gramm. „Mit 17, 18 kamen Ecstasy und Amphetamin dazu, wenn man feiern ging, so alle zwei, drei Wochenenden.“

Wie viele Dübel er am Tag geraucht habe, wollte die Staatsanwältin wissen. Mal acht, mal zehn, mal 14, so der Angeklagte. Das könne er so pauschal nicht sagen. Und wie viel Marihuana er jedes Mal so „verbaut“ habe? Michel G: „Ein halbes Gramm bestimmt. Das kommt ja auf die Sorte drauf an.“

Den in Rede stehenden Stoff hatte er sich für seinen eigenen Konsum zugelegt, wie er angab. 600 Euro musste er dafür hinblättern. Hier und da habe er Freunden einen ausgegeben, aber verkauft habe er das Gras nicht. Warum er das Marihuana denn für 5 Euro pro Gramm bekommen habe, wollte die Staatsanwältin wissen. Michel G. verstand nicht so recht: „Warum denn nicht?“ „Naja“, schaltete sich Richterin Neeb ein, „weil das recht günstig ist“. Michel G: „Kommt drauf an, wen man kennt.“ Und wie lange sollte der angelegte Vorrat halten?, fragte die Staatsanwältin. Michel G. konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Hmm, länger halt, woah?“

Außer dem Gras fanden die Beamten Cannabissamen, eine Feinwaage, einen defekten Elektroschocker, eine Kartusche Pfefferspray, einen Spiegel samt Pulveranhaftungen und eine Rasierklinge, eine geringe Menge Spice (synthetisches Cannabis) und 75 Euro in bar. Größere Geldbeträge waren nicht in der Wohnung – ein Indiz dafür, dass Michel G. eben nicht mit Drogen gehandelt haben dürfte. Auch kleine Tütchen – übliche Utensilien eines Dealers – fanden die Ermittler nicht.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte eine Freundin der Lebensgefährtin des Angeklagten. Sie hatte von den Drogengeschichten gehört, sie teils selbst mitbekommen, gab sie im Zeugenstand an. Am Ende wandte sie sich an die Polizei, weil sie sich um ihre Freundin sorgte.

Das wäre vermutlich anders gelaufen, hätte Michel G. seine Partnerin in einer Phase seines Lebens kennengelernt, in der er clean war. Die gab es nämlich auch, etwa 2012. Auf einen Gefängnisaufenthalt, Michel G. war wegen Drogenhandels zu drei Jahren hinter Gittern verurteilt worden, folgte der Aufenthalt in zwei Therapieeinrichtungen. Und auch danach rührte er eineinhalb Jahre nichts Verbotenes an, erzählte er vor Gericht. Warum der Rückfall?, wollte Neeb wissen. „Ich wurde wieder leichtsinnig“, so der Angeklagte. Zunächst habe er nur „mal einen mitrauchen“ wollen, aber schnell habe er sich wieder jeden Tag seine Joints gerollt. „Es ist ein Teufelskreis“, so Michel G.

Die Staatsanwältin plädierte schließlich auf eine dreijährige Haftstrafe. Vor allem die Rückfallgeschwindigkeit bereite ihr Sorgen: Drei Monate vor der Hausdurchsuchung war Michel G. am Betzdorfer Amtsgericht u. a. der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gesprochen worden.

Verteidiger Axel Bertram (Koblenz) bat um eine geringe Strafe, verwies unter anderem darauf, dass sein Mandant der Polizei bei der Durchsuchung sogar sein Handy entsperrt habe: Das sei ausgewertet worden und die Ermittler hätten keine dealertypischen Nachrichten gefunden. Und: Michel G. sei derzeit clean, auf einem guten Weg.

Das wird auch die Kammer so gesehen haben. Es sei um eine grundsätzliche Entscheidung gegangen, machte Richterin Neeb in ihrer Urteilsbegründung klar: „Ob man Sie nochmal reinschicken will oder nicht.“ Man wollte nicht: Zwei Jahre, zur Bewährung ausgesetzt, hieß es im Namen des Volkes nach allem Für und Wider. Einen Handel könne das Gericht ihm nicht nachweisen, sagte Neeb zu Michel G. Und der Ankauf von Drogen sei schließlich „die ureigenste Straftat eines Süchtigen“.

Allerdings schrammte Michel G. denkbar knapp an einer weiteren Haft vorbei: Die Bewährungszeit wurde auf vier Jahre festgelegt, ihm wird ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt, er muss monatlich an einem Therapiegespräch teilnehmen, außerdem mindestens vier Drogenscreenings pro Jahr durchlaufen und darüber hinaus entweder 1000 Euro an die Caritas überweisen oder 200 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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