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Keine Drogentote, aber trotzdem eine Szene
21 Alkohol-Tote im AK-Kreis

Alkohol ist nicht für einige Menschen ein brutales Problem, auch im AK-Land.
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  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Betzdorf. Es klingt erstmal wirklich, wirklich gut: Im Kreis Altenkirchen gab es zuletzt keine Drogentoten. Sowohl für 2018 als auch für 2017 steht ein waagerechter Strich in der Statistik. Das Blöde daran: Für eine profunde Aussage darüber, wie es denn um den Konsum von illegalen Substanzen zwischen Friesenhagen und Flammersfeld bestellt ist, taugt diese Zahlenreihe (2008 waren es noch drei Tote) kaum. Das wird im Gespräch mit Roland Brenner deutlich.

Der Leiter der Suchtberatung der Caritas Rhein-Wied-Sieg gibt sich zunächst sehr zurückhaltend, als er von der SZ um eine Einschätzung zu dieser Statistik gebeten wird. Denn: Den „klassischen Drogentoten“, also einen Junkie, der sich einen goldenen Schuss gesetzt hat, gebe es – zumindest im AK-Land – kaum.

dach Betzdorf. Es klingt erstmal wirklich, wirklich gut: Im Kreis Altenkirchen gab es zuletzt keine Drogentoten. Sowohl für 2018 als auch für 2017 steht ein waagerechter Strich in der Statistik. Das Blöde daran: Für eine profunde Aussage darüber, wie es denn um den Konsum von illegalen Substanzen zwischen Friesenhagen und Flammersfeld bestellt ist, taugt diese Zahlenreihe (2008 waren es noch drei Tote) kaum. Das wird im Gespräch mit Roland Brenner deutlich.

Der Leiter der Suchtberatung der Caritas Rhein-Wied-Sieg gibt sich zunächst sehr zurückhaltend, als er von der SZ um eine Einschätzung zu dieser Statistik gebeten wird. Denn: Den „klassischen Drogentoten“, also einen Junkie, der sich einen goldenen Schuss gesetzt hat, gebe es – zumindest im AK-Land – kaum. Zumal gelte: „Heroin ist bei den jungen Leuten out. Wir haben mit Opiaten wenig zu tun.“ Wenngleich es einige gebe, die Ersatztherapien (z. B. Methadon) durchlaufen würden.

Am häufigsten hat die Betzdorfer Suchtberatung in letzter Zeit mit der Droge Amphetamin zu tun, eine chemische Substanz, die meist in Pulverform dargereicht und als Pep oder Speed bezeichnet wird. Die größte Gruppe der Konsumenten, die bei der Suchtberatung aufschlagen (auch weil sie Probleme mit der Polizei bzw. wegen ihres Führerscheins haben), seien junge Männer, „meist Handwerker, die viel arbeiten und viel Stress haben und die am Wochenende eigentlich müde sein müssten“, so Brenner. Stattdessen feierten sie Partys. Amphetamin wirke aufputschend, euphorisierend. Zuletzt habe er von einer Gruppe junger Fensterbauer erfahren, die sich vor der Arbeit „,eine Nase ziehen’, wie sie es nennen, und dann legen die los“. Denn Amphetamin wirke bis zu einem gewissen Grad leistungssteigernd und erhöhe die Konzentrationsfähigkeit.

Nur: „Jedes Hoch, das sie sich holen, kommt als Tief wieder“, weiß der Psychologe. Heißt: Das „Runterkommen“ sei meist ein stimmungslabiler Vorgang, „eigentlich ein klinisches Bild einer Depression“, so Brenner. Gerade Männer würden dann schon mal mürrisch, schlecht gelaunt und teils aggressiv.

Das Tückische: Vor allem junge Leute könnten den Konsum von Amphetamin (auch in Form von Ecstasy-Tabletten) relativ gut wegstecken. Dessen Missbrauch taucht also nicht in der Statistik der Drogentoten auf. Generell gelte Amphetamin als günstiger Ersatz für einen – durch Film und Fernsehen immer wieder mystifizierten – Stoff, der auch im AK-Land eine Renaissance erlebe: „Kokain kommt.“

Was beim Blick in die Statistik förmlich ins Auge springt, aber bei einer oberflächlichen Betrachtung zu einem Trugschluss führt: Während es 2018 eben keine Drogentote im AK-Kreis gab, starben 21 Männer und Frauen an Alkohol (2017: 23). Auch hier mahnt Brenner zur Vorsicht bei der Analyse der Zahlen. In aller Regel würden mit dieser statistischen Erfassung Folgeerscheinungen – in diesem Fall von Alkoholmissbrauch – dokumentiert.

Und: Die geburtenstärkste Generation, die sogenannten Babyboomer, sei jetzt in einem Alter, in denen diverse Erkrankungen durchschlagen, eben auch Alkoholismus. Auch das habe Einfluss auf die absoluten abgebildeten Werte. Dennoch kommt der Suchtberater klipp und klar zu dem Schluss: „Alkohol ist mit die schlimmste Droge, die auf dem Markt ist.“

Dabei sei der Alkoholkonsum insgesamt rückläufig, wenngleich er sich eher ins Private verlagere. „Die Kneipenkultur ist ja weg“, so Brenner. Und auch im Beruf spiele Alkohol kaum noch eine Rolle, was in früheren Jahrzehnten durchaus anders gewesen sei.

Der Bierabsatz sinkt seit Langem – laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen von 143 Liter pro Kopf und Jahr (1990) auf 102 Liter (2018). Auch der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol ist rückläufig, von 14,4 Liter (1970) auf 10,5 Liter (2017). Und doch schätzt Brenner, dass rund ein Drittel der Gesellschaft sehr viel Alkohol konsumiert, also eigentlich zu viel. Und andere eben so gut wie gar nichts. Das führt natürlich zu einer Verzerrung der Statistik. Vor allem die sogenannten Episodentrinker, solche, die im Alltag so gut wie nie zur Flasche greifen, aber punktuell „zuschlagen“, würden im Moment immer mehr.

Dabei seien Verallgemeinerungen in puncto Sucht so gut wie unmöglich. Es gebe Leute, die verhältnismäßig viel trinken würden, das aber stoppen könnten. Auf der anderen Seite könnten eben solche Episodentrinker wirkliche Probleme bekommen.

Im Gespräch gibt sich Roland Brenner nicht weltfremd und entpuppt sich auch nicht als Abstinenzapostel. „Die Menschen wollen auch mal loslassen“, so der Suchtexperte, „und bei den meisten klappt es ja auch. Aber es bleiben auch Leute auf der Strecke.“ Und dann kommt er noch auf den oftmals angestrengten Vergleich von Alkohol und Cannabis zu sprechen: Cannabis sei nicht super, um Gottes Willen, aber bei Weitem „nicht so brutal gefährlich“ wie die Folgen von Alkoholmissbrauch.

Seit dem Beginn der Suchtforschung in den 1950er Jahren sei der Anteil der Menschen mit Suchtproblemen (Alkohol und Drogen) übrigens recht gleichbleibend gewesen und habe zumeist 5 bis 10 Prozent der jeweiligen Generation ausgemacht. Und – das dürfte nicht jedem gefallen – neuste Studien kommen laut Brenner zu dem Schluss: Alkoholkonsum ist nicht gesund (auch nicht in geringen Mengen, wie Brauer oder Winzer schon mal gern behaupteten) – und schlicht und ergreifend der Konsum einer Droge.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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