Randale und Rassismus in der Psychiatrie
21-Jähriger nach Attacke verurteilt

damo Betzdorf/Wissen. Als Krankenschwester in der geschlossenen Psychiatrie ist Annika T. (Namen geändert) gut geschult – und zwar nicht nur, was Psychosen, Neurosen und die Lehren des Herrn Freud angeht. Sie weiß auch, was ein Deeskalationstraining ist, und die wichtigsten Handgriffe der Selbstverteidigung sind ihr ebenfalls geläufig. Und doch war’s an dem Abend, als Marco R. sturzbetrunken an der Pforte des Wissener Krankenhauses aufschlug, richtig eng: „Ich habe schon schwarze Flecken vor den Augen gesehen und gemerkt: Jetzt ist es höchste Eisenbahn, was zu tun.“

Was an diesem Abend geschehen war, ist jetzt am Betzdorfer Amtsgericht aufgerollt worden. Dort saß der 21-jährige Marco R. auf der Anklagebank. Der machte zwar einen reumütigen Eindruck, konnte aber trotzdem nur in Ansätzen erklären, was damals schiefgelaufen ist: „Ich weiß nur noch Bruchstücke, ich war zu betrunken.“

Angeklagter wollte sich selbst einweisen

Sein Alkohol- und Drogenkonsum war es auch, der den jungen Mann gegen Mitternacht ins Wissener Krankenhaus geführt hatte. Dort wollte er sich selbst einliefern, denn: „Wenn ihr mich nicht aufnehmt, kiffe ich mich tot.“ Wie ein Bittsteller trat der 21-Jährige aber leider nicht auf, denn es dauerte nur ein paar Minuten, bis das Aufnahmegespräch an der Pforte der psychiatrischen Klinik völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Denn Marco R. kam mit dem Arzt nicht zurecht: Der junge Mediziner hat einen Migrationshintergrund. Er spricht zwar gut deutsch, aber mit Akzent. Und genau das hat ausgereicht, um bei Marco R. reihenweise Sicherungen rausfliegen zu lassen. „Sprich Deutsch mit mir, wir sind hier in Deutschland“, herrschte er den Arzt an. Dann forderte er: „Ich will einen deutschen Arzt“. Und als das nicht geschah, griff er ganz tief in die Schublade mit den rassistischen Kraftausdrücken.

Selbstverteidigungsgriff hilft

All das erlebte auch Annika T. mit. Sie versuchte zu beschwichtigen, führte einen Alkoholtest durch (1,87 Promille) und musste dann kurz in einen Nebenraum gehen. „In der Zeit kam es dann zum Übergriff“, berichtete sie: Als sie zurückeilte, habe sich ihr Kollege an die Wand geduckt, die Hände schützend über den Kopf gehalten. „Der Angeklagte wollte ihn schlagen“, berichtete die Krankenschwester im Zeugenstand, „aber dann bin ich dazwischengegangen. Ich habe den Angeklagten an seinem Rucksack gepackt und weggezogen“. Ihr männlicher Kollege nahm Reißaus und verschanzte sich im Aufnahmeraum – aber dann suchte sich Marco R. ein neues Opfer: die Krankenschwester.

„Er hat mir gesagt, er hätte niemals gedacht, dass ich zu so einem Schwein halten würde“, berichtete die 47-Jährige. „Und dann ist er auf mich losgegangen. Erst hat er mich gegen die Schulter geschlagen, dann in die Kniekehle getreten. Als ich am Boden lag, hat er mich gewürgt.“ Ihr sei zwar die Luft weggeblieben, aber sie habe sich auf die erlernten Selbstverteidigungsgriffe besonnen – und den richtigen ausgewählt. „Da hat er von mir abgelassen.“ Danach sei ihr Kollege zurückgekehrt, um Marco R. rauszuschmeißen – und zum Glück sei der 21-Jährige dieser Aufforderung gefolgt.

Nicht die erste rassistische Entgleisung

Es war nicht der einzige fremdenfeindliche Übergriff des Angeklagten, stellte sich im Laufe der Verhandlung heraus. Der junge Mann beteuerte aber, dass er grundsätzlich nichts gegen Menschen mit Migrationshintergrund habe: „Nur, wenn die mich stören.“ Und das passiert wohl vermehrt, wenn Marco R. zu viel getrunken hat: „Wenn ich trinke, werde ich schnell aggressiv und flippe aus. Und das kriegt dann der Erstbeste ab.“ Und so räumte er auch die Tatvorwürfe ein – obwohl er ja einen Filmriss hatte: „Ich erinnere mich zwar nicht, aber ich kann mir das gut vorstellen.“

Aktuell ist Marco R. wieder im Wissener Krankenhaus; dort hat er aber bislang keinen Kontakt zu dem Arzt gehabt, auf den er damals losgegangen ist. „Deshalb konnte ich mich auch noch nicht entschuldigen.“ Das holte er jetzt im Gerichtssaal nach. Das – und die Tatsache, dass er wegen seines Alkoholkonsums nur begrenzt Herr seiner Sinne war – wertete Richterin Tanja Becher strafmildernd. Sie verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 900 Euro.

Weiterer Verstoß abgeurteilt

Damit ist nicht nur der Aussetzer in der Wissener Psychiatrie abgeurteilt: Marco R. musste sich außerdem noch wegen eines Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz verantworten: Er hatte eine Youtube-Anleitung zum Böllerbauen angeschaut, sich Schwefel, Magnesium und Zündschnüre besorgt und anschließend gemeinsam mit seinem Kumpel (der ebenfalls eine Geldstrafe zahlen muss) die selbstgebastelten Böller gezündet und aus seinem Wohnungsfenster geworfen. „Ich wusste nicht, ob das verboten ist“, gab er zu Protokoll. Jetzt weiß er’s.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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