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"Nur" versuchte gefährliche Körperverletzung
22-Jähriger nach Polizeieinsatz in Alsdorf verurteilt

Nach dem Polizeieinsatz in Alsdorf, bei dem ein 22-Jähriger mit einem Messer auf die Beamten losgegangen war, wurde nun ein Urteil gefällt.
  • Nach dem Polizeieinsatz in Alsdorf, bei dem ein 22-Jähriger mit einem Messer auf die Beamten losgegangen war, wurde nun ein Urteil gefällt.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

damo Alsdorf/Koblenz. Zwischen dem ersten und dem zweiten Abfeuern des Tasers liegen exakt acht Sekunden – und ein Schuss aus der Dienstpistole: Diese Zeitspanne haben die Techniker des Landeskriminalamts aus dem Speicher der Elektroschockwaffe ausgelesen. Und sie verdeutlicht die Dynamik eines Polizeieinsatzes, den fünf junge Menschen wohl so schnell nicht vergessen werden.
„Das war ein einschneidendes Erlebnis für fünf junge Menschen“, sagt Gertraud Harnischmacher in ihrem Plädoyer vor der Koblenzer Schwurgerichtskammer. Und Richter Reiner Rühmann gibt der Oberstaatsanwältin uneingeschränkt recht: „Genau das trifft es.“
Schuss der Polizistin trifft Kevin T.

damo Alsdorf/Koblenz. Zwischen dem ersten und dem zweiten Abfeuern des Tasers liegen exakt acht Sekunden – und ein Schuss aus der Dienstpistole: Diese Zeitspanne haben die Techniker des Landeskriminalamts aus dem Speicher der Elektroschockwaffe ausgelesen. Und sie verdeutlicht die Dynamik eines Polizeieinsatzes, den fünf junge Menschen wohl so schnell nicht vergessen werden.
„Das war ein einschneidendes Erlebnis für fünf junge Menschen“, sagt Gertraud Harnischmacher in ihrem Plädoyer vor der Koblenzer Schwurgerichtskammer. Und Richter Reiner Rühmann gibt der Oberstaatsanwältin uneingeschränkt recht: „Genau das trifft es.“

Schuss der Polizistin trifft Kevin T. in die Hüfte

22-Jähriger randaliert

In der Tat war die Situation höchst gefährlich, und sie hätte mit ein bisschen Pech ein Menschenleben kosten können. Vier Polizisten, keiner von ihnen älter als 27 Jahre, werden am Abend des 26. Oktober zu einem Einfamilienhaus an der Alsdorfer Hauptstraße gerufen. Dort randaliert ein 22-Jähriger derart, dass seine Eltern sich nicht anders zu helfen wissen, als einen Notruf abzusetzen. Die Polizisten klopfen an die Tür, und dann eskaliert die Lage vollends: Kevin T. (Name geändert) stürmt mit einem Messer in der Hand zur Haustür hinaus und die Außentreppe hinab – alles binnen acht Sekunden. Am Ende, zwei Taser- und einen Pistolenschuss später, liegt der junge Mann schwer verletzt am Boden. „Sie wären fast zu Tode gekommen“, sagt die Oberstaatsanwältin. Und auch hier widerspricht ihr niemand.

Alle Plädoyers nachvollziehbar

Aber: Mit ihrer Einschätzung, dass am Ende der Beweisaufnahme feststeht, dass Kevin T. sich des versuchten Totschlags schuldig gemacht hat, steht die Oberstaatsanwältin allein. Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Andreas Stötzel, fordert in seinem Plädoyer einen Freispruch. Richter Rühmann, seine beiden Kollegen und die Schöffen liefern sogar noch eine dritte Interpretation der Geschehnisse: Sie verurteilen den 22-Jährigen wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung.
Also stehen am Ende einer langwierigen und gründlichen Beweisaufnahme drei gegensätzliche Meinungen im Raum. Unversöhnlich? Nur scheinbar. Denn das Besondere an diesem Fall ist: Alle drei Interpretationen sind plausibel und nachvollziehbar.

Rasend vor Wut

Als erste darf, so sieht es die Strafprozessordnung vor, die Oberstaatsanwältin ihr Plädoyer halten. Und Gertraud Harnischmacher spricht von einer Eskalation der Gewalt. „Der Angeklagte ist mit dem Messer in der Hand auf die Polizisten zugestürmt, er war fixiert auf die Beamten.“ Für Harnischmacher steht außer Frage, dass der 22-Jährige rasend vor Wut war: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte zugestochen hätte, wenn ihn nicht der zweite Schuss aus dem Taser endgültig zu Boden gebracht hätte.“ Sie fordert zwei Jahre und sechs Monate Haft und spricht sich zugleich dafür aus, den Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen, um seine Alkoholabhängigkeit zu therapieren – schließlich gehe von dem jungen Mann eine große Gefahr aus: „Will man weitere solche Fälle riskieren?“

Alkoholkonsum und Streit mit den Eltern

Ganz anders argumentiert der Verteidiger. Der Angeklagte mache keineswegs „den Eindruck, dass es sich bei ihm um einen gefährlichen Gewaltverbrecher handelt“. Vielmehr seien ihm an einem einzigen Abend die Sicherungen durchgebrannt – was nur zum Teil mit seinem Alkoholkonsum und seinen dauerhaften Streitigkeiten mit seinen Eltern zu erklären sei: „Wir haben nicht endgültig klären können, wie das Geschehen so eskalieren konnte.“ Fakt sei aber: Ein Messer sei keine Distanzwaffe – und wenn jemand wegen versuchten Totschlags verurteilt werden solle, dann müsse er unmittelbar vor der Tat gestanden haben. „Er war aber nie näher als 2 Meter an den Polizisten dran. Er musste also erst noch in Schlagdistanz kommen, um mit seinem Messer eine Verletzung herbeiführen zu können“, argumentiert Stötzel. Vom Versuch könne also nicht die Rede sein: Der Angeklagte müsse freigesprochen werden.
Das wiederum sieht die Schwurgerichtskammer anders – auch wenn Richter Rühmann durchblicken lässt, dass Stötzels Argumentation nachvollziehbar erscheint. „Aber: Die Schnelligkeit und die Dynamik der Situation lassen uns zu einem anderen Ergebnis kommen.“

Versuchte gefährliche Körperverletzung

Darauf aufbauend, stelle sich die nächste Frage: „Warum rannte der Angeklagte mit dem Messer in der Hand auf die Polizisten zu?“ Die Bandbreite der Möglichkeiten sei riesig: „Es kann sein, dass Sie nur weglaufen wollten“, sagt Rühmann und schaut den Angeklagten an. „Aber mit dem Messer in der Hand ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Konfrontation kommt, unglaublich hoch.“
Aber bedeutet Konfrontation auch, „dass der Angeklagte den Polizisten töten wollte? Das haben wir verneint“, erklärt Rühmann die Entscheidung der Kammer. Außer Frage stehe nur, dass der Angeklagte zumindest die Möglichkeit, einen der Polizisten zu verletzten, billigend in Kauf genommen habe. Und so kommt die Kammer zu einem vergleichsweise milden Urteil: Kevin T. wird wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Strafe wird aber zur Bewährung ausgesetzt. Jetzt muss der 22-Jährige eine stationäre Therapie machen, um seine Alkoholsucht in den Griff zu bekommen.
Noch im Gerichtssaal werden Kevin T. die Handschellen abgenommen: Nach vier Monaten U-Haft darf er mit seinen Eltern nach Hause fahren. „Wir geben ihm noch eine Chance“, sagt seine Mutter. Ob er sie nutzt, liegt aber vor allem in der Hand des 22-Jährigen.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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