Angeklagter sieht Schuld bei Opfern
33-Jähriger soll Brüder angefahren haben

Der 33-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt - und will in Berufung gehen.

dach Betzdorf. Vier Monate auf Bewährung, 150 Sozialstunden und – weitaus schlimmer für Tino D. – der Führerschein ist weg: Das ist das Ergebnis einer Verhandlung gegen den 33-jährigen Daadener am Amtsgericht Betzdorf.
Im April vergangenen Jahres soll Tino D. (alle Namen geändert) mit seinem BMW absichtlich auf ein Brüderpaar zugesteuert sein. Erkan G. – der noch beiseite springen konnte – soll er dabei am Bein gestreift haben. So schilderten das vermeintliche Opfer und dessen Bruder, Murat G., das Geschehen, das sich zwischen Edeka-und Rewe-Markt in der Heimatstadt des Angeklagten abgespielt hatte.

Täter oder Opfer?

Tino D. hatte eine völlig andere Sicht auf die Dinge. Ja, er sei an diesem Tag dort lang gekommen. Aber: „Ich würde niemals jemanden anfahren. Ich bin ein ganz lieber Mensch.“ Die Brüder seien vielmehr unvermittelt hinter einem Baum hervorgesprungen, und einer der beiden habe versucht, den Außenspiegel seines Wagens abzutreten. Er selbst habe gerade noch so ausweichen können.
Außerdem hatte der Angeklagte, der ohne Verteidiger im Gerichtssaal erschienen war, eine Vorgeschichte parat. Einige Wochen zuvor sei er in Daadens Ortsmitte auf ein weinendes Mädchen gestoßen, „vielleicht 15 oder 16 Jahre“. Nach mehrfacher Nachfrage habe sie ihm ein Handyvideo gezeigt. Darauf sei einer der Brüder zu sehen gewesen, wie er hinter der Kirche mit entblößtem Intimbereich versucht habe, ein wiederum anderes Mädchen zu gewissen Handlungen zu nötigen.
Nach diesem Video-Studium habe er dann Erkan und Murat G. mit dem Vorwurf konfrontiert. Einer von ihnen – Tino D. hatte leichte Schwierigkeiten beide auseinanderzuhalten – sei direkt aggressiv geworden. Bei weiteren Aufeinandertreffen hätten sie ihn dann immer wieder mit dem Handy fotografiert und gefilmt. Aber: Die Sache an sich habe sich im weiteren Verlauf entspannt. Bis zu dem Vorfall mit dem Auto.

"Habe nichts gegen Ausländer"

Als der vermeintliche Spiegeltritt passiert sei, habe er sofort angehalten und sei ausgestiegen. Einer der Brüder habe dann einen großen Stein zur Hand genommen, der andere aber einen Wurf verhindern können. Außerdem habe der „Stein-Bruder“ dann ein Messer gezückt, allerdings auch schnell wieder eingesteckt.
Welche Farbe das Messer gehabt habe, wollte Staatsanwältin Roedig wissen. Silbern, so Tino D. Die Juristin rümpfte unter ihrer Maske die Nase. Denn: Bei der Polizei habe er seinerzeit angegeben, das Messer sei orange gewesen.
Tino D. zückte außerdem ein Foto. Darauf zu sehen: die Tür zur öffentlichen Toilette am Daadener Bürgerhaus. Darauf prangte ein Schriftzug mit seinem Namen samt Beleidigung und dem Zusatz, man wolle ihn umbringen. Er ließ keinen Zweifel an seiner Einschätzung, von wem diese Botschaft stammen könnte. „Ich habe Angst vor solchen Leuten“, sagte er über die Brüder.
Was er mit „solchen Leuten“ meine, fragte die Staatsanwältin. Gegen Ausländer habe er jedenfalls nichts, so Tino D., einige seiner Freunde hätten ebenfalls fremde Wurzeln. Außerdem wollte die Staatsanwältin wissen, ob er das weinende Mädchen jemals wiedergesehen habe. Tino D. verneinte, und er wundere sich selbst darüber. „Ich kenn‘ normal jeden in Daaden.“

Angeklagter ist vorbestraft

Irgendetwas komme ihr spanisch vor, so die Staatsanwältin, vor allem im Zusammenhang mit dem Vorstrafenregister des Angeklagten, das elf Einträge beinhaltete, unter anderem wegen Diebstahl, Körperverletzung, Drogendelikten und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. „Ich habe meine Drogenvergangenheit hinter mir, bin komplett sauber“, sagte der Angeklagte. Er würde so gerne im sozialen Bereich arbeiten, etwa in einem Kindergarten. Aber das gehe nicht, wegen seines Führungszeugnisses.
Die beiden Brüder – die ihrerseits angaben, Angst vor dem Angeklagten zu haben – bestätigten mit ihren Aussagen im Wesentlichen die Vorwürfe der Anklage. Das passte Tino D. nicht, und er forderte Erkan G. auf: „Schwör’ doch mal bei Gott.“ Das konnte Richter Tim Hartmann nicht passen: „Im Moment bestimme ich, wer hier schwört!“ Der Richter ermahnte auch die Mutter des Angeklagten mehrfach, die immer wieder die Verhandlung aus dem Zuschauerbereich heraus störte, mal mit direkten Einwürfen, mal mit laut vor sich hingesprochenen Kommentaren.

Berufung angekündigt

Die Sache mit dem Video erklärten die Brüder indes so: Einer der beiden habe austreten müssen – und das in der Daadener Ortsmitte erledigt. Dabei habe ihn ein Mädchen gefilmt. Daraufhin habe ein junger Mann von ihnen Geld verlangt, andernfalls den Gang zur Polizei angedroht. Die Staatsanwältin konnte sich dunkel erinnern, dass dieser Vorfall wohl bereits im Ermittlungsstadium aufgrund fehlender Anhaltspunkte eingestellt worden war. Letztlich forderte sie exakt das Strafmaß, das Richter Hartmann daraufhin verhängte. Tino D. hatte hingegen sein Plädoyer genutzt um klarzumachen: „Unbegreiflich, was hier abläuft. Das ist Unrecht, was hier passiert.“
Die Mutter befand abschließend, der Richter habe ihrem Sohn erneut eine Chance auf ein geregeltes Leben genommen. Überhaupt seien auch alle vorherigen Urteile nicht korrekt gewesen. Tino D. kündigte an, in Berufung gehen zu wollen.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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