925 schmerzliche Einzelschicksale

Betzdorfer Gedenkbuch übergeben:

Neuhaus: Trauer zur Arbeit für Frieden nutzen /Opfern des Krieges Namen wiedergeben

rai Betzdorf. 925 Namen, 925 Tote, 925 Einzelschicksale – und doch stehen alle in einem grausamen Zusammenhang: Die Toten der beiden Weltkriege, die aus Betzdorf stammen, haben in einem Gedenkbuch einen Namen. Am Sonntag wurde das von Dr. Gerhard Hermann und Gerd Bäumer in mühevoller Kleinarbeit zusammen getragene Dokument an der alten Friedhofskapelle in Betzdorf bei einer Gedenkstunde der Stadt übergeben. Es benennt 177 gefallene und vermisste Soldaten des Ersten Weltkrieges, 412 gefallene Soldaten des Zweiten Weltkrieges und 168 Vermisste, 95 zivile Opfer durch Bombardements und Granatbeschuss sowie 73 an der »Bunkerkrankheit« verstorbene Kinder.

»Es ist schön, in Frieden zu ruhen, aber es ist besser, in Frieden zu leben«: Das Zitat aus einem Gedenkbuch an einer italienischen Kriegsgräbergedenkstätte stellte Ernst-Helmut Zöllner, Vorsitzender des Betzdorfer Geschichtsvereins (BGV), seinen einleitenden Worten voran. »Wir, die wir in Frieden leben, gedenken heute der zahlreichen Menschen, die ihr Leben im Krieg verloren haben –– vor vielen Jahrzehnten, vor einigen Jahren oder auch gestern. Denn irgendwo ist immer Krieg«, sagte Zöllner. Weil aber die Toten schweigen, beginne alles immer wieder von vorne, und das zu oft in der Welt. Den Verstorbenen könne man die Stimme nicht zurückgeben. Die abstrakten Zahlen von durch Krieg getöteten und vermissten Menschen aus Betzdorf würden jedoch ihren Namen in der Öffentlichkeit wieder erhalten. Damit versuche der BGV dazu beizutragen, die Einsicht für die Notwendigkeit zu fördern, in Toleranz, Mitmenschlichkeit und Frieden zu leben, sagte der Vorsitzende.

Besonderen Dank entrichtete er an die Vereinsmitglieder Dr. Gerhard Hermann und Gerd Bäumer, die umfangreich recherchiert hatten, um diese mahnenden Opfer nicht anonym, sondern mit ihrem Namen im Gedenkbuch der Nachwelt an dieser Stätte der Besinnung zu hinterlassen. Bei einem Besuch der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges sei er mit den riesigen Soldatenfriedhöfen konfrontiert worden, berichtete Dr. Hermann, Ideengeber für das Buch. Besonders beeindruckt habe ihn, dass noch nach 90 Jahren die letzte Ruhestätte von Nachkommen aufgesucht werden kann. Denn dort gibt es Gedenkbücher.

»Die Toten haben dort einen Namen. Und genau das fehlt in Betzdorf«, sagte er. Er erinnerte an den Ratsbeschluss, dass die renovierte Friedhofskapelle als Ort der Stille und des Gedenkens gestaltet werden sollte und ein Ort des Gedenkens an die dem Holocaust zum Opfer gefallenen 16 jüdischen Betzdorfer Mitbürger geschaffen werden sollte. Nach seinen Erlebnissen in Flandern sei ihm der Gedanke gekommen, in der Halle aller Kriegsopfer der Weltkriege zu gedenken – in Form eines Buches.

Der Vorschlag fand beim damaligen Bürgermeister Michael Lieber uneingeschränkte Zustimmung, zumal der BGV und insbesondere dessen Vorsitzender Zöllner die Verwirklichung des Buches sofort aufgriff, so Dr. Hermann, der sich mit BGV-Geschäftsführer Gerd Bäumer unter anderem in dem von der Stadt geöffneten Archiv des Standesamtes an die Arbeit machte.

Besonders schwierig gestaltete sich die Nachforschung nach Vermissten. Es konnten nur solche ermittelt werden, die z.B. im Erbfall für tot erklärt wurden und die zudem in Betzdorf geboren waren.

Das Buch soll den größtenteils anonym oder in fremder Erde Ruhenden ihren Namen und ihre Würde geben, so Dr. Hermann. Es soll allen betroffenen Angehörigen ebenso wie den Überlebenden als Zeichen des Respekts und tiefen Mitgefühls über das erlittene Unrecht gelten. Es soll der Öffentlichkeit eine dauernde Erinnerung an die Kriege als ein Teil der deutschen Geschichte im Gesamten und als Teil Betzdorfer Geschichte im Besonderen sein.

»Nur wenn der Baum der Erinnerung Früchte trägt, kann er in der Zukunft wachsen«: Mit ihren Gedanken bereicherten am Sonntag Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule Betzdorf die Gedenkstunde, die vom ev. Posaunenchor musikalisch gestaltet wurde.

Mit viel Dank beschloss Stadtbeigeordneter Werner Neuhaus die Gedenkfeier, die in den Volkstrauertag eingebunden war. Dank entrichtete er vor allem an den BGV, »der uns in beeindruckender Weise mit dem Gedenkbuch für die Opfer der Weltkriege sensibilisiert hat«, so Neuhaus. Hunger, Terror und Krieg in heutigen Tagen würden immer wieder zeigen, dass der Hass noch lebendig sei. »Daher müssen wir die Trauer zur Arbeit für den Frieden nutzen«, sagte er. Der BGV werde anderthalb Jahre warten, um mögliche Ergänzungen zu sammeln, das Gedenkbuch anzupassen und anschließend in Buchform zu veröffentlichen, welches dann auch die Geschichte der zehn Betzdorfer Denkmale beinhalten wird.

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