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SZ-Gespräch mit Suchtberater Roland Brenner
Alkohol und Drogen: Frauen holen auf

Drogen und/oder Alkohol können Menschen in die Zange nehmen. Das wissen Suchtberater nur zu gut.
  • Drogen und/oder Alkohol können Menschen in die Zange nehmen. Das wissen Suchtberater nur zu gut.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

dach Betzdorf. Die Erkenntnis von Roland Brenner klingt so simpel wie einleuchtend. „Nach jedem High kommt ein Low“, sagt er. Und je nachdem, wie low – also wie tief – Betroffene in den Strudel von gewissen Substanzen geraten, kommen sie aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Dafür gibt es die Suchtberatung, Brenner ist Fachteamleiter bei der Betzdorfer Caritas. Im Gespräch hat er der SZ Einblicke in aktuelle Entwicklungen gewährt. Dabei gibt es zwei große Felder: die legale Droge Alkohol – und alle anderen.

Berufsstand oder Bildungsgrad spielen demnach beim Thema Sucht eine untergeordnete Rolle. Das Team der Caritas habe es genauso mit dem Handwerker wie mit dem Bauingenieur zu tun. Gerade im Bereich der ambulanten Reha seien es oft Menschen, die voll im Berufsleben stünden.

dach Betzdorf. Die Erkenntnis von Roland Brenner klingt so simpel wie einleuchtend. „Nach jedem High kommt ein Low“, sagt er. Und je nachdem, wie low – also wie tief – Betroffene in den Strudel von gewissen Substanzen geraten, kommen sie aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Dafür gibt es die Suchtberatung, Brenner ist Fachteamleiter bei der Betzdorfer Caritas. Im Gespräch hat er der SZ Einblicke in aktuelle Entwicklungen gewährt. Dabei gibt es zwei große Felder: die legale Droge Alkohol – und alle anderen.

Berufsstand oder Bildungsgrad spielen demnach beim Thema Sucht eine untergeordnete Rolle. Das Team der Caritas habe es genauso mit dem Handwerker wie mit dem Bauingenieur zu tun. Gerade im Bereich der ambulanten Reha seien es oft Menschen, die voll im Berufsleben stünden.
Zuletzt habe er bei Betroffenen immer öfter mit einem Mischkonsum aus Cannabis mit seiner dämpfenden Wirkung und Amphetamin mit seinem aufputschenden Effekt zu tun. Brenners Schlussfolgerung: „Die Leute nehmen heute Drogen, nicht um sich aus der Gesellschaft auszuklinken, sondern um dabei zu sein.“ Heißt: tagsüber Amphetamin, um mithalten zu können, abends Cannabis, um wieder „runterzukommen“.

Alkohol als Volksdroge

Überhaupt Cannabis: Das darf offenbar – selbstverständlich neben Alkohol – getrost als Volksdroge bezeichnet werden. Suchtexperten gehen demnach davon aus, dass 40 Prozent eines Jahrgangs mindestens einmal im Leben Kontakt zu „Gras“ oder Haschisch haben. Dass es dabei vermeintlich um ein harmloses Vergnügen geht, davon hält Brenner nichts. „Cannabis macht abhängig, geistig und körperlich.“ Wenn auch nicht so stark wie manch andere Substanzen. Allerdings stellt er auch heraus: „Was körperliche Schädigungen betrifft, ist das Schlimmste eigentlich der Alkohol.“

Alkoholkonsum sei nun mal kulturell gewachsen – und dem sei politisch kaum entgegenzuwirken. Weit verbreiteten Mythen, dass etwa ein Glas Rotwein gesundheitsfördernd sei, erteilt Brenner eine klare Absage: „Das ist totaler Blödsinn.“ Mittlerweile sei die Forschung zu dem Standpunkt gelangt, dass Alkohol „per se schädlich“ sei. Aus Sicht der Suchthilfe stellt Roland Brenner aber klar: „Wir wollen nicht das ganze Land trockenlegen.“ Schließlich komme ein Großteil der Konsumenten mit Alkohol zurecht. Einige aber eben nicht, mit oftmals fatalen Folgen.
Generell seien Drogen und Alkohol „oft ein Männerproblem“, wenn auch Frauen „aufholten“. Rauschmittel hätten stets eine gewisse Funktion. Männer bzw. Jungs tendierten dazu, sich eher innerhalb von Gruppen profilieren zu wollen. Nicht selten seien es deshalb junge männliche Singles, die einer Sucht verfielen. Es handele sich dabei oft um eine Selbstwertproblematik. Eine wichtige Frage, die er Betroffenen stelle, sei: „Willst du so sein?“ Brenner meint damit, nur mit sich selbst (und der eigenen Sucht) beschäftigt zu sein.

Süchtige kommen oft aus Süchtigenfamilien

Es ist offenbar nicht bloß Glück bzw. Pech, einem Stoff zu verfallen oder eben nicht. „Bei denen, die süchtig werden, ist mehr dahinter.“ Süchtige entstammten oftmals Süchtigenfamilien. Zum einen geht man mittlerweile davon aus, dass es gewisse genetische Anlagen gibt, die eine spätere Sucht begünstigen. Zum anderen spielen das familiäre Umfeld und die entsprechende Prägung hier eine gewichtige Rolle. Aber auch die körpereigenen Spiegel für Endorphine („Glückshormone“) bzw. für dessen Botenstoff Dopamin würden im Wesentlichen in der Kindheit angelegt. Und gerade Menschen mit niedrigen Spiegeln seien besonders suchtanfällig. Denn sie erführen durch Rauschmittel eine „wahnsinnig positive Bestärkung“.

Als absolute Horrordroge wird stets Heroin dargestellt. Die sei bei jungen Leuten aber „kein Thema mehr.“ Allerdings gebe es nach wie vor aus dem Raum Betzdorf 17, 18 Leute, die Ersatzstoffe bekämen, meist Ältere. Auch die zweite Droge, die in Film und Fernsehen stets uneingeschränkt als Teufelszeug gilt, spielt in der hiesigen Region keine Rolle: „Ich habe schon lange nichts mehr von Crack gehört.“ Allerdings, und das betont Brenner ausdrücklich, würden mittlerweile vermehrt auch junge Menschen zu Kokain greifen. Offenbar sei viel von dem weißen Pulver auf dem Markt und der Preis entsprechend gesunken.

Schwappt der Opioidmissbrauch nach Deutschland über?

Brenners große Befürchtung: dass die teils erschreckende Lage um den Opioidmissbrauch in Form von Medikamenten aus den USA auf Deutschland überschwappen könnte. Präparate wie Tilidin sind mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. „Wir merken, das schleicht sich ein.“
Die Pandemie macht sich derzeit nur bedingt bemerkbar. Brenners Einschätztung: Psychisch belastete Menschen greifen nun häufiger zu diversen Substanzen. „Das ist deutlich fragiler.“ Man habe festgestellt, dass langjährig Abstinente plötzlich rückfällig werden. Dennoch liefert die Forschung hier unterschiedliche Ergebnisse. Eine Studie des österreichischen Kompetenzzentrums Sucht habe für 2020 keinen signifikanten Anstieg des Alkoholkonsums festgestellt. Der Global Drug Survey habe für Deutschland hingegen eine erste Tendenz zu einem leicht erhöhten Konsum von Alkohol und Cannabis herausgearbeitet.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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